Kinderbuch gegen Mobbing in der Schule

Stand: 15.01.2022 06:00 Uhr

Elena Prochnows Kinderbuch "Pass bloß auf deinen Daumen auf!" ist ein Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt eines verzweifelten Kindes, das von Mitschülern gemobbt wird. 

von Astrid Wulf

Die Zweitklässlerin Mimi wird von einem älteren Mitschüler und seinen Freunden fertiggemacht. Sie schubsen und piesacken Mimi, ihre Schulsachen verschwinden im Müll. So beginnt das Kinderbuch von Elena Prochnow aus Malente (Kreis Ostholstein). Auch die Autorin und Illustratorin hat ihre Erfahrungen damit. "Ich hatte - sagen wir - orthopädische Probleme", sagt sie. "Ich weiß, wie es ist, gehänselt zu werden. Ich habe mich sehr ohnmächtig gefühlt und wusste nicht, wie ich das beenden könnte. Ich musste ja jeden Tag zur Schule."

Kinderbuchautorin wurde in ihrer Schulzeit selbst gemobbt

In dem Auszug einer Doppelseite aus dem Kinderbuch geht Mimi mit fünf anderen Kindern zur Schule. Oben links und unten rechts ist jeweils ein kurzer Satz. © Elena Prochnow Foto: Elena Prochnow
Doppelseite aus dem Kinderbuch: "Pass bloß auf deinen Daumen auf!"

Auch Mimi fühlt sich hilflos. Ihre Mutter rät ihr lediglich: "Wehr dich!" Ihre Lehrerin gibt ihr den Tipp, Mobber Florian aus dem Weg zu gehen. Daraufhin versteckt sich Mimi in jeder Pause auf der Toilette - wo ihr die Mobber auflauern. Für viele Kinder ein bekanntes Szenario. Viele haben Mobbingerfahrungen in der Schulzeit gemacht oder haben mitbekommen, wie andere getriezt wurden, sagt Elena Prochnow

Eltern, Lehrerinnen und Lehrer sind oft überfordert

Eltern von betroffener Kinder wissen oft nicht, wie sie helfen können, sagt Elena Prochnow. Nachdem ihr Kinderbuch erschienen war, hat sie sich mit vielen Eltern über ihre Erfahrungen ausgetauscht. Viele geben halbherzige Ratschläge wie: "Beachte ihn einfach nicht", andere spielen die die Nöte der Kinder herunter. Auch Lehrerinnen und Lehrer seien häufig überfordert. "Die Klassen sind groß, oft ist die Situation für Lehrerinnen und Lehrer nicht vollständig zu überblicken", sagt die 43-jährige Autorin. "Dazu achten Mobber darauf, dass die Erwachsenen es nicht mitbekommen." In manchen Fällen würden Lehrerinnen und Lehrer Eltern betroffener Kinder sogar empfehlen, die Schule zu wechseln, sagt Elena Prochnow. "Darüber könnte ich mich richtig aufregen." Für die Kinder sei die Kapitulation vor den mobbenden Mitschülerinnen und Mitschülern eine fatale Botschaft: "Okay, dann muss ich eben gehen."

Es hilft, wenn Eltern und Lehrer an einem Strang ziehen

Auch mit dem Tipp "Du musst dich wehren!", können gerade schüchterne und unsichere Kinder nicht viel anfangen. Aber was hilft? Darüber hatte sich Elena Prochnow in Vorbereitung auf ihr Kinderbuch mit Psychologen unterhalten. "Es ist gut, wenn die Eltern mit dem Klassenlehrer oder der Lehrerin an einem Strang zu ziehen", erzählt die Autorin. Im Idealfall setzen sich nach Schulschluss in Ruhe das Opfer, der oder die mobbenden Schüler sowie die dazugehörigen Eltern mit dem Klassenlehrer oder der Lehrerin zusammen. Dazu gibt es viele bewährte Deeskalationsmethoden, die sich im Schulalltag bewährt haben, sagt die Autorin. Grundsätzlich sei es immer gut, bei Problemen Profis wie zum Beispiel Schulpsychologinnen oder Schulsozialarbeiter ins Boot zu holen.

"Wenn er dich wieder angreift, schlag ihm mit der Faust auf die Nase!"

Elena Prochnow, Illustratorin und Autorin aus Malente. © Ralph Prochnow Foto: Ralph Prochnow
Autorin Elena Prochnow wurde selbst gemobbt.

Im Kinderbuch "Pass bloß auf deinen Daumen auf!" ist es Mimis Opa, der ihr hilft, den Mobbern die Stirn zu bieten. Dafür bringt er ihr das Boxen bei. "Wenn er dich wieder angreift, schlag ihm mit der Faust auf die Nase, zwischen die Augen", rät er ihr. Er zeigt Mimi, die Faust richtig zu ballen - und stärkt nebenbei ihr Selbstbewusstsein. Zum Schlagabtausch kommt es allerdings nicht. Mimi geht erhobenen Hauptes an ihren triezenden Mitschülern vorbei, blickt ihnen direkt in die Augen - und wird fortan in Ruhe gelassen.

Kritik: Gewalt als Antwort auf Mobbing?

In sozialen Medien gab es viele positive Reaktionen und Rezensionen zu "Pass bloß auf deinen Daumen auf" - jedoch auch Kritik. Die Autorin schlage vor, auf Mobbing mit Gewalt zu reagieren, so der Vorwurf. Ein Missverständnis, sagt die Autorin: "In der Geschichte wird betont, dass Mimi lediglich zurückschlagen soll, wenn sie wieder körperlich angegriffen wird. Es war nie die Rede davon: du gehst in die Schule und haust ihnen eine rein." Für Elena Prochnow steht das Boxen eher für die Fähigkeit, Ängste zu überwinden und sie will zeigen, wie wichtig es ist, bedingungslos zu den betroffenen Kindern zu stehen. "Mimis Opa macht ihr klar: Es ist in Ordnung, nein zu sagen und es ist in Ordnung, zur Not eine Regel zu brechen, um sich zu wehren."

Sport kann Kinder vor Mobbing schützen

Es muss nicht unbedingt Boxen sein, auch nicht der Selbstverteidigungskurs - allerdings sei Sport grundsätzlich gut, um Kinder vor Mobbing zu schützen, teilt Elena Prochnow ihre Erkenntnisse aus der Recherche für ihr Buch. Sport stärke das Selbstbewusstsein, Kinder seien sich auch ihrer körperlichen Kraft bewusster und sportliche Kinder strahlten eher aus, dass sie sich wehren können, so die Autorin. Als Elena Prochnow in der Grundschule gemobbt wurde, hatte ihr damals ihre Großmutter geholfen, eine resolute Frau. "Sie hat sich schon damals viel mit Jungs umgeben, trug kurze Haare", sagt Elena Prochnow. "Sie sagte mir: Gemobbt und geärgert werden nur die, die es mit sich machen lassen. Man muss klar sagen, es reicht - zur Not auch körperlich." Wie Mimi hat es auch die Autorin geschafft, eine Grenze zu ziehen und die Hänseleien zu stoppen. Mit Worten - ohne Einsatz ihrer Fäuste.

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