Stand: 06.12.2017 07:43 Uhr

Museum für den "Schindler aus Osnabrück"

von Birgit Schütte

Die Berliner Schauspielerin Camilla Spira ist bereits auf halbem Weg ins KZ. Als sie im niederländischen Durchgangslager Westerbork sitzt, der Zwischenstation zum Konzentrationslager, rettet ihr ein "arischer Seitensprung" das Leben. Möglich machte es der Osnabrücker Jurist Hans Georg Calmeyer. Er leitete damals für die deutschen Besatzer eine Behörde in Den Haag und hatte in "rassischen Zweifelsfällen" zu entscheiden, ob jemand Jude war oder nicht. Camilla Spira gab er präzise Hinweise, wie sie einen gefälschten Antrag formulieren und welche Beweise sie bringen solle. In dem Antrag gab Spiras Mutter an, ihre Tochter durch eine Affäre mit einem "Arier" gezeugt zu haben. Ursprünglich hatte sich Camilla Spira wahrheitsgemäß gemeldet: Mit zwei jüdischen Großeltern, dem Glaubensbekenntnis "jüdisch" sowie jüdisch verheiratet. Nachdem sie die neuen Dokumente vorgelegt hatte, erklärte Calmeyer sie zur "Arierin" und rettete der Schauspielerin so das Leben.

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Osnabrück plant Museum für Hans Calmeyer

Hallo Niedersachsen -

In den besetzten Niederlanden rettete der Osnabrücker Hans Calmeyer während der NS-Zeit mehr als 3.000 Juden das Leben. Jetzt will die Stadt ihn mit einem Museum ehren.

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Hans-Calmeyer-Haus in Osnabrück

Auf diese Art rettete Hans Georg Calmeyer über 3.000 Juden das Leben. Das belegen die Akten. Geschätzt wird, dass es sogar über 5.000 waren. Die Stadt Osnabrück möchte nun ein Hans-Calmeyer-Museum einrichten. Am Dienstagabend sprach sich der Stadtrat einstimmig dafür aus, die Stadt will nun damit beginnen, das Museum zu planen und sich um Fördergelder zu bewerben. Entstehen soll das Museum in der Villa Schlikker. Hier war während des Zweiten Weltkriegs das regionale Nazi-Hauptquartier. Zurzeit befindet sich dort eine Ausstellung zur Osnabrücker Stadtgeschichte.

Vom Schreibtisch aus rettete Calmeyer Tausenden Juden das Leben 

Über den Tisch des "Rassereferenten" Hans Calmeyer gingen die Akten, in denen die jüdische Abstammung geklärt werden musste. Wurde jemand als Jude eingestuft, hieß das in der Regel Konzentrationslager. Doch der Jurist aus Osnabrück sabotierte die nationalsozialistischen Regeln: Angaben wie ein Seitensprung mit einem Arier, Berichte von unehelichen Geburten und gefälschte Geburts- oder Heiratsurkunden ließ er durchgehen, ohne sie zu überprüfen. Er gab sogar Tipps, beispielsweise wie eine Ahnentafel geändert werden sollte. So machte er aus Juden "Halbjuden" oder "Arier", um sie vor dem Abtransport in die Lager zu schützen.

Hans Georg Calmeyer: Retter vieler Menschenleben

Unter Verdacht

Mit seiner Fälscherwerkstatt habe er Kopf und Kragen riskiert, sagt Joachim Castan von der Hans-Calmeyer-Initiative in Osnabrück. Wenn er jeden gerettet hätte, wäre er noch schneller unter Verdacht geraten. Aber Calmeyer hatte Glück: Erst im März 1944 schöpften die Nationalsozialisten in Berlin Verdacht. Das Reichssicherheitshauptamt ordnete eine Überprüfung an. Bevor die Akten allerdings beschlagnahmt werden konnten, rückte die Alliierte Front so weit vor, dass die geplante Überprüfung ausfiel.

"Ich war kein Held"

Calmeyer kehrte nach dem Krieg nach Osnabrück zurück. Für seine Geschichte interessierte sich kein Mensch. Er selbst sagte gegenüber einer niederländischen Zeitung: "Ich war kein Held." Im Gegenteil: Ihn plagten Schuldgefühle. Schließlich hatte er auch viele Menschen in den Tod geschickt: Rund 35 Prozent der Fälle von "rassischen Zweifelsfällen" soll er positiv entschieden haben und die Menschen kamen ins KZ. Zeit seines Lebens habe Hans Georg Calmeyer diese Schuld gefühlt, sagt Joachim Castan. Sie habe wie ein schwerer Mahlstein um seinen Hals gehangen. Der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau zählte Calmeyer zu den Menschen, die zwar geholfen hätten, aber durch die Verstrickung in das Unrechtsregime auch schuldig gewesen seien. Der Bundestagsabgeordnete Matthias Middelberg schreibt in seinem Buch über Calmeyer: "Das war ihm bewusst und hat ihn bis zu seinem Tod nicht losgelassen. Aber wäre er nicht Teil des Systems geblieben, hätte er nicht helfen können."

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9 Bilder

Wie ein Osnabrücker mehrere Tausend Menschen rettete

Die Wanderausstellung "Ein Rechtsanwalt im Unrechtsstaat" im Friedenszentrum erinnert an den Schindler Osnabrücks, Hans Calmeyer, der mindestens 3.000 Juden das Leben rettete. Bildergalerie

Späte Ehre für den "Schindler aus Osnabrück"

Mindestens 3.000 Juden rettete der Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Georg Calmeyer vor der Ermordung durch die Nazis. Vor seiner früheren Kanzlei ist eine Gedenktafel errichtet worden. (03.09.2012) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 06.12.2017 | 06:30 Uhr

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