Stand: 30.09.2018 19:05 Uhr

Trotz "Ehe für alle": Eltern werden bleibt schwer

von Marc Hoffmann

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Mittlerweile haben Sirkka und Mirka einen dicken Aktenordner mit Unterlagen rund um ihren Kinderwunsch.

Für viele Schwule und Lesben ging vor einem Jahr, am 1. Oktober 2017, ein jahrzehntelanger Kampf zu Ende: Die "Ehe für alle" wurde Wirklichkeit. Sirkka Mentlein erinnert sich noch ganz genau an den Tag im Juni 2017 als der Bundestag für die gleichgeschlechtliche Ehe stimmte: "Weil ich das im Livestream verfolgt hatte. Ich saß mit Tränen in den Augen im Büro und habe dann natürlich gleich gegoogelt, ab wann es möglich ist", erinnert sie sich. Die Kielerin und ihre Frau Mirka gehörten zu den ersten gleichgeschlechtlichen Paaren, die sich in Schleswig-Holstein im Oktober 2017 das Ja-Wort gegeben haben.

Zur Gleichstellung ist der Weg lang

In Norddeutschland haben inzwischen weit mehr als 2.000 homosexuelle Paare geheiratet. Allein in Hamburg sind es rund 900. Zwei Drittel lebten bereits zuvor in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft und gingen - genauso wie Sirkka und Mirka - ein zweites Mal zum Standesamt. "Vom Gefühl hat sich natürlich nichts verändert, aber es ist schon eine Genugtuung, wenn man dann auch seine Ehe-Urkunde in der Hand hält", erinnert sich Sirkka. Mit der sie es als Familie mit Kind einmal leichter haben würden, so hoffte sie. Doch völlig gleichgestellt sind homosexuelle Ehen immer noch nicht. "Ich hatte damals ganz naiv gedacht, wenn die Ehe für alle da ist, dann habe ich gleiche Rechte und ich kann alles genauso machen wie die heterosexuellen Paare auch. Aber dem war nicht so", sagt Sirkka.

Weitere Informationen

"Ehe für alle": Hannover ist Spitze

Seit genau einem Jahr ist es gleichgeschlechtlichen Paaren erlaubt, vor dem Standesamt zu heiraten. In Hannover waren es seitdem 366 Paare, in Braunschweig 177. mehr

Trotz Eheurkunde: Der lange Weg zum Wunschkind

Zum Beweis blättert sie durch einen dicken Aktenordner, der ihren bisherigen Weg zu einem Wunschkind dokumentieren soll. "Dieser Ordner ist voller Bürokratie: Notariatsvertrag, Rechnungen, alles mögliche", erklärt Sirkka. Denn sie möchte sich künstlich befruchten lassen. Doch viele Ärzte hätten eine sogenannte Insemination bei ihr abgelehnt, weil sie in einer lesbischen Partnerschaft lebe, sagt sie. Mittlerweile hat die Bundesärztekammer eine entsprechende Richtlinie geändert. Lesbische Paare hoffen, dass sie es dadurch künftig leichter haben werden, ihren Kinderwunsch zu erfüllen.

Damit sind aber längst nicht alle rechtlichen Probleme gelöst. Eine andere große bürokratische Hürde bleibt: "In dem Moment, wo unser Kind geboren wird, bin ich erst einmal alleinerziehend. Meine Frau hat de facto keine Rechte an dem Kind. Sie muss dann eine Stiefkind-Adoption machen", erklärt Sirkka.

Vaterschaftsparagraf steht im Weg

Denn der Vaterschaftsparagraf im Bürgerlichen Gesetzbuch geht weiterhin ausschließlich von heterosexuellen Ehen aus. Wird während der Ehezeit ein Kind geboren, gilt der Ehemann automatisch als Vater, auch wenn er das Kind gar nicht gezeugt hat. Von zwei verheirateten Müttern ist nicht die Rede.

Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband LSVD fordert, diese rechtliche Lücke endlich zu schließen. Er räumt aber auch ein, dass das nicht so einfach gehe. Das deutsche Familien- und Abstammungsgesetz sei komplex. "In der letzten Legislatur hat auch das Justizministerium diese Baustelle eindeutig benannt. Insofern gibt es da Bewegung, aber es ist nicht so, dass man sagen kann, dass es ein obersten Projekt ist der Großen Koalition", erklärt Ulrich. Vor allem in der CDU/CSU-Fraktion habe man generell große Bedenken hinsichtlich Regenbogenfamilien. Für schwule Paare verhält es sich anders, da diese auf jeden Fall ein Kind adoptieren müssen, sind automatisch auch beide Partner Väter.

Sirkka Mentlein aus Kiel will aber nicht so lange warten, bis in Berlin einmal eine Entscheidung gefallen ist. Trotz der rechtlichen Widrigkeiten möchte sie so schnell wie möglich Mutter werden. In Hamburg hat das Paar mittlerweile ein Kinderwunschzentrum gefunden, das sie unterstützt. Und beim anstehenden Adoptionsverfahren hoffen sie auf verständnisvolle Behörden.

Kommentar
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Der Bundestag hat grünes Licht für die "Ehe für alle" gegeben. Ein Sieg für Demokraten und auch ein Sieg für Volker Beck von den Grünen, kommentiert Bettina Gaus von der "taz". mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 01.10.2018 | 07:38 Uhr

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