Plastik aus dem Müllstrudel - Geomar-Team zurück in Kiel

Stand: 15.01.2021 16:03 Uhr

Ein Team vom Geomar in Kiel ist Anfang Dezember mit dem Forschungsschiff "Sonne" mitten in den sogenannten nordatlantischen Müllstrudel unterhalb der Azoren gefahren. Sein Ziel: den Weg des Plastiks vom Festland nachzuverfolgen, aber auch mögliche Lösungen für das Plastikproblem im Meer zu finden.

von Malin Girolami

Fast sechs Wochen waren sie auf hoher See, auf den Spuren des Plastiks. In der letzten Woche legte das Geomar-Team dann in Emden wieder an und bereitet nun in Kiel die Auswertung der Proben vor. Expeditionsleiter Aaron Beck will herausfinden, wie schnell die Plastikteile vom Festland aufs offene Meer, und dann in den Müllstrudel geraten. "Wir haben auf ein schönes, klares und blaues Meer geblickt - doch wenn wir das Netz unseres kleinen Katamarans eingeholt haben, war das voll mit Kunststoffpartikeln. Ein richtiger Regenbogen aus Plastikteilen, das war schon erstaunlich und erschreckend", sagt Beck. In den kommenden Wochen wird er die gesammelten Proben mit verschiedenen Verfahren, wie z.B. einer Partikelanalyse, genau untersuchen - nur eins von zahlreichen Forschungsprojekten.

Plastikfressende Planktonteilchen?

Aaron Beck vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.
Expeditionsleiter Aaron Beck will herausfinden, wie schnell die Plastikteile vom Festland bis in den Müllstrudel im Nordatlantik gelangen.

Auch Thea Hamm hat zwei Kisten voller Proben mitgebracht. Sie will erfahren, wie das Plastik in die Tiefsee kommt, denn eigentlich müssten die Kunststoffteile auf Grund ihrer Dichte an der Wasseroberfläche schwimmen. Eine Möglichkeit wäre, dass Plankton die Partikel frisst und das Plastik in ihnen in die Tiefe sinkt. Deshalb hat sie ihre Planktonproben auch in Weckgläsern transportiert, damit es keine Plastikverunreinigung von außen gibt. In den nächsten vier Monaten wird sie die Mageninhalte des Planktons untersuchen, dass sie aus verschiedenen Wassertiefen entnommen hat. Das war gar nicht so einfach, erzählt sie. Zum Teil war die See ganz schön rau, die Wellen vier Meter hoch.

Lösungsidee: Bakterien als Müllabfuhr für Plastik?

Bei vielen Projekten geht es darum, mehr über das Plastik im Meer und seine Auswirkungen auf die Unterwasserwelt zu erfahren. Erik Borchert allerdings arbeitet in einem Uni-übergreifenden Projekt an Lösungen, wie es sich vermeiden lässt, überhaupt Plastikmüll in der Umwelt entsorgen zu müssen. Er erforscht, ob sich Bakterien, sozusagen als Müllabfuhr für Plastik eignen würden. Bekannt ist, dass es Bakterien gibt, die Plastik abbauen können, allerdings sehr langsam. Sein Ziel ist es jetzt, diese Bakterien zu isolieren und zu optimieren, so dass sie schneller arbeiten. Unklar ist aber noch, welche Enzyme genau für den Abbau verantwortlich sind.

Langzeitforschung als Riesenchance für das Plastikproblem

Seine Proben sind Kunststoffteile, die sie im Meer gefunden haben.  Ein Gummiband, ein Plastikdeckel, der Rest eines Fischernetzes. Auf ihnen haben sich Mikroorganismen festgesetzt. Die möchte Erik Borchert jetzt im Labor ablösen und ihre Erbinformationen sequenzieren, um so das entsprechende Enzym zu identifizieren, das Plastik zersetzen kann. Dafür brauchen der Biotechnologe und seine Forschungsgruppe wohl die kommenden zwei Jahre. Bis sich das Enzym dann wirklich einsetzten ließe, könnte es noch zehn Jahre dauern, schätzt Borchert, aber dann sei es eine Riesenchance, um zu verhindern, dass noch mehr Plastik ins Meer eingeleitet wird. Einsetzbar wäre es zum Beispiel in Kläranlagen. Denn was jetzt schon drin ist, im Ozean, das wird da wohl auch bleiben.

Die Expedition mit der "Sonne" war die zweite von insgesamt drei Forschungsreisen, die von sechs europäischen Ländern mit 2,3 Millionen Euro gefördert werden.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 15.01.2021 | 19:30 Uhr

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