Stutthof-Prozess in Anwesenheit der ehemaligen KZ-Sekretärin gestartet

Stand: 19.10.2021 18:35 Uhr

Vor dem Landgericht Itzehoe ist die Anklage gegen eine frühere KZ-Sekretärin verlesen worden. Die heute 96-Jährige muss sich wegen Beihilfe zum Mord im KZ Stutthof bei Danzig in mehr als 11.000 Fällen verantworten.

In einem der voraussichtlich letzten NS-Prozesse in Deutschland ist am Dienstag vor dem Landgericht Itzehoe die Anklage gegen eine frühere KZ-Sekretärin verlesen worden. Die heute 96-Jährige muss sich wegen Beihilfe zum Mord im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig in mehr als 11.000 Fällen verantworten. Der Angeklagten wird zur Last gelegt, in ihrer Funktion als Stenotypistin und Schreibkraft in der Lagerkommandatur des ehemaligen Konzentrationslagers Stutthof zwischen Juni 1943 und April 1945 den Verantwortlichen des Lagers bei der systematischen Tötung von dort Inhaftierten Hilfe geleistet zu haben. Imgard F. habe durch ihre Tätigkeit Kenntnis über alle Vorgänge gehabt und sei über alle dort praktizierten Mordmethoden informiert gewesen, so Staatsanwältin Maxi Wantzen.

Anklage beschreibt Zustände in Stutthof

In der Anklage wurden die Zustände im Lager Stutthof in der Zeit von Juni 1943 und April 1945 beschrieben: Von Genickschüssen war die Rede, von Vergasungen und Todesmärschen der Gefangenen. Außerdem seien die Häftlinge kurz vor dem Zusammenbruch des Reiches ihrem Schicksal überlassen worden. Sie bekamen laut Anklage kein Essen mehr, starben an Erschöpfung oder Krankheiten.

Angeklagte sagte nicht aus

In einem "Opening Statement" erwiderte der Verteidiger Wolf Molkentin: "Es wird zu klären sei, inwieweit eine 'Schreibkraft' eine Beihilfe zum Mord geleistet haben kann." Dazu hätte die damalige Sekretärin viel mehr wissen und aktiver an den Morden beteiligt gewesen sein müssen. Sie leugne nicht die Shoa, habe jedoch keine Schuld auf sich geladen. Die 96-Jährige sagte am Dienstag im Prozess nicht aus. Der Prozesstag endete nach zwei Stunden. In einer Woche soll es mit der Vernehmung eines Historikers weitergehen.

Mahnwache vor dem Gericht

Etwa 30 Demonstranten des Jugendkultur-Vereins Freiraum Itzehoe nahmen vor dem Landgericht an einer Mahnwache teil. Hintergrund ist, dass sich rechtsextreme Gruppen mit der Angeklagten solidarisiert und sie als Rebellin gefeiert hatten. Im Gespräch mit NDR Schleswig-Holstein sagte Versammlungsleiter Robert Pohl: "Um dieser menschenverachtenden Ideologie nicht unkommentiert die Bühne zu überlassen, haben wir uns entschieden, zusammen mit einem Vertreter der Verfolgten des Naziregimes die Versammlung anzumelden." Zum Prozess waren auch Rechtsextreme angereist. Sie hatten im Vorfeld zur Teilnahme aufgerufen.

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Schleswig-Holstein Magazin | 19.10.2021 | 19:30 Uhr

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