Stand: 11.02.2020 12:56 Uhr

Mordprozess von Dammfleth: Was bisher geschah

Im Prozess um eine zerstückelte und einbetonierte Leiche in Schleswig-Holstein sind am 11. Februar 2020 am Landgericht in Itzehoe die Urteile verkündet werden. Gerichtsreporter Jörn Schaar hat das komplette Verfahren verfolgt und fasst für NDR.de in einer Chronologie zusammen, welche Fakten bekannt sind.

April 2017: Wo ist Miroslav P.?

Zwei Polizisten stehen hinter Absperrband, das eine Auffahrt eines ländlichen Hofs abgrenzt © Westküsten-News Foto: Karsten Schröder
5. März 2019: Polizisten sperren die Auffahrt zum Reiterhof in Dammfleth in der Wilstermarsch ist ab.

Miroslav P. lebt mit seiner Lebensgefährtin Jessica M. und zwei gemeinsamen Töchtern auf einem Reiterhof in Dammfleth in der Wilstermarsch (Kreis Steinburg). Ende April 2017 verschwindet er spurlos. Jessica M. erzählt einem Nachbarn, dass Miroslav abgehauen sei. Sie habe das Haus verlassen mit allen Türen offen vorgefunden.

Die damals 14 Jahre alte Tochter Sophie schickt eine verklausulierte Chat-Nachricht an ihren damaligen Freund - mit dem Hinweis, jeweils nur das erste Wort eines jeden Satzes zu lesen. Die Wörter ergeben den Satz "Heute bringen wir meinen Vater um". Ihr Freund nimmt das nach eigener Aussage zunächst nicht ernst.

Yasar S. ist ein jahrelanger Freund von Jessica M. Die beiden kennen sich aus einem Hamburger Bordell, wo sie als Prostituierte und er als Aufpasser arbeitete. Yasar S. kauft in einem Landhandel sechs Säcke Branntkalk. Laut einem Verkäufer ist das eine ungewöhnlich große Menge für Privatpersonen. Üblicherweise wird Branntkalk benutzt, um große Flächen in Ställen zu desinfizieren. Die Chemikalie ist in Verbindung mit Feuchtigkeit ätzend und bindet Gerüche.

Mai 2017: Vermisstenanzeige

Vier Wochen nach dem Verschwinden ihres Lebensgefährten geht Jessica M. zur Polizei in Wilster und erstattet eine Vermisstenanzeige. Der Beamte glaubt ihr und nimmt die Anzeige auf.

Yasar S. zieht auf den Reiterhof - angeblich, um Jessica zu unterstützen, wie Verwandte später aussagen. Yasar S. kauft zwei weitere Säcke Branntkalk im Landhandel.

Januar 2019: Ex-Freund informiert die Polizei

Ein halbes Jahr nach der Trennung von Sophie steht ihr Freund plötzlich im Unterricht auf und verlässt das Schulgelände. Er geht zur Polizei in Itzehoe, um eine Aussage zu machen. Nach Aussage eines Beamten ist der junge Mann emotional aufgewühlt und ängstlich. Er sagt unter anderem aus, dass die Leiche von Miroslav P. auf dem Reiterhof versteckt sei.

5. März 2019: Grausige Funde auf dem Hof

Spezialkräfte der Polizei nehmen Yasar S. vor der Arbeitsagentur in Itzehoe fest. Er leistet keinen Widerstand.

Auf dem Hof beginnen die Ermittler damit, drei Tage lang alles zu durchsuchen. In der Reithalle schlägt ein Leichenspürhund an. Im Boden finden die Beamten die Überreste eines menschlichen Körpers, der kaum noch zu erkennen ist. In der ganzen Grube ist festgebackener Branntkalk. Außerdem finden die Beamten Munition eines Kalibers, das zu der Munition im Schädel des Toten passt, sowie Waffenteile.

Polizeitaucher finden schließlich in einem Wassergraben hinter dem Stall sechs Betonklötze. Jeweils vier Mann sind nötig, um sie aus der Wettern zu bergen. Mit einer mobilen Röntgenanlage des Zolls werden sie durchleuchtet und es ist klar: Darin sind Leichenteile einbetoniert. Noch vor Ort brechen Spezialisten der Polizei die Betonblöcke auf, um die Leichenteile für die Rechtsmedizin zu sichern.

Ein Richter erlässt Haftbefehle gegen Jessica M. und Yasar S., der nun als ihr neuer Partner gilt.

9. März 2019: Obduktion der Leiche

Rechtsmediziner untersuchen die Leichenteile. Ein Schuss muss nahezu horizontal in den Hinterkopf abgegeben worden sein, der zweite von oben mittig etwas rechts vom Scheitel. Das Opfer muss gegenüber dem Schützen eine sitzende oder kniende Position gehabt haben. Jeder der beiden Schüsse war für sich genommen tödlich, Selbstmord ist laut Obduktion ausgeschlossen. Die Leiche wurde laut Rechtsmedizin mit Messer und Säge zerteilt.

März 2019: Weitere Aussagen

Nachdem mehrere Medien über den Leichenfund berichten, meldet sich ein anderer Freund der älteren Tochter Sophie bei der Polizei. Er sagt aus, Sophie habe in den Tagen nach der Tat mit ihm darüber gesprochen.

Außerdem meldet sich Volcan I. bei der Kripo. Er sitzt mit Yasar S. in Neumünster im Gefängnis und berichtet den Beamten, dass Yasar S. mit ihm über die Tat gesprochen habe. Die Waffe habe Yasar S. mit einer Flex zerteilt und in verschiedenen Mülleimern im Hamburger Stadtgebiet entsorgt. Im Gespräch zwischen den beiden Häftlingen sei es auch darum gegangen, den Ex-Freund der Tochter zu beseitigen.

August 2019: Prozessbeginn am Landgericht

Beim Auftakt im Mordprozess verliest der Staatsanwalt lediglich die Anklageschrift. In wenigen Sätzen schildert er seine Sicht auf die Tat: Jessica M. und Yasar S. sollen Miroslav P. heimtückisch getötet haben. Die Frau soll ihn in ein Kinderzimmer des Reiterhofes gelockt haben. Dort habe Yasar S. seinen Nebenbuhler mit zwei Schüssen in den Hinterkopf niedergestreckt, so die Anklage. Um die Tat zu verschleiern, sollen die beiden das Opfer zerstückelt und einige Leichenteile einbetoniert haben. Die Angeklagten machen zu Prozessbeginn weiterhin keine Angaben zu den Vorwürfen. Sophie und ihre jüngere Schwester sind Nebenklägerinnen in dem Verfahren gegen ihre Mutter und deren neuen Freund.

September 2019: Tochter unter Mordverdacht

Am zweiten Verhandlungstag sagt der Ex-Freund von Sophie aus. Er gilt als Hauptbelastungszeuge. Das Gericht schließt die Öffentlichkeit aus - unter anderem, weil es Morddrohungen gegen den jungen Mann gegeben haben soll, wie die Vorsitzende Richterin sagt. Er belastet seine ehemaligen Freundin schwer. Sie habe ihm schon kurz nach der Tat erzählt, dass sie ihren Vater in das Zimmer gelockt hat. Außerdem habe sie ihm das Versteck der Leiche in der Reithalle gezeigt. Er habe lange geschwiegen, um Sophie zu schützen. Auch die jetzt 16-Jährige steht jetzt unter Mordverdacht. Gegen sie soll es ein separates Verfahren geben.

Oktober 2019: Mithäftling sagt aus

Volcan I. ist als Zeuge im Prozess geladen. Er saß mit dem Angeklagten Yasar S. gemeinsam im Gefängnis. "Der Angeklagte bestätigte dem Zeugen, dass er zwei Mal aus nächster Nähe auf den Hinterkopf des Opfers geschossen und ihn damit getötet habe", sagt Staatsanwalt Jan-Hendrik Schwitters nach der Befragung. Allerdings habe der mutmaßliche Täter ihm gesagt, die mitangeklagte Frau und auch die Tochter hätten nichts mit der Tat zu tun. "Daraus kann man dann ableiten, dass diese Informationen vom Angeklagten stammten, der nach meinem Dafürhalten die Angeklagte schützen wollte mit seinen Angaben und deswegen die Geschichte so erzählt hat", sagt Schwitters. Volcan I. sagt außerdem aus, dass Yasar S. die Leiche angeblich wegen des starken Verwesungsgeruchs in der Reithalle ausgegraben und zerteilt habe.

Dezember 2019: Mutter und Tochter auf freiem Fuß

Das Landgericht Itzehoe hebt den Haftbefehl gegen Jessica M. auf. Laut einer Sprecherin der Staatsanwaltschaft besteht kein dringender Tatverdacht mehr gegen die 37-Jährige. Auch die inzwischen 16 Jahre alte Tochter Sophie ist demnach wieder auf freiem Fuß. Die Anklage gegen die beiden Frauen sei aber ausdrücklich nicht aufgehoben, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Januar 2020: Überraschendes Geständnis

Am Ende des Prozesses äußert sich erstmals Yasar S. zu den Vorwürfen. Der 47-Jährige legt ein Geständnis ab - den Mordvorwurf streitet er allerdings ab. In seiner Erklärung sagt der Angeklagte, er hätte auf dem Hof zusammen mit dem späteren Opfer Drogen genommen. Als sie dabei von der Tochter überrascht wurden, sei der Mann durchgedreht. Das spätere Opfer habe zunächst seine Tochter, dann den Angeklagten selbst körperlich angegriffen. Weil der Mann auch nach einer Pistole griff, habe er ihn mit einem Schuss aus einem halbautomatischen Gewehr getötet. Die Leiche habe er mit einer Schubkarre in die Reithalle des Hofes gebracht und nachts oberflächlich begraben. Jessica M. sei zur Tatzeit unterwegs gewesen und hätte von nichts gewusst. Monate später habe er die Leiche zerteilt und Teile davon einbetoniert.

Februar 2020: Staatsanwalt fordert lebenslängliche Haft

Eine lebenslange Haftstrafe - das fordert die Staatsanwaltschaft für die beiden Angeklagten. Die Verteidigerin von Yasar S. plädiert hingegen auf Totschlag. Ihr Mandant sei wegen seines Drogenkonsums unmittelbar vor der Tat nur vermindert schuldfähig gewesen.

Die Anwältin von Jessica M. plädiert für ihre Mandantin auf Freispruch. Die Zeugenaussagen basierten auf Hörensagen und die weiteren Beweise reichten für eine Verurteilung nicht aus, sagt sie nach der Verhandlung dem NDR.

Die Vertreterin der jüngeren Tochter plädiert ebenfalls für einen Freispruch der Mutter. Einen konkreten Strafantrag für Yasar S. stellt sie nicht.

11. Februar 2020: Urteil verkündet

Das Gericht verurteilt Yasar S. und Jessica M. zu jeweils lebenslangen Haftstrafen. Das Gericht sieht es als erwiesen, dass beide Angeklagten den Mord an den ehemaligen Lebensgefährten der Frau gemeinsam geplant hätten - und verurteilte sie wegen heimtückischen Mordes. Die Tochter der Frau ist ebenfalls angeklagt - allerdings in einem anderen Prozess, da sie minderjährig ist. Das Verfahren beginnt am 12. Februar.

Weitere Informationen
Ein Blick von außen auf das Landgericht Itzehoe.  Foto: Bodo Marks

Zerstückelte Leiche: Lebenslange Haft gefordert

Die Staatsanwaltschaft hat im Prozess um eine zerstückelte und einbetonierte Leiche auf einem Reiterhof in Dammfleth lebenslange Haft gefordert. Ein 48-Jähriger hatte die Tat gestanden. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 11.02.2020 | 13:00 Uhr

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