Ein Imam liest im Koran © picture alliance / dpa

Deutsche Imame: Nichts als Präventionsakteure?

Stand: 13.11.2020 13:46 Uhr

Im Mittelpunkt der Deutschen Islamkonferenz stand unter anderem die Imamausbildung in Deutschland. Imame, die hier ausgebildet werden, wünscht sich auch unser Gastautor, der Islambildforscher Junus el-Naggar. Wie darüber auf der Islamkonferenz diskutiert wurde, findet er jedoch problematisch.

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von Junus el-Naggar

Die diesjährige Islamkonferenz dreht sich um die Ausbildung muslimischer Geistlicher, um Imame, Moscheen und Predigten. Beim Verfolgen der Berichterstattung darüber fiel mir auf, dass dieser Bedarf überwiegend nicht mit den Interessen der muslimischen Gläubigen selbst legitimiert wird. Vielmehr steht seine vermeintlich integrative und präventive Wirkung im Fokus.

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Junus el-Naggar

Die Deutsche Islamkonferenz hatte sich seit 2006 kontinuierlich weiterentwickelt. Ihre Debatten wurden zunehmend nüchtern und konstruktiv. Jetzt aber verschränkt sich der aktuelle Diskurs um die Imamausbildung wieder unmittelbar mit Diskursen um Innere Sicherheit und mit den jüngsten Ereignissen von Paris, Dresden und Wien. Der unter Rechtfertigungsdruck stehende Innenminister Seehofer sieht sich gezwungen zu betonen, dass die Islamkonferenz sich durch Terrorismus und Extremismus nicht aus der Bahn werfen lasse und nennt die Imamausbildung einen "Beitrag zur Prävention". Die Präventionsrhetorik haben auch viele Musliminnen und Muslime übernommen, die sich auf das Spiel einlassen. Selbst der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime betont bei der Eröffnung der Islamkonferenz, religiöse Aufklärung bringe eine "Immunisierung gegen Extremismus" hervor.

Wo bleibt die Anerkennung religiöser Pluralität?

Aber wieso überhaupt diese Verknüpfung? Und wieso werden die Ziele einer Imamausbildung so oft so negativ formuliert? Wieso muss es darum gehen, Radikalisierung, Extremismus oder Terrorismus zu verhindern? Und nicht darum, eine gleichberechtigte Anerkennung zu erreichen und religiösen Pluralismus als Chance zu verstehen? Kann man einer Gesellschaft die Legitimation der Ausbildung religiösen Personals wirklich nur dadurch vermitteln, dass Radikalisierung vorgebeugt wird?

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Ein Koran auf Koranständer und einem Gebetsteppich in einer Moschee. © NDR Foto: Julius Matuschik

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Ich finde es schade, dass eine echte Anerkennung religiöser Pluralität scheinbar noch nicht möglich ist. Zu präsent sind dafür noch die Bilder aus Wien. Die Präventionsrhetorik ist daher ein unkompliziertes, einfaches, sofort einleuchtendes Argumentationsmuster. So etwas wie in Wien, das soll nie wieder passieren. Und wenn die Ausbildung von Imamen dabei helfen kann, das zu verhindern, dann bitte. Eine echte Anerkennung und Förderung muslimischer Strukturen und muslimischer Sichtbarkeit scheinen dahinter nicht zu stecken. Vielmehr scheinen deutsche Musliminnen und Muslime Bedarfe nur anmelden zu dürfen, wenn sie dazu beitragen, dass sie sich integrieren, statt sich zu radikalisieren.

Diese Präventions- und Integrationslogik verortet Radikalisierungsrisiken und Integrationsunwilligkeit bei Leuten wie mir. Und das konstruiert eine pauschale muslimische Bedrohung, unterstellt ein generelles Integrationsdefizit und setzt Muslime wie mich einem Generalverdacht aus. Vor einer Radikalisierung bewahrt zu werden? Das ist nicht der Grund, wieso ich mir in Deutschland sozialisierte und deutschsprachige Imame wünsche. Oder weil ich einen mündigen und ja keinen radikalen Umgang mit Religion vermittelt bekommen möchte. Oder weil ich mit Hilfe eines Integrationslotsen in eine Gesellschaft integriert werden müsste, der ich seit Geburt zugehöre. Oder weil ich durch die Vermittlung eines öffentlichen Akteurinnen-genehmen Islams doch bitte ein gesellschaftliches Vorbild werden möchte. Klar, das möchte ich. Aber das brauchen mir weder Politik noch Medien nahezulegen. Das möchte ich, weil ich es möchte.

Ich wünsche mir in Deutschland sozialisierte Imame

Ich habe in den letzten Jahren viele Imame in unterschiedlichen Moscheen kennengelernt, die aus dem Ausland nach Deutschland kamen. Alle waren hochgebildete Menschen und von jedem gab es eine Menge zu lernen. Das Bild, das in der Öffentlichkeit von ihnen gezeichnet wird, kann ich nicht bestätigen.

Und dennoch: Ich wünsche mir in Deutschland sozialisierte Imame. Weil ich sie sprachlich, und was meine Lebensrealität angeht, verstehen möchte. Und weil auch sie mich verstehen sollen. Ich wünsche sie mir, weil sie meine gesellschaftliche Position als deutscher Muslim kennen. Weil sie wissen, welchen Herausforderungen ich begegne und wie Leben und Alltag hier funktionieren.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 13.11.2020 | 15:20 Uhr

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