Häusliche Gewalt gegen Männer: "Wer glaubt mir denn?"

Stand: 20.03.2021 11:52 Uhr

Dass Männer von ihren Partnerinnen geschlagen werden, ist immer noch ein Tabuthema. Doch die Zahl nimmt zu.

von Andreas Schmidt

Der Tag, an dem Steven Bode es endlich schafft, einen Schlussstrich zu ziehen, ist sein Geburtstag. "Meine damalige Partnerin hat mir eine Ohrfeige gegeben, als ich unsere kleine Tochter auf dem Arm hatte. Da war für mich eine Grenze überschritten." Dass seine Ex-Freundin gewalttätig war, das kennt Steven Bode zu dem Zeitpunkt schon. In den Jahren davor hatte er immer wieder versucht, sich das schönzureden, die Übergriffe seiner Freundin zu erklären, die Schuld bei sich zu suchen, ihre Entschuldigungen zu akzeptieren. Angezeigt hat er seine Freundin nie - in der Hoffnung, alles werde wieder gut. An diesem Tag im November 2014 trifft er aber den Entschluss, sich zu befreien. Er fährt noch in der Nacht zu seiner Mutter nach Bonn. Er sucht und findet Schutz, fängt erfolgreich ein neues Leben an.

Jedes fünfte Opfer ist ein Mann

Steven Bode ist einer von ganz wenigen in Deutschland, der über ein Thema spricht, das weithin noch ein Tabu ist: häusliche Gewalt gegen Männer. Dass Männer nicht nur Täter sein können, sondern auch Opfer, auch Opfer ihrer Frauen, können sich viele Menschen nicht vorstellen. Laut der Kriminalstatistik sind von den 5.065 Menschen, die im vergangenen Jahr in Schleswig-Holstein Opfer häuslicher Gewalt geworden sind, 1.083 männlich. Das sind 21,4 Prozent, Tendenz stetig steigend.

Klischees von Männlichkeit behindern die Suche nach Hilfe

"Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch sehr viel höher", glaubt Sascha Niemann. Er ist Therapeut im Elmshorner Beratungszentrum Wendepunkt. Hier berät er Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. "Sich selbst einzugestehen, dass sie gerade Opfer geworden sind, ist für die Männer oft ein langer, schwieriger Prozess." Dabei sei ihnen das gesellschaftlich vorgegebene Klischee von Männlichkeit im Weg. "Indianer kennt keinen Schmerz. Oder: Männer weinen nicht." Solche Glaubenssätze gäben Männern immer noch vor, wie sie angeblich zu sein hätten. "Das macht es ihnen noch schwerer, sich Hilfe zu holen," meint Sascha Niemann.

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Der Weg in die Gewalt

Die Tatsache, dass die meisten Männer ihren Frauen körperlich überlegen sind, spielt für die Machtverhältnisse innerhalb einer Beziehung offenbar keine Rolle. "Meistens beginnt es mit psychischer Gewalt, also mit Kontrolle", erklärt Sascha Niemann. Partnerinnen fingen an, das Mobiltelefon des Mannes zu kontrollieren, seine Mails zu lesen oder versuchten, seine Sozialkontakte einzuschränken.

Steven Bode war vier Jahre bei der Marine in Kiel stationiert. Danach ging er nach Berlin, um eine Ausbildung als Koch zu machen. Seine spätere Partnerin arbeitete zu dem Zeitpunkt schon als Kellnerin in demselben Restaurant. "Die Kollegen haben mich schon gewarnt: Uiuiui, da hast Du Dir eine komplizierte Frau ausgesucht. Aber ich war verliebt", sagt Bode heute. Die Hölle für ihn begann, als er in ihre Wohnung zog. "Zuerst wollte sie nicht, dass ich mich mit meinen Freunden treffe. Den Kontakt zu meinem besten Freund habe ich in dieser Zeit verloren, weil ich ihn nicht sehen durfte." Wollte er sich widersetzen, habe sie geheult und geschrien. "Wenn ich weg wollte, hat sie sich vor die Tür gelegt. Später hat sie auch auf mich eingeschlagen und mit Gläsern nach mir geworfen." Einmal habe sie sogar mit einem Messer in der Tür gestanden.

Polizei wird sensibler

Mehrfach steht die Polizei in Steven Bodes Wohnung. "Sie hat geschrien, sie werde umgebracht. Die Polizisten haben dann zuerst mich fixiert, bis sie gesehen haben, dass ich der mit den blauen Flecken war." Mittlerweile sei die Polizei sehr viel sensibler geworden, meint Sascha Niemann. Dennoch erlebe er immer wieder Männer, die sich nicht trauen, ihre Partnerin anzuzeigen. "Sie fragen: Wer glaubt mir denn? Als Mann fühlen sie sich doch ohnehin auf die Täterrolle gebucht."

Keine Zuflucht für Männer

Während in Schleswig-Holstein mittlerweile ein gutes Netz von Frauenhäusern existiert, gibt es für Männer keine Zufluchtsorte. "Wir müssen versuchen, die Männer bei Freunden unterzubringen, oder sie müssen sich in ein Hotel einmieten. Im Extremfall müssen wir ihnen eine kommunale Obdachlosenwohnung zuweisen", sagt Sascha Niemann.

Immerhin gibt es mittlerweile drei Beratungsstellen für betroffene Männer im Land. Unter maennerberatung-sh.de finden sie Hilfe.

Steven Bode ist froh, all das hinter sich gelassen zu haben. Er hat nicht nur den Wohnort gewechselt, sondern auch den Beruf. Bald macht er seine Prüfung zum Fachinformatiker. Ein später Sieg, wenn man so will. "Damals durfte ich mir nicht einmal eine Computer-Ecke in der Wohnung einrichten."

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