Stand: 17.07.2013 18:57 Uhr  | Archiv

Razzia gegen rechtsextreme "Werwolf"-Zelle

Rechtsextremist Sebastien N. (l.) bei einer Demonstration in Hamburg im Mai 2008.  Foto: Julian Feldmann
Der Schweizer Neonazi Sebastien N. (links im Bild), war 2012 in Hamburg verhaftet worden - nun gilt er als mutmaßlicher Mitgründer einer terroristischen Vereinigung.

Die Bundesanwaltschaft hat Wohnungen, Geschäftsräume und Haftzellen von Rechtsextremisten in Norddeutschland, der Schweiz und den Niederlanden durchsuchen lassen. Die Männer werden verdächtigt, eine rechtsterroristische Vereinigung gegründet zu haben. Das teilte die Bundesanwaltschaft am Mittwoch in Karlsruhe mit. In Niedersachsen wurden Objekte zweier Verdächtiger überprüft - in Buchholz in der Nordheide und in Burgwedel bei Hannover. Außerdem gab es eine Razzia im Raum Wismar in Mecklenburg-Vorpommern, wie NDR 1 Radio MV erfuhr. Dort hat einer der beiden ebenfalls Räume.

50 Polizisten durchsuchen Verdächtige in Norddeutschland

Bei einem der Verdächtigen in Niedersachsen handelt es sich nach NDR Informationen um den 29-jährigen Denny R. Außerdem soll der 32-jährige Heiko W. auf der Liste der Fahnder gestanden haben. Der Bundesanwaltschaft zufolge waren an den Durchsuchungen in Norddeutschland etwa 50 Beamte beteiligt. Festnahmen gab es keine - konkrete Anschlagspläne hatte die Gruppe nach bisherigem Ermittlungsstand nicht.

Einer der in der Schweiz überprüften Gefängnisinsassen ist nach ARD-Informationen Sebastien N., der im vergangenen Jahr auf dem Bahnhof in Hamburg-Harburg verhaftet wurde. N. war später von Deutschland an die Schweiz ausgeliefert worden, weil er dort einen Mann niedergeschossen haben soll. Nun gilt N. den Ermittlern offenbar als Anführer der mutmaßlichen Terrorzelle.

Terroranschläge in Deutschland geplant?

Der "Werwolf" der Nationalsozialisten

Der damalige SS-Führer Heinrich Himmler rief im November 1944 die Organisation "Werwolf" ins Leben. "Entschlossene Männer und Frauen" sollten hinter den Linien des Feindes einen Guerillakrieg führen - zum Beispiel durch Sabotage. Auch zahlreiche Morde an "Volksverrätern" und Anschläge auf alliierte Soldaten in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges gehen auf das Konto dieser und ähnlicher Organisationen. "Werwolf" ist ein häufig von Neonazis zitierter Begriff.

Es besteht nach Angaben der Bundesanwaltschaft der Verdacht, dass die Überprüften ein "Werwolf-Kommando" gründen wollten, um Terroranschläge gegen die Bundesrepublik zu begehen. Ziel der Gruppe sei es gewesen, das politische System gewaltsam zu beseitigen. Die Verdächtigen sollen laut Bundesanwaltschaft bereits ein elektronisches Verschlüsselungsprogramm entwickelt haben, um geheim zu kommunizieren. Bei den Razzien stellten die Beamten schriftliche Unterlagen und Computer sicher, die jetzt ausgewertet werden.

Als Vorbild soll der Gruppe die sogenannte "Werwolf"-Taktik der Nazis gedient haben.

Offenbar Verbindungen zu Hamburger "Weisse Wölfe Terrorcrew"

Neonazi-Demonstration in Bad Nenndorf 2011: Hinter einem Transparent der Hamburger "Weisse Wölfe Terorcrew" geht links im Bild der Rechtsextremist Heiko W.  Foto: Julian Feldmann
Einige der Verdächtigen haben offenbar Verbindungen zur Hamburger "Weisse Wölfe Terrorcrew" - Heiko W. (l.) hielt bei einer Demo ein Transparent der Gruppe.

Einige der Männer werden mit der Hamburger "Weisse Wölfe Terrorcrew" in Verbindung gebracht: Heiko W. ist einem Bericht des Nordmagazins zufolge seit 2010 Mitglied der rechtsextremen Organisation. Er tauchte unter anderem bei Demonstrationen in Nienhagen, Wismar und Bad Nenndorf auf. Heiko W. soll früher Rechtsrock-CDs und Propagandamaterial über einen Onlinehandel vertrieben haben.

Bereits 2011 Polizeiaktion gegen "Weisse Wölfe"

Die "Weisse Wölfe Terrorcrew" wird vom Hamburger Verfassungsschutz beobachtet. "Ihr gehören etwa zehn Personen an, von denen die meisten als gewaltbereit einzuschätzen sind. Durch selbstbewusstes Auftreten bei Veranstaltungen und auch durch offensive Propaganda-Aktionen versucht die Gruppe jüngere Aktivisten für sich zu gewinnen", heißt es im Verfassungsschutzbericht 2012. Im März 2011 hatten Polizisten nach einer Neonazi-Aktion mehrere Wohnungen von Anhängern der Gruppe in Hamburg und Niedersachsen durchsucht und Wurfgeschosse, Baseballschläger, Schreckschusswaffen und NS-Devotionalien sichergestellt. Vor einigen Wochen waren Aufkleber der "Weisse Wölfe Terrorcrew" nach Angriffen auf ein linkes Jugendzentrum in Hamburg-Bergedorf aufgetaucht.

An den Ermittlungen gegen das "Werwolf-Kommando" war nach Informationen von NDR 90,3 unter anderem das Hamburger Landeskriminalamt beteiligt. Bei den Razzien waren auch Hamburger Polizisten und Beamte aus Mecklenburg-Vorpommern dabei.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 17.07.2013 | 11:30 Uhr

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