Tierwohl: Landwirte in SH unter Zugzwang

Stand: 08.07.2021 15:35 Uhr

Bis 2030 will der Discounter Aldi kein Frischfleisch mehr aus den Haltungsformen eins und zwei anbieten. Viele Landwirte in Schleswig-Holstein sind skeptisch.

von Alexandra Bauer und Constantin Gill

Die Schweine, die aufgeregt um Landwirt Thorben Lucht herumtraben, als er ihren Stall betritt, haben etwas mehr Platz als es die gesetzlichen Mindestanforderungen vorsehen. Außerdem haben sie Stroh und Holzbalken als Beschäftigungsmaterial. Die Haltungsstufe zwei sieht das so vor. Die meisten Landwirte in Schleswig-Holstein halten ihre Tiere in Stufe eins oder zwei.

Tiere brauchen Frischluft

Tierwohllabel der Initiative Tierwohl auf der Verpackung von Fleisch. © imago images Foto: Thomas Trutschel/photothek
Das Tierwohllabel der Initiative Tierwohl zeigt auf der Verpackung von Fleisch die Haltungsstufe an.

Um auf eine höhere Haltungsstufe zu kommen, müsste Thorben Lucht aus Barlt (Kreis Dithmarschen) für noch mehr Platz sorgen. Also entweder die Fläche erweitern - oder weniger Tiere halten. Außerdem bräuchten die Tiere dauerhaft Zugang zur Außenluft. "Für meinen Betrieb bedeutet das, dass wir hier ein Loch in die Wand machen müssten und draußen einen Auslauf bauen. Das wäre für mich eigentlich die sinnvollste Variante, um Haltungsstufe drei hinzubekommen."

Das würde neue Investitionen in seinen Schweinestall bedeuten, den er vor sieben Jahren für etwa 800.000 - 900.000 Euro gebaut hat. Ob die sich auszahlen, weiß er nicht. Auch die genauen Anforderungen, die Aldi stellt, kennt Lucht noch nicht. Er ist aber für alles offen: "Ich kann am Ende auch sagen, meine Schweine werden von irgendeiner Person gestreichelt, wenn das gefordert wird. Dann machen wir das halt, überhaupt kein Problem. Aber es muss bezahlt werden."

"Recht radikale Änderung der Systeme"

Was Lucht hier so gelassen kommentiert, ist aus Sicht der Landwirtschaftskammer eine "recht radikale Änderung der Systeme." Veränderungen wie der Umbau auf die Außenklima-Haltung müssten langfristig geplant werden. Auch der Bauernverband würde sich ein "langes Zeitfenster" für die Veränderungen wünschen. Doch die Zeit bis 2030 ist kurz: Allein Genehmigungsverfahren für Umbauten könnten Jahre dauern, sagt Vizepräsident Dietrich Pritschau.

Landwirtschaftskammer rechnet mit Konflikten

Dazu kommen ungeklärte Fragen, etwa wie mit Imissionen umgegangen werden soll: Wenn die Tiere Frischluft bekommen und der Schweinestall-Geruch nach außen dringt. "Viele Ställe sind im Dorf und die Nicht-Landwirte sind dichter an die Höfe rangerückt. Es wird wirklich zwangsläufig zu Konflikten in den Dörfern kommen", sagt Pritschau. Landwirt Thorben Lucht aus Barlt verweist außerdem auf die mögliche Lärmbelästigung. "Schweine sind laut", stellt er trocken fest.

Je zahlreicher die offenen Fragen, desto stärker der Bedarf an klaren Regelungen - die vermisst der Bauernverband derzeit. Dabei hatte eine Expertenkommission auf Bundesebene sogar Vorschläge gemacht, die aus Pritschaus Sicht in die richtige Richtung gehen. Sie sehen auch Fördermittel für den Umbau von Betrieben vor, ohne die es aus Sicht des Bauernverbandes nicht geht. Doch umgesetzt wurden die Empfehlungen bisher nicht, bemängelt Pritschau. "Wir starten diesen Prozess des Umbaus", bekennt er sich. "Aber die die Baustellen liegen im politischen Feld."

Experte: Aldi setzt die Standards

Der Agrarökonom Prof. Dr. Uwe Latacz-Lohmann von der Uni Kiel meint, die Politik hätte längst die gesetzlichen Anforderungen bei der Tierhaltung erhöhen können. Stattdessen setze nun Aldi die Standards. "Jetzt sind wir in einer Situation, wo letztlich der Lebensmitteleinzelhandel den Staat vor sich hertreibt und eigenständig höhere Standards setzt, die jetzt weit über die gesetzlichen Mindeststandards hinausgehen."

Bauernverband fürchtet um den Betriebszweig Schweinehaltung

Und die Landwirte? Latacz-Lohmann könnte sich vorstellen, dass sich der Markt aufteilt: Die, die ihre Höfe gerade erst nach den alten Bedingungen gebaut haben, bleiben bei den unteren Haltungsstufen - und liefern dann kein Frischfleisch, sondern Würstchen oder den Belag für die Salami-Pizza. Der andere Teil baut Höfe nach den höheren Standards.

Der Bauernverband weiß von Mitgliedern, die sich um die Existenz ihrer Betriebe sorgen. Und bei der Landwirtschaftskammer ist man besorgt: Durch die aktuell niedrigen Erlöse in der Schweinehaltung fehlten aktuell auch die Mittel für Investitionen. Die Befürchtung: "Viele Betriebe könnten den Betriebszweig Schweinehaltung aufgeben."

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Aldi verspricht Bauern Planbarkeit

Nachdem Aldi seine Tierwohl-Pläne ankündigte, hagelte es Pressemitteilungen aus dem Handel. Rewe, Lidl - alle zogen sie nach und skizzierten ihre Pläne für den Abschied vom Frischfleisch aus den unteren Haltungsstufen. Auch Edeka plant, kurzfristig auf die Haltungsstufe eins und längerfristig auf die Haltungsstufe zwei bei Frischfleisch zu verzichten. "Gemeinsam mit unseren Partnern aus der Landwirtschaft erarbeiten wir dazu aktuell die konkreten Details", schreibt das Unternehmen.

Aldi verspricht den Landwirten "klare Ziele über die nächsten Jahre sowie zuverlässige Partnerschaften und damit Sicherheit für die Abnahme von Tierwohlware." Das Unternehmen stellt aber auch klar: Allein über einen höheren Einkaufspreis werden die Landwirte den Systemwechsel nicht finanzieren können.

Alle müssen tiefer in die Taschen greifen

Landwirt Thorben Lucht bringt es auf den Punkt: "Die gesamte Kette vom Verbraucher bis zum Landwirt muss sich einig sein, dass wir mehr Geld ausgeben wollen für die Schweinehaltung und dann funktioniert es." Und er fügt noch hinzu: "Schwer ist das nicht, wir müssen nur mehr Geld ausgeben."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 08.07.2021 | 17:00 Uhr

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