Geldautomaten-Sprengung: Polizei deckt Banden-Strukturen auf

Stand: 30.09.2021 15:25 Uhr

Ermittlern aus Osnabrück und den Niederlanden ist ein Schlag gegen mutmaßliche Geldautomaten-Sprenger gelungen. Insgesamt gibt es 23 Beschuldigte - und ein Trainingszentrum in den Niederlanden.

Die Tatverdächtigen sollen im vergangenen Jahr bundesweit 15 Geldautomaten gesprengt haben. Darunter sollen auch zwei Taten in der Grafschaft Bentheim in Itterbeck und Schüttorf auf ihr Konto gehen. Durch die Sprengungen an Automaten in ganz Deutschland entstanden erhebliche Schäden, die laut Polizei Osnabrück in die Millionen gehen. Neun Tatverdächtige sitzen mittlerweile in Untersuchungshaft. Drei von ihnen wurden am Dienstag bei groß angelegten Durchsuchungen im Dreieck Amsterdam, Utrecht und Den Haag festgenommen. Sie sind in den Niederlanden in U-Haft und sollen nach Deutschland ausgeliefert werden.

Pistorius lobt länderübergreifende Zusammenarbeit

"Mit diesem Schlag ist es der Polizei unter Federführung einer Ermittlungsgruppe der Polizeidirektion Osnabrück in enger Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen in den Niederlanden und Europol gelungen, erstmals auch an die logistische und organisatorische Ebene dieser besonderen Form der Kriminalität heranzukommen", sagte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD). Er lobte die erfolgreiche enge länderübergreifende Zusammenarbeit der nationalen Polizeibehörden.

Kunst aus Geldautomaten? Ermittler werden hellhörig

Anderthalb Jahre ermittelten Polizisten aus Osnabrück und den Niederlanden verdeckt im Netzwerk von Geldautomaten-Sprenger-Banden. Die Ermittlungen begannen im Februar 2020. Ein 29-Jähriger hatte bei einer Firma aus dem Raum Osnabrück Geldautomaten in die Niederlande bestellt - unter dem Vorwand, sie künstlerisch nutzen zu wollen. Polizei und Staatsanwaltschaft Osnabrück erkannten einen möglichen Zusammenhang zu Geldautomaten-Sprengungen und ermittelten in dem Fall.

Zentrum zum Trainieren von Geldautomaten-Sprengungen

Da die Staatsanwaltschaft Osnabrück schwerpunktmäßig in den Niederlanden ermittelte, bildeten beide Länder unter Beteiligung von Eurojust und Europol eine gemeinsame Ermittlungsgruppe. Die Beamten fanden heraus, dass die Tätergruppierungen ein Trainingszentrum in Utrecht eingerichtet hatten. Dort trainierten sie den Angaben der Osnabrücker Polizei zufolge, die verschiedenen Geldautomaten zu sprengen. Die Automaten dafür kauften sie in Deutschland.

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Gruppen aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität

Auch erlangten die Behörden Einblick in den Aufbau und die Zusammensetzung der Tätergruppierungen mit deren personellen und hierarchischen Verbindungen. Sie deckten auf, dass die Gruppierungen mit verschlüsselten Smartphones kommunizierten und bei ihren Taten oft hochmotorisierte Fahrzeuge nutzten. Laut Polizei in Osnabrück untermauern die Beobachtungen, dass es sich um Gruppen aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität handelt.

Sprengutensilien, Geldzählmaschine, Blaulicht beschlagnahmt

Die Ermittler beschlagnahmten bei den Durchsuchungen in den Niederlanden am Dienstag unter anderem Sprengutensilien, eine Geldzählmaschine, ein mobiles Blaulicht, mehr als 20 elektronische Kommunikationsgeräte, zahlreiche Datenträger und Speichermedien. Die Ermittler hoffen anhand der Beweismittel, den Verdächtigen weitere Taten zuordnen zu können. Zudem erhoffen sie sich Hinweise auf Auftraggeber, Hintermänner, strukturelle Verflechtungen der Kriminellen sowie Hinweise darauf, wo die Beute ist.

Appell an Banken: Sicherheitsvorkehrungen erhöhen

Der Präsident der Polizeidirektion Osnabrück, Michael Maßmann, sprach von einem "empfindlichen Schlag gegen die internationale Geldautomatensprenger-Szene und ihre kriminellen Machenschaften". Die Ermittler seien dem Ziel, "die kriminellen Strukturen aufzuhellen und zu zerschlagen, ein sehr großes Stück nähergekommen." Maßmann forderte aber auch die Banken auf, den Tätern generell die Anreize zu solchen Taten zu nehmen. Dies könne neben intensiver Präventions- und Ermittlungsarbeit nur gelingen, wenn die Banken ihre Sicherheitsvorkehrungen und Standards flächendeckend optimierten. Andere Staaten wie die Niederlande machten es bereits vor.

Justizministerin: "Täter werden immer skrupelloser"

Auch Innenminister Pistorius hob hervor, dass die Geldautomaten-Sprengungen vor allem deshalb in Deutschland begangenen werden, weil die Geräte hierzulande schlechter geschützt seien als im internationalen Vergleich. Die bislang eingesetzten Maßnahmen seien nicht ausreichend, um Gas- oder Sprengangriffe an den Geldautomaten zu verhindern oder zumindest zu erschweren. Er regte an, Verbesserungen entweder auf freiwilliger Basis oder gesetzlich verpflichtend einzuführen. Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU) verurteilte das immer skrupellosere Vorgehen der Täter: "Die Explosionen haben zum Teil eine solche Wucht, dass Leib und Leben von Anwohnern gefährdet werden", sagte sie.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 30.09.2021 | 12:00 Uhr

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