Stand: 21.02.2018 07:43 Uhr

Ritterhude-Unglück: Ermittlungen eingestellt

Bild totaler Verwüstung: Eine Explosion zerstört im September 2014 große Teile des Geländes der Chemie-Firma Organo Fluid in Ritterhude.

Wie konnte das passieren? Wer war schuld? Mehr als drei Jahre standen quälende Fragen zur Chemie-Katastrophe von Ritterhude im Raum, bei der die Verbrennungsanlage der Firma Organo Fluid explodierte und bei der ein Mitarbeiter getötet wurde. Kriminalbeamte und Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft ermittelten. Nun hat die Staatsanwaltschaft Verden die Ermittlungen eingestellt. Die Begründung: Wesentliche Spuren und Geschäftsunterlagen sind nicht mehr überprüfbar - sie seien bei der Explosion im September 2014 vernichtet worden.

130 Bände Ermittlungsakten

Die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft hatten sich unter anderem auf die Geschäftsführung konzentriert. Ein Verdacht: Die Anlage könnte an behördlichen Vorgaben vorbei betrieben worden sein. Im Zuge dessen wurden Geschäftsräume untersucht, Zeugen vernommen und Sachverständige nahmen die Reste der zerstörten Verbrennungsanlage unter die Lupe. Insgesamt 130 Bände hätten die Ermittlungsakten gefüllt, heißt es in einem Statement der Staatsanwaltschaft. Doch es half nichts: Am Ende waren nicht nur zu viele Geschäftsunterlagen bei dem Unglück verbrannt. Auch die Anlage sei dabei zu stark zerstört worden, um eine Anklage gegen Organo Fluid auf unerlaubtes Betreiben zu stellen. Zudem könne nicht ausgeschlossen werden, dass ein technischer Defekt zu der Explosion geführt habe.

Tötung nicht zu beweisen

Laut Staatsanwaltschaft ebenso wenig zu beweisen: der Verdacht auf fahrlässige Tötung des nach dem Unfall im Krankenhaus verstorbenen Mitarbeiters sowie die fahrlässige Körperverletzung anderer Verunglückter, darunter Anwohner. "Im Falle einer Anklageerhebung wäre nicht mit einer hinreichenden Wahrscheinlichkeit mit einer Verurteilung der Beschuldigten zu rechnen", heißt es in einem Statement.

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Ermittlungs-Aus: Statement der Staatsanwaltschaft

Die Staatsanwaltschaft Verden stellt das Ermittlungsverfahren im Fall der explodierten Chemiefabrik in Ritterhude ein. Die Presseinformation hier zum Download. Download (169 KB)

Behörden im Visier

Zudem seien laut Staatsanwaltschaft Bescheide der genehmigenden Behörden teilweise nicht präzise genug formuliert worden, um feststellen zu können, ob die Anlage an den Vorgaben vorbei betrieben wurde. Nach dem Vorfall hatten sich die Ermittlungen auch auf die Behörden ausgeweitet. Unter anderem gab es den Verdacht, dass eine Mitarbeiterin des Gewerbeaufsichtsamtes ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkam und dass Genehmigungen erschlichen wurden - mit Drohungen, Bestechung und durch falsche Angaben. Doch auch hier reichten die Beweise nicht aus, so die Staatsanwaltschaft. Die Ermittlungen werden jedoch nicht vollständig eingestellt. Zum Beispiel werde weiter Hinweisen nachgegangen, nach denen Mitarbeiter verschiedener Behörden für Genehmigungen unter anderem Weihnachtsgeschenke von der Organo-Fluid-Geschäftsführung entgegen genommen haben sollen.

CDU nennt Abschluss "enttäuschend"

Die CDU nennt den Abschluss der Ermittlungen "enttäuschend". Martin Bäumer, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion im Niedersächsischen Landtag, geht es dabei um die Verhältnismäßigkeit. Dass niemand den Anwohnern erklären kann, wer für die Schäden verantwortlich ist, während gleichzeitig Ermittlungen "wegen offensichtlich zu Unrecht erhaltener Weihnachtspräsente" weiterlaufen, sei "schon beeindruckend", so Bäumer.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 20.02.2018 | 12:00 Uhr

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