Stand: 03.01.2019 16:56 Uhr

2019 - viele Muslime schauen nach Niedersachsen

von Ita Niehaus

Eines zeichnet sich jetzt schon ab: die Debatte um den Islam und die Muslime in Deutschland wird auch in diesem Jahr in den Schlagzeilen bleiben. Das zeigt nicht zuletzt die aktuelle Diskussion um die Moscheesteuer. Welche Themen jedoch sind für Muslime im Norden 2019 besonders wichtig? Wo soll sich etwas bewegen?

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Die große Mehrheit der Muslime sieht sich als Teil dieser Gesellschaft.

Recep Bilgen, der Vorsitzende des Moscheeverbandes Schura Niedersachsen, die Osnabrücker Streetworkerin Dua Zeitun und der Hamburger Blogger Akif Sahin müssen nicht lange nachdenken. Sie wissen genau, was 2019 oben auf ihrer Liste steht. "Die Gespräche und der Abschluss eines Staatsvertrag, damit verbunden die Anerkennung der Verbände als islamische Religionsgemeinschaften, die Bekämpfung des Antisemitismus und auch der Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft entgegenzutreten", sagt Recep Bilgen.   

Für Dua Zeitun steht vor allem ein Thema im Fokus: "Die Islamverbände sollen schauen, was sie mit den Absolventen der Islamischen Theologie machen, die keine berufliche Perspektive haben. Wie können wir sie in der Moscheearbeit einsetzen?" Und Akif Sahin fragt sich: "Werden die Muslime ihre eigenen Probleme in den Ländern lösen können? Und wird es wirklich mehr Gespräche mit staatlichen Oberhäuptern, Bürgermeistern und auf Landesebene geben?"

Ein neuer autonomer Islamverband entsteht in Niedersachsen

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Der ehemalige niedersächsische Schura-Vorsitzende Avni Altiner macht sich für einen dritten muslimischen Landesverband in Niedersachsen stark.

Viele Fragen sind noch offen. Die Ausbildung von Imamen etwa, auch der Vertrag mit den muslimischen Verbänden liegt auf Eis in Niedersachsen. Und die Debatte um die politische und finanzielle Unabhängigkeit der Moscheegemeinden geht ebenfalls weiter. Ende Januar wird Avni Altiner, der ehemalige langjährige Vorsitzende der Schura Niedersachsen, deshalb einen neuen autonomen Islamverband gründen. Der neue Landesverband sieht sich als Ansprechpartner für das Land Niedersachsen. Dua Zeitun, Tochter eines syrischen Imams und Absolventin des Osnabrücker Instituts für Islamische Theologie, unterstützt die Initiative: "Ich sehe mich als deutsche Muslima, als Teil dieser Gesellschaft, bin in Deutschland sozialisiert und brauche auch einen Dachverband, der mich auch als deutsche Muslima widerspiegelt. Einen Verband, der sich als deutscher islamischer Dachverband sieht, unabhängig von irgendeiner Nationalität."

Die Debatte um die Unabhängigkeit der Moscheegemeinden geht weiter

Recep Bilgen, Mitglied bei der islamischen Gemeinschaft Milli Görüs, kritisiert die geplante Gründung. Diese sei eine Spaltung einer Religionsgemeinschaft.  Vorwürfe, die bereits existierenden großen Islamverbände seien zu stark vom Ausland, vor allem von der Türkei, beeinflusst, weist er zurück: "Weil die Mitgliedsgemeinden der Schura weder personell, finanziell noch ideell vom Ausland gesponsert oder unterstützt werden. Die lassen sich nichts von ihren Herkunftsländern diktieren und ich als Vorsitzender erst Recht nicht."

Der Hamburger Blogger und Islamexperte Akif Sahin beobachtet die Entwicklung in Niedersachsen mit großem Interesse. Die Erwartungen an den Verband seien hoch, die Gefahr zu scheitern aber auch. Dennoch, sagt Sahin, der neue Islamverband könnte eine Signalwirkung auf Muslime in anderen Bundesländern haben. Auf Mitglieder der Schura in Hamburg zum Beispiel. "Die Schura hat Probleme, weil sie organisatorische und personelle Strukturreformen braucht. Wenn man dann nach Niedersachsen blickt und da bildet sich ein neuer Landesverband, der als liberal gilt und gemäßigt und der wird von der Politik hofiert, dann werden sich auch andere Gemeinden die Frage stellen, können wir das nicht auch machen."

Auch künftig Dialog und Zusammenarbeit stärken

In einem sind sich alle einig: Es sei wichtig, auch künftig Dialog und Zusammenarbeit zu stärken – nicht nur auf Länderebene. Dua Zeitun wünscht sich mehr innermuslimische Debatten. Und mehr Selbstkritik. Das könnte auch bei der Imamausbildung Fortschritte bringen. "Das ist oft so, dass man oft Imame sucht aus dem eigenen Land, um diese Kultur hier aufrecht zu erhalten", meint Zeitun. "Die Frage ist, inwieweit die Moscheen sich wirklich öffnen werden und diesen jungen Theologen, die hier geboren und aufgewachsen sind, eine Chance geben mit ihrer interkulturellen Kompetenz."

Die Schura Niedersachsen will in diesem Jahr, so Recep Bilgen, ihre Mitglieder stärker in die aktuellen Diskussionen mit einbeziehen. Drei Regionalkonferenzen seien bereits geplant. 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 04.01.2019 | 15:20 Uhr