Traditionssegler "Zuversicht": Verein will Kieler Kulturgut retten

Stand: 16.12.2020 11:01 Uhr

Auf der "Zuversicht" haben unzählige Jugendliche das Traditionssegeln gelernt. Ein Verein will das marode Kieler Schiff retten. Erste positive Signale gibt es schon.

von Malin Girolami

115 Jahre alt, zwei Masten, weinrote Segel: Die "Zuversicht" ist ein Schmuckstück, sagen Kenner. Nur zwei ihrer Art gibt es in Deutschland überhaupt noch. Seit 20 Jahren ist der Verein "Jugendsegeln" mit dem Kieler Schiff unterwegs, bringt jungen Leuten das Traditionssegeln und vor allem die Gemeinschaft an Bord nahe. Doch bei einer Routinekontrolle im September wurden massive Schäden im Rumpf des Schiffes entdeckt. Die geschätzten Sanierungskosten liegen bei mehr als einer Million Euro. Der Verein will die "Zuversicht" retten.

Gemeinsames Segelsetzen formt ein Team

An diesem Tag im Dezember liegt das Schiff im Nieselregen im Hafen der Rathje-Werft in Kiel-Friedrichsort. Zehn Vereinsmitglieder sind dabei, die Segel für den Winter runterzunehmen. Eingeteilt in ein Land- und ein Bord-Team, um die Abstände einzuhalten. In den vorherigen Wintern waren auch immer Jugendgruppen dabei, um zu unterstützen. Denn auch das gehört zum Segeln: das Schiff winterfit machen und pflegen.

Das Deck eines Traditionsseglers, fotografiert im Kieler Hafen © NDR Foto: Malin Girolami
Auf der "Zuversicht" werden derzeit die Segel heruntergenommen.

Betina Bewarder ist stellvertretende Vorsitzende des Vereins und dem Zauber der "Zuversicht" erlegen, sagt sie. Viele Törns hat sie schon mitgemacht und erzählt mit leuchtenden Augen von Fahrten mit deutschen und dänischen Jugendlichen, Gitarrenklängen an Bord und davon, wie das gemeinsame Segelsetzen aus den einzelnen Grüppchen ein Team geformt hat.

Im Herbst zeigen sich Schäden im Rumpf

"Rumpf aufmachen" - das hatte die Aufsichtsbehörde für Sicherheit im Herbst gefordert. Und unter den Planken verbargen sich dann massive Schäden. Die tragende Schiffskonstruktion ist sichtbar verrottet oder verrostet, muss erneuert werden. Das gesamte Schiff sei fragil, erklärt Uwe Baykowski, Bootsbaumeister und Sachverständiger für Traditionsschiffe. Das Problem seien die Holz-Eisen-Verbindungen, die nach 115 Jahren im Einsatz durchfaulen. Um wieder seetüchtig zu werden, brauche die "Zuversicht" eine Komplettsanierung des Rumpfes. Sie sei es wert, sagt der Experte, denn das Schiff sei ein Kulturgut, auf ihr könne man Segel-Geschichte erleben.

Echtes Kulturgut: 115 Jahre Segel-Geschichte

Gebaut wurde der sogenannte Marstal-Schoner 1905 im dänischen Nyborg. Er war als Transportsegler unterwegs bis nach Neufundland. Später wurde die "Zuversicht" als Steinfischerfahrzeug verwendet und holte Material vom Grund der Ostsee für den Hafenbau. Kurz bevor sie auf der Abwrackwerft landete, wurde sie in den 1980er-Jahren von Schiffsenthusiasten entdeckt, restauriert und umgebaut.

Ein Traditionssegler, im Kieler Hafen © NDR Foto: Malin Girolami
Die "Zuversicht" ist 115 Jahre alt. Ihr Heimathafen ist Kiel.

Im Jahr 2000 hat sie dann der Verein "Jugendsegeln" erworben. Seitdem sind regelmäßig Jugendgruppen von Pfadfindern, Kirche oder auch der Multiplen Sklerose Gesellschaft mit ihr auf Segeltörn. 15 Gäste können mitfahren, dazu zwei Bootsmenschen und ein Skipper. Die Hierarchie sei flach, erzählt Betina Bewarder, alle an Bord dürfen und müssen Verantwortung übernehmen.

Verein ist auch auf der Suche nach Sponsoren

Auf der "Zuversicht" sind sie jetzt dabei die Segel abzuschlagen. Betina Bewarder zeigt unterdessen Kombüse und Kojen. Noch stehen die Thermoskannen für Tee und Kaffee in den Regalen, doch in der Messe ist der Boden schon freigelegt. Auch hier wird deutlich: Die "Zuversicht" ist alt und braucht sehr viel mehr als nur einen neuen Anstrich. Im Verein haben sie schon Ideen gesammelt für ein Fundraising-Konzept per Onlinekonferenz, doch noch stehen sie am Anfang der Rettung. In Eigenleistung sei es nicht zu schaffen, man müsse Experten bezahlen. Kieler Woche, Feierabendsegeln, der Hamburger Hafengeburtstag - das alles ist in diesem Jahr Corona-bedingt weggefallen. Und so ist die Vereinskasse leer.

Gute Signale gibt es, den Liegeplatz stellt die Rathje-Werft kostenlos zur Verfügung. Und einige Bootsbauer haben zugesagt, für den halben Preis zu arbeiten. Es ist das Schiff, aber auch der Zusammenhalt im Verein und vor allem die Jugendarbeit, die sie hier in Kiel unbedingt retten wollen.

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