Stand: 11.07.2020 06:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Kiel: Ausstellung zeigt Traumata von Vergewaltigungsopfern

Emely Egerland ist die Initiatorin der Kieler Ausstellung "Was hattest du an?". Damit will sie anderen Opfern Mut machen.

Die Kielerin Emely Egerland will mit ihrer Ausstellung "Was hattest du an?" dafür sensibilisieren, dass Opfer von Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt keine Schuld trifft - auch wenn das oft suggeriert wird. In der Ausstellung werden Kleidungsstücke gezeigt, die denen ähneln, die Opfer zum Zeitpunkt des Übergriffs getragen haben. Außerdem gibt sie Einblick in die Gefühlswelt der Betroffenen. Vergewaltigungsopfer erzählen Emely Egerland, die selbst betroffen ist, ihre Geschichte.

Warnung

Im folgenden Text werden sexualisierte Gewalthandlungen und deren Folgen für die Betroffenen geschildert. Diese können belastend und retraumatisierend sein.

von Frauke Hain

"Ein Kommilitone verging sich an mir im Untergeschoss eines Party-Schiffs. Er versperrte mir die Tür. Ich konnte weder aus dem Raum noch vom Schiff fliehen und war wie erstarrt. Im Nachhinein hat er behauptet, es sei einvernehmlich gewesen." Vergewaltigungs-Opfer, anonym

Die Frau erzählt Emely Egerland in einem Video-Gespräch davon, was sie erlebt hat. Sie hört zu, macht sich Notizen und stellt immer wieder Fragen. Die beiden Frauen haben eine Gemeinsamkeit und damit eine besondere, tiefe Verbundenheit - obwohl sie zum ersten Mal miteinander sprechen. "Ich kann es fühlen. Dadurch, dass ich auch betroffen bin, spreche ich nicht als Außenstehende", sagt die Kielerin.

Bestimmte Fragen suggerieren den Opfern eine Mitschuld

Die 26-Jährige sammelt Geschichten von Opfern, die vergewaltigt wurden oder sexualisierte Gewalt erfahren haben. In ihrer Ausstellung "Was hattest du an?", die ab Ende November im Kieler Pop-Up Pavillon gezeigt wird, stellt sie diese Geschichten aus. "Wir zeigen Kleidung, die der nachempfunden ist, die Leute zum Zeitpunkt ihres Übergriffs getragen haben, um deutlich zu machen: Es ist komplett egal. Diese Frage 'Was hattest du an?' soll einfach nicht mehr existieren. Weder in den Köpfen der Betroffenen, noch in den Köpfen der Angehörigen und der Beteiligten."

"Da es sich um eine Party-Situation gehandelt hat und ich mit dem Täter zuvor schon einmal einen Kaffee getrunken hatte, musste ich zahlreiche Fragen über mich ergehen lassen: Warst du betrunken?, Was hattest du an?, Warum hast du dich nicht gewehrt?, Können die blauen Flecken nicht einfach von anderen sexuellen Praktiken kommen?." Vergewaltigungs-Opfer, anonym

Die Frage nach dem Outfit steht als Synonym für viele andere möglichen Fragen, denen Opfer oftmals ausgeliefert sind. Diese Fragen stellen die Betroffenen so hin, als würden sie mindestens eine Teilschuld - wenn nicht sogar die komplette Schuld haben, meint Egerland. "Indem man die Opfer hinterfragt, stellt man sich automatisch auf die Seite der Täter." Und was diese Fragen bei Betroffenen auslösen können, ist schwer abzuschätzen.

Hilfe für Opfer von sexueller Gewalt

Wer Opfer von sexueller Gewalt geworden ist - bei Vergewaltigung und versuchter Vergewaltigung, bei sexuellem Missbrauch und sexueller Belästigung - findet hier Hilfe:

Weißer Ring Opfer-Telefon: 116 006

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016

Eine Liste der Frauennotrufe in Schleswig-Holstein gibt es online beim Landesverband Frauenberatung Schleswig-Holstein e.V.

Ein Minirock macht einen Vergewaltiger nicht zum Vergewaltiger

"Ein Minirock ist niemals schuld an so einer Tat. Outfits sorgen nicht dafür, dass Vergewaltiger Vergewaltiger werden", sagt Emely Egerland. Sie ist zierlich, spricht aber mit viel Kraft in der Stimme. Viele Jahre hat sie niemandem davon erzählt, was ihr passiert ist. "Ich glaube, ich war eigentlich nicht stark. Es kam immer mal hoch. Aber es wurde immer wieder nach hinten geschoben." Oft leiden Frauen infolge sexualisierter Gewalt an posttraumatischen Belastungsstörungen. Laut einer EU-Umfrage sagten 77 Prozent der von sexueller Gewalt betroffenen Frauen, der Täter sei ihnen bekannt gewesen. "Je nachdem, was einem passiert ist, kommen da ganz andere Ängste heraus", sagt Emely Egerland. Sie habe Glück, dass das Erlebte sie in ihrem Alltag nicht groß einschränkt. "Zumindest nicht für alle sichtbar", sagt sie. Die Erlebnisse hat Emely Egerland viele Jahre verdrängt. Ganz ist ihr das aber nicht gelungen. 

"Bei mir äußert sich das durch fiese Albträume und ein paar Trigger. Für mich ist diese Ausstellung auch eine Art Therapie", gibt sie zu. "Mein Unterbewusstsein hat gesagt - ey, wir graben da nochmal was aus, was du lange gut verdrängt hast." Sie hat sich mittlerweile mit ihrer Geschichte ihrer Familie und ihren Freunden anvertraut. Daraus zieht sie die Kraft, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen - und es nicht weiter zu verdrängen. "Ich habe gute Gespräche gehabt. Es ist schrecklich zu warten. Aber für mich war es genau der richtige Zeitpunkt."

Angst vor Kontrollverlust

Sie spricht über die anderen Opfer, deren Geschichten sie ausstellen wird. Und es scheint, als würde sie dabei auch über sich selbst sprechen. "Je höher man beim Sport die Gewichte schraubt, desto mehr wachsen die Muskeln. Und wenn du ein super dolles Gewicht auf den Schultern trägst, dann kannst du versuchen, dass deine Beine irgendwann genug Muskeln entwickeln, um es zu tragen", umschreibt sie die Gefühlslage. Ihr fällt es schwer, ein gewisses Grundvertrauen aufzubauen. "Bei mir ist es auch dieser Kontrollverlust. Das ist das, womit ich ganz, ganz doll Probleme habe - vielleicht auch Verantwortung abzugeben. Mich einfach mal fallenlassen, ist wirklich nicht leicht. Das merke ich bei mir, dass ich die Kontrolle gerne behalte." Es ist aber auch ein persönlicher Schutzmechanismus, mit dem Erlebten umzugehen. "Sie sind nicht gebrochen - zumindest nicht äußerlich", sagt die Kielerin über ihre Gesprächspartnerinnen - und das ist Emely Egerland auch nicht. 

Sie hätte nichts anders machen können

"Ich war 15, wir kannten uns flüchtig und verabredeten uns. In seinem Zimmer in der Wohnung seiner Eltern gab er mir meinen allerersten Kuss. Ich war mit dieser neuen Erfahrung überfordert und wollte es dabei belassen. Doch er ließ mich nicht gehen und vergewaltigte mich, während seine Mutter nur ein paar Zimmer entfernt kochte. Ich habe die Tat nie angezeigt und kann erst jetzt, Jahre später, meiner Familie und engen Freunden davon erzählen."  Vergewaltigungs-Opfer, anonym

Die Gespräche mit den anderen Frauen berühren Emely Egerland. Bei jedem fühlt sie mit. "Ich bin immer fertig danach. Das verlangt mir so viel Energie ab - und gleichzeitig gibt es mir so viel Energie. Jedes Mal merke ich, es ist gut so - für beide Seiten", sagt die 26-Jährige. Was den Frauen und Emely Egerland passiert ist, beeinflusst ihr Leben und macht einen Teil ihrer Persönlichkeit aus. Trotzdem soll es nur ein Teil der Lebensgeschichte sein, das ist der Kielerin wichtig. Und sie spricht für die Opfer: "Was ich preisgebe von mir, was ich damit mache, was ich aus meinem Leben jetzt mache - das soll nicht das Resultat des Täters sein. Das, was passiert ist, hat der Täter zu verantworten - alles, was danach passiert ist, habe ich selbst zu beantworten." Aus ihrer Situation konnte Emely Egerland keine Konsequenzen ziehen. Das hat sie lange Zeit blockiert - so formuliert sie es. "Ich war nicht betrunken und ich hatte keinen Minirock an. Die typischen Mythen konnte man bei mir alle nicht anwenden." Sie hat sich oft die Frage gestellt, was sie hätte anders machen können. "Und da gab es bei mir nichts."

Der Weiße Ring Schleswig-Holstein erklärt: "Generell leiden Opfer häufig unter Schamgefühlen und stellen sich die Frage, was sie falsch gemacht haben. Deshalb tun sich diese Menschen häufig schwer, Hilfe zu suchen." Wichtig sei es, im gesellschaftlichen Diskurs immer wieder zu vermitteln, dass Opfer keine Schuld haben. "Nur wenn dies gesellschaftlich anerkannt ist, werden Opfer nicht zusätzlich zu den Tatfolgen auch noch durch Schuldvorwürfe geschwächt, die sie sich selbst oder die ihnen Dritte machen."

Etwas Gutes daraus ziehen

Die Ausstellung scheint ein wichtiger Schritt zu sein. Für Emely Egerland ist der richtige Moment gekommen, abzuschließen und sich neu zu sortieren. "Ich denke, dass ich aus dem Schrecklichen, was mir passiert ist, noch etwas Gutes ziehen kann. Und wenn das die Moral von der Geschichte ist, dass das meinetwegen dafür passieren musste, damit da jetzt viele Leute etwas Positives herausziehen können und wir da etwas bewegen können, dann ist das eine gute Art für mich, damit umzugehen." Auch ihre eigene Geschichte soll am Ende anonym in ihrer Ausstellung auftauchen.

Ausstellung nach amerikanischem Vorbild

Das Original der Ausstellung kommt aus Amerika. "What were you wearing" wurde 2014 zum ersten Mal in der University of Arkansas präsentiert. Die Installation war die visuelle Darstellung des Gedichts "What I was wearing" von Mary Simmerling.

Im Dezember 2019 hatte Emely Egerland die Idee für die Ausstellung in Kiel - mit Geschichten aus Schleswig-Holstein. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Freund René Unger.

Vom 28. November bis 19. Dezember 2020 wird die Ausstellung im Pop-Up Pavillon am Alten Markt in Kiel gezeigt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 10.07.2020 | 21:40 Uhr

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