Stand: 24.01.2019 20:19 Uhr

Prälat Kossen fordert Lobby für Arbeitsmigranten

Die Welt ist aus den Fugen geraten, sagt der katholische Priester Peter Kossen. Vor allem die Welt von Arbeitsmigranten in Niedersachsen. Seit Jahren beklagt der ehemalige Prälat von Vechta die Ausbeutung von Leih- und Werksarbeitern in der Fleischindustrie. "Moderne Sklaverei" nennt er die Zustände auf vielen niedersächsischen Schlachthöfen. Seit 2017 arbeitet Kossen als Pfarrer in Lengerich im Norden Nordrhein-Westfalens. Seine alte Heimat hat er nicht aus den Augen verloren. Am Mittwochabend war Kossen zurück als Referent beim Katholischen Bildungswerk in Essen im Landkreis Cloppenburg. Sein Thema: die Schattenseiten der Arbeitsmigration. Er fordert seitens des Staates eine "Arbeitskontroll-Behörde", um Werks- und Leiharbeiter vor der Ausbeutung durch "gewissenlosen Manager" zu schützen.

Arbeitsmigranten aus Osteuropa: Angemietet, benutzt, ausgetauscht

Kossens Vorwürfe wiegen schwer. So sagte er in seinem Vortrag, der NDR.de vorliegt, dass das Wohlstandsgefälle in der Europäischen Union die "krasse Ausbeutung" von Menschen begünstige: "An der Hygiene-Schleuse der Großschlachterei ist der Rechtsstaat am Ende seiner Möglichkeiten." Die Migranten aus Rumänien, Bulgarien, der Ukraine und anderen südosteuropäischen Staaten würden "angemietet, benutzt und nach Verschleiß ausgetauscht", sagt Kossen. Sein Bruder, ein niedergelassener Internist aus dem Landkreis Vechta, berichte über schwere chronische Erkrankungen, schlechte Ernährung, starken physischen Druck. Soziale Teilhabe oder Integration sei unmöglich. Wer sich krankschreiben lasse, fliege. "Menschen werden zu Krüppeln geschunden", sagt Kossen. "Die Empörung darüber hält sich in Grenzen", kritisiert der 51-Jährige.

Kossen: Den Menschen ins Zentrum des Wirtschaftens rücken

Der Fleischindustrie, dem Bau, der Logistikbranche und anderen Bereichen mit großem Anteil an geringfügig Beschäftigen wirft Kossen vor, die Arbeiter und ihre Familien zusätzlich mit unbezahlten Überstunden und "Wuchermieten" für Wohnraum - "Rattenlöcher" wie er es nennt - zusätzlich auszunehmen. Das Einkommen reiche häufig nicht, die Unternehmen kalkulierten von vornherein ein, dass der Staat zusätzlich mit sozialen Leistungen einspringe. "Das ist Sozialbetrug", so Kossen. Ein Umdenken sei nicht erkennbar. Und Opfer seien nicht selten Kinder oder minderjährige Jugendliche - viele landeten auf dem Straßenstrich "an der B68 zwischen Bersenbrück und Bramsche". Kossen fordert Maß zu halten und sich stark zu machen gegen die Ausbeutung derjenigen, die keine Lobby haben. "Der Mensch muss wieder in das Zentrum des Wirtschaftens rücken", sagt Kossen. "Das Kapital hat dem Menschen zu dienen, nicht der Mensch dem Kapital."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 24.01.2019 | 06:00 Uhr

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