Stand: 16.04.2020 11:17 Uhr

Marineschiffbau: Neue Großwerft im Norden?

von Christoph Prössl und Christian Wolf

Die Kieler HDW aus der Vogelperspektive. © dpa-Bildfunk Foto: Hinrich Bäsemann
In Norddeutschland entsteht demnächst womöglich ein neuer Werftkonzern.

Anfang des Jahres hatte sich ein Konsortium um das niederländische Unternehmen Damen Shipyards in einem europaweiten Bieterverfahren durchgesetzt. Es geht um das größte Rüstungsprojekt der Deutschen Marine, das Mehrzweckkampfschiff "MKS 180". Um den rund 5,5 Milliarden-Euro-Auftrag für vier Schiffe hatte sich auch German Naval Yards in Kiel (GNYK) mit Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) beworben. Die Entscheidung für das niederländisch geführte Konsortium stieß auf massive Kritik. Zumal bislang alle Großschiffe der Marine von deutschen Werften gebaut wurden. Politiker und Experten fragen sich seitdem, wie die Zukunft des deutschen Werftstandorts aussehen soll.

Gespräche seit Anfang des Jahres

Seit Anfang des Jahres laufen nach NDR Informationen Gespräche zwischen der Bremer Lürssen Werft sowie GNYK und TKMS aus Kiel. Die Bundesregierung fungiert dabei als Moderator, heißt es. Auf NDR Nachfrage erklärte die Lürssen Werft: "Wir halten eine Konsolidierung der Systemhäuser im deutschen Marineschiffbau für sinnvoll und erforderlich, um dadurch nachhaltig die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken." Den Stand der Gespräche wollte die Werft aber nicht kommentieren. Der Geschäftsführer von German Naval Yards Kiel Jörg Herwig, sagt: "Nur ein starker Deutscher Player wird den maritimen deutschen Hochtechnologiesektor sichern und ausbauen". Das sei zugleich ist es ein guter Weg zum Erhalt Tausender Arbeitsplätze und der Werft-Standorte in Deutschland. Sein Unternehmen halte eine Konsolidierung für notwendig und sehen darin Chancen, so Herwig weiter.

Ziel soll es sein, einen neuen und auch noch den größten deutschen Werftkonzern zu gründen - ähnlich wie in Frankreich. Die französische Naval-Group zum Beispiel beschäftigt mehr als 13.000 Mitarbeiter und gehört mehrheitlich dem Staat. Aufträge vergibt die französische Regierung fast ausschließlich national.

Noch viele Hürden im Vorfeld

Das anvisierte neue deutsche Unternehmen soll sich ausschließlich auf den Marineschiffbau konzentrieren, wie der NDR aus Verhandlungskreisen erfuhr. Auch wenn die Gespräche schon länger laufen, gibt es noch viele Hürden. So hatte German Naval Yards aus Kiel die Entscheidung im Bieterverfahren um den Auftrag für das "MKS 180" gerügt. Zuletzt verkündete das Unternehmen, den vollen Rechtsweg ausschöpfen zu wollen und notfalls beim Oberlandesgericht in Düsseldorf gegen das Ausscheiden aus dem Vergabeverfahren Klage einzureichen. Damit würde sich der Milliarden-Bau der vier neuen Schiffe für die Deutsche Marine deutlich verzögern.

Aus Konkurrenten könnten Partner werden

Die Werft Damen Shipyards kooperiert mit der Bremer Lürssen-Gruppe. Damen plant, die Kampfschiffe in Hamburg bauen zu lassen. 80 Prozent des Auftragsvolumens sollen in Deutschland investiert werden. Der Zusammenschluss könnte die deutschen Konkurrenten also zu Partnern machen - und die Streitigkeit um die Vergabe lösen. Auch muss noch geklärt werden, wo der Standort des neuen Konzerns sein soll und welche Rechtsform dieser haben wird. Die beteiligten Unternehmen wollten auf Anfrage keinen Kommentar abgeben.

Miteinander statt gegeneinander

Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik. © dpa Foto: Maja Hitij
Reinhard Lüken ist Hauptgeschäftsführer des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik.

Aus Sicht des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) ist eine Konsolidierung des Werftstandortes in Deutschland der richtige Schritt. "In den meisten EU-Mitgliedsländern reden wir über einen Platzhirsch im Marineschiffbau. Das ist in Italien, in Frankreich, in Spanien, in Holland und Schweden der Fall. In Deutschland aber nicht", erklärt Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer des Verbands. Die IG Metall wies darauf hin, dass die Bundesregierung den Marineschiffbau zur Schlüsseltechnologie erklärt habe. Das ermöglicht, Aufträge der Bundeswehr national zu vergeben.

"Um diese Schlüsseltechnologie zu sichern, - und damit auch Tausende Industriearbeitsplätze auf Werften und bei Zulieferern - brauchen die Unternehmen klare und verlässliche Aussagen aus Berlin", sagte der Sprecher der IG Metall Küste, Heiko Messerschmidt. "Und es braucht auch gut aufgestellte Unternehmen, die nicht nur gegeneinander konkurrieren, sondern auch miteinander arbeiten können. Wenn die Bundesregierung da unterstützt, kann das helfen."

Kieler Werften kooperieren schon länger

Mit den beiden Kieler Werften German Naval Yards und Thyssenkrupp Marine Systems hätte der neue Werftkonzern bereits internationale Erfahrung. So ist beispielsweise TKMS mit dem sogenannten MEKO Design sehr erfolgreich. Auf Basis dieser Multi-Missionsschiffe sind mittlerweile weltweit 82 Korvetten für 15 Länder entstanden. Zu den Abnehmern gehören unter anderem Portugal, Griechenland, Australien, Argentinien und Algerien. In der Schiffbau- und U-Boot-Sparte des Essener Konzerns Thyssenkrupp arbeiten rund 6.000 Beschäftigte. German Naval Yards gehört mit 1.100 Mitarbeitern zur internationalen Privinvest-Gruppe. Das Familienunternehmen Lürssen aus Bremen beschäftigt an verschiedenen Standorten in Norddeutschland rund 2.700 Mitarbeiter.

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