Ein Meeresbiologe hält eine Tüte mit gefriergetrockneter Mangrovenqualle in der Hand. © dpa-Bildfunk Foto: Sina Schuldt

Superfood der Zukunft? Quallen im Visier der Forschung

Stand: 14.06.2021 12:36 Uhr

Bislang stehen Quallen in Deutschland nicht auf dem Speiseplan der Menschen. Forscher des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung untersuchen, ob die Tiere nicht doch als Nahrung nutzbar wären.

"Zwar bestehen Quallen zu rund 97 Prozent aus Wasser, ihre Trockenmasse hat aber ein interessantes Nährwertprofil, das dem anderer Meeresfrüchte gleicht", sagte der Meeresbiologe Holger Kühnhold vom ZMT. Quallen seien fettarm, ihr Eiweiß habe einen hohen Anteil an essenziellen Aminosäuren. "Sie enthalten außerdem viele Mineralstoffe und mehrfach ungesättigte Fettsäuren." Im Prinzip komme auch die einheimische Ohrenqualle als Nahrung infrage und sogar die Nesselqualle nach Entfernung der Nesseln, sagte Kühnhold. In seinen Aquarien am ZMT züchtet er aber die tropische Mangrovenqualle. "Sie ist einfach zu halten, man braucht keine Strömung im Tank." Auch zu Seegurken und einer Algenart namens Meerestraube wird in der Hansestadt geforscht.

Qualle als Superfood in Chipsform?

In Italien gebe es sogar schon ein von Forschern verfasstes Kochbuch. Darin seien Rezepte mit Qualle, die zu Tagliatelle gereicht werden. Kühnhold erwartet eher, dass die Meerestiere für Europäer "als kalorienarmes Superfood in Form von Chips oder Proteinpulver attraktiv werden". Zur Nutzung von Quallen lässt auch die Europäische Union (EU) in dem Projekt GoJelly forschen. Daran arbeiten das Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und die Christian-Albrechts-Universität Universität zu Kiel mit. "Qualle wird in Ostasien seit Tausenden Jahren gegessen", sagte Jamileh Javidpour, Wissenschaftlerin am Geomar und Professorin in Odense (Dänemark).

Auch für Kosmetika geeignet

Man könne Stoffe der Qualle aber auch in Kosmetika nutzen oder in der Medizin. Die Qualle sei nicht nur ein gutes Düngemittel, sie könne generell zur Verbesserung der Bodenqualität beitragen, so Javidpour. Außerdem seien Quallen Futter für viele Fische. Und sie filterten Mikroplastik aus dem Wasser. Die Biologin warnt aber vor einer nicht nachhaltigen Nutzung der Qualle. Man müsse beachten, dass über ihre Rolle im maritimen Ökosystem noch sehr wenig bekannt sei.

Wissenschaftler wollen Nahrungsressourcen besser nutzen

Für Kühnholds Forschungen spielen zwei Überlegungen eine Rolle: Zum einen gedeihen Quallen dort besonders gut, wo der Mensch das maritime Ökosystem bereits geschädigt hat. "Im Vergleich zu vielen anderen Meeresbewohnern kommen Quallen generell mit sehr geringen Sauerstoffkonzentrationen zurecht." Die Erwärmung von Gewässern rege ihre Vermehrung an. Für die Zukunft seien also mehr Quallen in den Meeren zu erwarten. Zum anderen gewinne der Mensch Nahrung aus dem Meer sehr ineffizient. "Im Meer ist es so, dass wir von oben her die Nahrungskette nutzen", sagte Kühnhold. Gefangen werden zum Beispiel große Raubfische wie Lachs oder Thunfisch. Sie müssen viele kleine Fische fressen, um zu wachsen. Die Quallen weit unten in der Kette brauchen keine Nahrung, die auch für Menschen nutzbar wäre. Je knapper Nahrungsressourcen an Land künftig werden, desto besser müssten die Möglichkeiten aus dem Meer genutzt werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 14.06.2021 | 13:00 Uhr

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