Das Fundament einer einer Windkraftanlage. © Siemens GAMESA

Wilstermarsch: Fundamente für die leistungsstärksten Windräder

Stand: 07.12.2021 05:00 Uhr

Fundamente im weichen Marschboden zu bauen, ist eine besondere Herausforderung - vor allem, wenn dort die leistungsstärksten Windräder Deutschlands drauf stehen sollen, die aktuell gebaut werden können. So wie in der Wilstermarsch.

von Sven Jachmann

Schon von Weitem ist der hellblaue, meterhohe Ausleger zu sehen. Scheinwerfer beleuchten in der Morgendämmerung die Baustelle im Kreis Steinburg. Sie liegt mitten in der Wilstermarsch, zwischen Averfleth und der B5. Hier baut Siemens Gamesa zwei Windräder der Superlative - jeweils 122 Meter hoch. Ragt einer der Propeller senkrecht nach oben, kommen noch einmal 76 Meter dazu. Die zwei Windräder können 10.000 Haushalte mit Strom versorgen. "Sie gehören zu den weltweit leistungsstärksten Anlagen. Die Installation hier in der Wilstermarsch ist eine Deutschlandpremiere", erklärt Philipp Stelljes. Er ist Ingenieur bei Siemens Gamesa und koordiniert die Fundamentarbeiten. Seine Firma wird die Anlage die kommenden 20 Jahre warten.

Vier alte Anlagen müssen weichen

"Eine Grundbedingung war, dass wir vier unserer Anlagen abbauen", erzählt der Geschäftsführer des Windparks Mario Mehrens. Seine Gesellschaft betreibt mehrere Anlagen im Kreis Steinburg und Dithmarschen. "Die vier Altanlagen befinden sich in Brunsbüttel im Elbehafen und beim Kernkraftwerk. Die beiden neuen Windräder erzeugen mehr Windstrom als die vier zusammengenommen." Seine Gesellschaft investiert 13 Millionen Euro in die beiden Hochleistungswindräder, die jeweils eine Leistung von 6,6 Megawatt erreichen können. Vor zehn Jahren hatte er noch mit vier Windrädern geplant. "Die Technik hat sich aber weiterentwickelt, jetzt reichen zwei", sagt Mehrens.

Tonnenschwere Anlage auf viel zu weichem Untergrund

Der Boden der Wilstermarsch ist sehr weich und stellte die Ingenieure vor einige Probleme. Sie waren zwei Wochen damit beschäftigt, den Boden zu stabilisieren. "Die oberste Bodenschicht besteht aus vier Metern Torf, die haben wir komplett ausgehoben“, erzählt Philipp Stelljes. Dann folgen noch einmal zehn Meter Klei, ein sehr weicher, wasserhaltiger Boden. Das Wasser haben die Techniker ausgepumpt. Dann haben sie Tausende Tonnen Schotter und Sand verlegt, um auf diesem Untergrund zu bauen.

Stahl und Beton für mehr Stabilität

Die beiden 122 Meter hohen Windräder brauchen zudem ein tragfähiges Fundament. Täglich fahren Betonmischer auf das Gelände. Der Beton wird über eine Pumpe im Fundament verteilt. Was aus der Ferne aussieht wie ein Kran, ist der meterhohe Ausleger der Betonpumpe. Aus der Mitte der schon gegossenen Betonplatte ragt ein Zylinder mit einem Durchmesser von vier Metern heraus. Er ist von Stahlstreben umgeben, die senkrecht im Boden stecken. "Das ist der Ankerkorb. Über ihn müssen wir das Gewicht des Windrades in den Boden verteilen", erklärt Stelljes. Der Ankerkorb ist somit der Sockel der Anlage. Um ihn herum wurden 51 Pfeiler in den Boden gerammt, 24 Meter tief. "Bei den Rammarbeiten hat der Boden gewackelt, als wäre er aus Pudding", erzählt Stelljes.

Spinnennetz aus Stahl

In den nächsten Tagen sind die Techniker damit beschäftigt, ein Geflecht aus Stahlstreben um den Zylinder herum herzustellen. Ausgehend von jedem der 51 Pfeiler bis zum in der Mitte stehenden Zylinder, dem Ankerkorb. Dieses Spinnennetz aus Stahl wird komplett mit Beton bis zur Oberkante des 3,5 Meter hohen Zylinders ausgegossen. Dann ist das Fundament für die neue Windkraftanlage fertig. Die Fundamente allein wiegen Tausend Tonnen. "Über die Stahlstreben und die Bodenpfeiler leiten wir das tonnenschwere Gewicht der Anlage in den Boden. Einen Tannenbaum spannen Sie ja auch in einen Fuß oder ein Dreibein. Somit steht er stabiler und das Gewicht wird auf mehrere Punkte verteilt. Hier ist es das gleiche Prinzip, nur in erheblich größeren Dimensionen", erklärt Siemens-Konstrukteur Beat Wilsker. Ende des Jahres sind die Arbeiten an den Fundamenten abgeschlossen.

Windradaufbau im kommenden Sommer

Auch für den Kran, der die Teile der Anlage beim Aufbau anhebt, wird ein Fundament gegossen. Es steht auf 16 Pfeilern. "Pro Tag kann der Kran zwei Segmente heben, die werden dann mit dem Fundament verschraubt. Als letztes wird der Fahrstuhl von oben durch den Turm heruntergelassen", beschreibt Baustellen-Manager Beat Wilsker die Arbeiten im kommenden Jahr.

Aber lohnt sich der hohe Aufwand? "Die Winderträge in der Region sind sehr hoch", meint Philipp Stelljes. "Letztlich ist das ein Rechenspiel. Wir haben die Anlage von oben nach unten geplant, ein Einzelhaus planen sie eher von unten nach oben." Sein Kollege Beat Wilsker ergänzt: "Wir bauen auch Anlagen auf hoher See, wir haben mit diversen Untergründen Erfahrungen. Da ist jede Menge machbar.“ Im kommenden Sommer werden die Windräder aufgestellt. Das sind dann die wenigen Tage im Jahr, an denen es möglichst windstill sein sollte.

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Schleswig-Holstein Magazin | 06.12.2021 | 19:30 Uhr

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