Stand: 21.09.2019 15:59 Uhr

Kandidaten für SPD-Parteivorsitz: Großes Interesse

von Stefan Böhnke

Die Stadthalle in Neumünster ist erwartungsgemäß gut gefüllt an diesem Sonnabendvormittag: 600 Genossen wollen sich einen unmittelbaren Eindruck von den sieben Kandidatenpaaren verschaffen, die sich um den SPD-Vorsitz bewerben. Darunter auch viele neue Mitglieder. Sie sind in den vergangenen Wochen eingetreten, um mitentscheiden zu können, wie es mit der ältesten Partei Deutschlands weitergeht. Schon eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung ist Einlass. Die Zeit wird genutzt, um engagiert zu diskutieren.

Das Verfahren finden hier die meisten gut. Claus Möller, früherer Landesvorsitzender, ist einer der ersten in der Halle. "Ich weiß nur, wen ich nicht wähle", sagt er mit einem Schmunzeln den fragenden Journalisten. Auch ein alter Hase in Sachen Mitgliederentscheid ist dabei: der ehemalige Ministerpräsident Torsten Albig. Er hatte sich einst gegen Ralf Stegner in einem Mitgliederentscheid durchgesetzt, der sich nun ebenfalls um den Vorsitz bewirbt. So ein Verfahren wirke motivierend für die Mitglieder, ist Albig überzeugt. Er warnt aber davor, die Stimmung im Saal zu überschätzen. Das Ergebnis könne am Ende doch ganz anders ausfallen.

Midyatli: SPD muss klarere Antworten geben

Punkt 11 Uhr geht es los. Das erste Wort erhält die Landesvorsitzende Serpil Midyatli. Am Ende werde es einen Gewinner des Mitgliederentscheids geben. Gebraucht würden aber alle, die sich nun bewerben, meint Midyatli. Sie erwartet von ihrer Partei künftig klarere Antworten und Positionen. Die Veranstaltung ist klar strukturiert. Zunächst erhalten die Kandidatenteams jeweils fünf Minuten zur eigenen Vorstellung.

Petra Köpping und Boris Pistorius beginnen. Sie präsentieren sich als Ost-West Team. Es folgen Nina Scheer und Karl Lauterbach. Scheer ist Bundestagsabgeordnete aus Schleswig-Holstein. Sie wirbt für eine "echte" Energiewende. Die SPD müsse in diesem Bereich wieder führende Kraft werden. In der großen Koalition ist das in ihren Augen nicht möglich. Die SPD könne in dieser immer nur Schlimmeres verhindern.

Mit deutlicher Zurückhaltung wird das nächste Team begrüßt: Olaf Scholz und Klara Geywitz. Sie erntet vereinzelte Unmutslaute als sie sagt, die SPD sei nur in der großen Koalition, weil sich die FDP davon gemacht habe. Als Olaf Scholz über die aktuelle Klimapolitik spricht, ist es mucksmäuschenstill. Am Ende gibt es für sein Werben für die klimapolitischen Beschlüsse der großen Koalition höflichen Applaus.

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Ralf Stegner trat ohne seine Teampartnerin Gesine Schwan auf - und plädierte für die Vermögenssteuer.
Stegner will starken Sozialstaat

"Schön zu Hause zu sein", begrüßt Ralf Stegner die Genossen in der Stadthalle. Ihm gehört die Redezeit allein. Seine Teampartnerin Gesine Schwan kann in Neumünster nicht dabei sein. Und Stegner nutzt die Zeit - spricht schnell, laut und engagiert: Die Mitglieder hätten mehr verdient als die schlechten Umfragewerte. Stegner will einen starken Sozialstaat und mehr Verteilungsgerechtigkeit. Für sein Appell, die Vermögenssteuer müsse kommen, gibt es kräftigen Applaus. Für Lacher sorgt Stegner, als er sagt, in anderen Bundesländern werde er oft auf sein sonniges Gemüt reduziert. Hier im Norden kenne man ihn. Er stehe aufrecht, auch wenn der Wind von vorne wehe. Stegner warb auch für mehr Teamgeist in der SPD. Die Gegner säßen außerhalb.

Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans sind die nächsten, die sich vorstellen. Die GroKo hat keine Zukunft, lautet ihre Botschaft. Bestätigt sehen sie sich auch durch die jüngsten Berliner Klimabeschlüsse. Hilde Mattheis und Dierk Hirschel kritisieren, die SPD sei vom Weg abgekommen. Sie müsse wieder Partei der Arbeit werden. Man stehe für eine radikale sozialdemokratische Politik und müsse raus aus der großen Koalition. Letzte in der ersten Runde sind Christina Kampmann und Michael Roth. Auch ihr Thema: der Klimaschutz. Die Beschlüsse der GroKo seien nicht ausreichend. Lobbypolitik solle keinen Platz haben. Die SPD müsse nun Haltung zeigen. Beide bekommen kräftigen Applaus.

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Rund 600 Genossen aus ganz Schleswig-Holstein waren nach Neumünster gekommen, um sich ein Bild von den Kandidatenpaaren zu machen.
Zukunft der GroKo beschäftigt die Mitglieder

Es folgen Fragerunden der Moderatoren und im Anschluss Fragen der Parteimitglieder. Die Kandidaten sind eingespielt. Die enge Zeitbegrenzung von einer Minute für die Antworten werden im Großen und Ganzen eingehalten. Soll die SPD in der GroKo bleiben? Wie können die Kommunen finanziell gestärkt werden? Wie umgehen mit der AfD? Das sind einige Themen, die die Mitglieder ansprechen.

Pünktlich um 13.30 Uhr endet die Veranstaltung. Probeabstimmungen gab es nicht - wer also in Neumünster am besten überzeugt hat, darüber konnte nur der Beifall einen Anhaltspunkt geben. Und danach hätte Ralf Stegner auch ohne seine Teampartnerin einen Grund zur Freude. Aber wie hieß es schon anfangs, die Stimmung im Saal sollte nicht überschätzt werden, das Ergebnis am Ende könne völlig anders aussehen. Soll heißen, auch wenn der Andrang in Neumünster groß war, die meisten Mitglieder entscheiden - ohne ein Kandidatenhearing gesehen zu haben. Am Ende könnte also die Bekanntheit ausschlaggebend sein. Vielleicht ist das auch das Geheimnis, warum Bundesfinanzminister Scholz meist still lächelnd die Veranstaltung in Neumünster verfolgte.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 21.09.2019 | 18:00 Uhr

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