Weniger CO2-Ausstoß: Schiffe sollen Wirbelströmungen nutzen

Stand: 05.05.2021 15:17 Uhr

Wie können Schiffe weniger Treibstoff verbrauchen und weniger CO2 ausstoßen? Das Geomar und ein Kieler Start-Up wollen Reedereien künftig mit Daten zu aktuellen Wirbelströmungen, sogenannten Eddies, versorgen.

von Malin Girolami

Es ist eine Zahl, die man sich kaum vorstellen kann: 800 Millionen Tonnen Kohlendioxid werden jährlich durch den Schiffsverkehr in der Atmosphäre freigesetzt. Sie entstehen bei der Verbrennung von Treibstoff. Dabei, so eine Faustregel, erzeugt eine Tonne Treibstoff drei Tonnen CO2. Um die Klimaschutzziele zu erreichen, steigt der Druck auf die maritime Wirtschaft, Lösungswege zu finden.

Die Idee, erstmals die Ozeanzirkulation in die Routenberechnung einzubeziehen, fand die Reederei Briese aus Leer/Niedersachsen von Beginn an spannend. Sie betreibt unter anderem die Forschungsflotte des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung. Sich mit "Green Shipping", also der Nachhaltigkeit im Schiffsverkehr zu beschäftigen, sei unverzichtbar für die Branche geworden, so Klaus Küper von Briese Research.

Grundlagenforschung zur Ozeanzirkulation am Geomar

Eine Grafik des Geomars zeigt Meeresströme in den Weltmeeren. © NDR
In dieser Simulation vom Geomar sieht man die Eddies - hier farbig gekennzeichnet. Sie entstehen spontan und bleiben über einige Monate.

Den Schwung des Golfstroms nutzen zum Beispiel alle Seefahrer, wenn Sie den Atlantik überqueren, erklärt der Geomar-Professor für Ozeanzirkulation, Arne Biastoch. An den Rändern der großen Strömung bilden sich zusätzlich kleinere Wirbel mit mehreren hundert Kilometern Durchmesser, sogenannte Eddies. In ihnen herrschen Strömungsgeschwindigkeiten von fünf bis zehn km/h. Sie seien das maritime Äquivalent zum Wetter, so Biastoch und bislang vor allem aus wissenschaftlicher Perspektive erforscht. Die Idee, Eddies bei der Berechnung von Routen in der Schifffahrt einzubeziehen, sei neu. Dafür müssen die Informationen aus den Strömungssimulationen des Geomar mit den Daten aus der Schifffahrt zusammengebracht werden. Deshalb habe man das Kieler Start-Up TrueOcean an Bord geholt, das sich auf große Datenmengen und künstliche Intelligenz spezialisiert hat.

Künstliche Intelligenz aus dem Start-Up

Im Keller befindet sich hinter mehreren Sicherheitstüren der Serverraum von TrueOcean. Ein Umschlagplatz für riesige Datenmengen, erklärt der Gründer des Startups, Jann Wendt. Hier sollen in Zukunft die aktuellen Daten von den Reedereien und aus den Simulationen der Wissenschaftler einlaufen, um dann mit Hilfe von künstlicher Intelligenz die optimalen Routen zu berechnen. Das Ziel: Durch die Kraft der Eddies soll Treibstoff gespart werden - und CO2. Noch steht das Projekt am Anfang, gerade wertet TrueOcean gemeinsam mit dem Geomar bisherige Schiffsrouten aus, um zu erfahren, welchen Einfluss die Eddies in der Vergangenheit gehabt haben könnten. Nur so bekommen sie eine Basis, um dann, ähnlich einer Wettervorhersage, die Routen individuell vorherzusagen.

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Win-Win-Situation für die Reedereien

130 Schiffe betreibt die Reederei Briese weltweit - darunter auch acht Forschungsschiffe. Wenn man von A nach B will, stimmt man die Route mit Wind und Strömung ab - Eddies hätten da nie eine Rolle gespielt, so Klaus Küper von Briese Research. Auch wenn es noch keine konkreten Zahlen zu den Einsparpotentialen gibt, sieht er jetzt schon den Nutzen. "Ein Forschungsschiff hat im Jahr drei Millionen Euro Treibstoffkosten, wenn man da nur wenige Prozentpunkte einsparen könnte, lohnt sich der Aufwand bereits." Zum ökonomischen kommt der ökologische Aspekt, der in der Branche immer wichtiger wird. Eine Win-Win-Situation also, findet Küper. Und auch das Interesse von anderen Reedereien sei groß, berichtet der Geschäftsführer von TrueOcean. Eine weiter große Reederei aus Hamburg würde ihre Routendaten jetzt ebenfalls zur Verfügung stellen.

Das Ziel - in zwei Jahren belastbare Daten

Wie viel Kraft liegt wirklich in den Eddies? Und wie viel CO2 kann durch schlaue Routenplanung tatsächlich eingespart werden? Das wollen Geomar und das Kieler Startup TrueOcean jetzt gemeinsam herausfinden. Zwei Jahre wird das Projekt unter anderem vom Land Schleswig-Holstein gefördert.

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Schleswig-Holstein Magazin | 05.05.2021 | 19:30 Uhr

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