Stand: 25.05.2016 05:05 Uhr

Mit dem Bollerwagen übers Kasernengelände

von Lukas Knauer

Auffällig sind nur die alten Funkmasten. Sonst erinnert kaum noch etwas an die militärische Vergangenheit. Alles ist grün in der Waldsiedlung Tremmerup am Stadtrand Flensburgs. Hier im Naturschutzgebiet Twedter Feld lebten früher Soldaten, denn es ist das Gelände einer ehemaligen Fernmeldekaserne. Heute hüpfen Kinder auf einem Trampolin und kicken auf einem Bolzplatz. Die Mädchen und Jungen leben hier mit ihren Familien. Es gibt einen gemeinsamen Garten und eine Feuerstelle mit Grill. Die alten Kasernengemäuer sind auf den ersten Blick nicht wiederzuerkennen. Manche Häuser sind verputzt, andere mit Holz verkleidet, einige haben Grasdächer. Entstanden ist dieses Idyll durch viel Arbeit in den vergangenen beiden Jahrzehnten.

Eine bunte Gemeinschaft

Alles begann Mitte der 1990er Jahre mit einer kleinen Gruppe von zwölf Leuten. Sie hatte die Idee, ein sozial-ökologisches Wohnprojekt ins Leben zu rufen: Es sollte in der Stadt liegen, Raum für Familien, Alleinstehende und auch ältere Menschen bieten. Ziel war es auch, energiebewusst und mit ökologischen Stoffen zu bauen. Die Gruppe gründete eine Gesellschaft (GmbH) und kaufte wenig später das Kasernengelände. Aus zwölf sind bis heute fast 100 Menschen geworden, die hier in 35 Wohnungen leben. Darunter sind auch vier Sozialwohnungen für Geringverdiener.

Alte Bunker als Keller

Auf dem Parkplatz vor der Siedlung holt Stefanie Hansen ihre Einkäufe aus dem Auto, packt sie in einen Bollerwagen und bringt sie zur Wohnung. Mit dem Auto direkt bis vor die Haustür fahren, geht nicht: Das Gelände der Siedlung ist eine autofreie Zone. Stefanie Hansen zog mit ihrem Mann und den Kindern Annemie und Jannis vor sieben Jahren in das Haus mit der Nummer 128. Ihre Wohnung ist hell und geräumig, erst vor kurzem haben sie angebaut. Im Gebäude führt eine Treppe nach unten. "Alle Häuser sind unterkellert, das sind die alten Bunker der Kaserne", erklärt die Mutter. Der Riegel der eisernen Tür lässt sich nur mit einem kräftigen Ruck öffnen. Dahinter ein schmaler Gang und Schilder mit der Beschriftung 'Schutzraum', die an längst vergangene Tage erinnern. Jetzt wird der Bunker als Gemeinschaftskeller genutzt. Vor allem schätzt Stefanie Hansen das Miteinander in der Waldsiedlung. "Jeden Sonntagabend in die Sauna des Nachbarn eingeladen zu sein, das ist einfach schön." 

Jeder Bewohner hat Pflichten

Auch Sebastian Wodarz genießt es, Teil des Wohnprojekts zu sein. "Das Leben hier ist wie in einer großen WG", erklärt er. Wodarz sitzt gerade gemütlich auf der holzgetäfelten Terrasse und isst zu Mittag. Er lebt schon seit 17 Jahren in der Waldsiedlung und ist überzeugt von der Wohnidee, die dahinter steckt - auch wenn er einräumt: "Natürlich kann das Zusammenleben auch mal anstrengend sein." So müssen Beschlüsse in Versammlungen immer einstimmig verabschiedet werden. Außerdem, erklärt Wodarz, trägt jeder in der Gemeinschaft eine spezielle Verantwortung: Eine Gruppe ist für die Finanzen zuständig, andere kümmern sich um die Grünanlagen oder die Reinigung der Regenrinnen. "So kann jeder seine Fähigkeiten einbringen, und ansonsten würde hier rein gar nichts funktionieren."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 25.05.2016 | 05:05 Uhr

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