Stand: 17.08.2018 14:47 Uhr

"Arbeiter werden benutzt und entsorgt"

Bild vergrößern
Der katholische Sozialpfarrer Peter Kossen (li.) und sein Bruder Florian Kossen, Arzt im Landkreis Vechta, klagen menschenunwürdige Verhältnisse in der Fleischindustrie an.

Der Arzt Florian Kossen aus Goldenstedt (Landkreis Vechta) und sein Bruder, der katholische Pfarrer Peter Kossen, prangern die Arbeitsbedingungen in großen Schlachthöfen an. Osteuropäische Arbeiter, die in Großschlachthöfen wie Wildeshausen, Ahlhorn und Lohne tätig sind, würden "benutzt, verbraucht, verschlissen und dann entsorgt", berichten sie in einer am Freitag verbreiteten Stellungnahme.

Verätzungen, Schnittverletzungen, Erschöpfung

Florian und Peter Kossen, der sich schon seit Jahren für die Rechte von Leih- und Werkvertragsarbeitern einsetzt, kritisieren darin sowohl Arbeitsbedingungen, Unterbringungen und psychische Belastung der Schlachthofmitarbeiter. Der als Hausarzt tätige Internist Florian Kossen berichtet in dem Schreiben über verschiedene gesundheitliche Folgen mit den Werkvertragsarbeiter in seine Praxis kommen: Dazu zählten Verätzungen am ganzen Körper durch mangelhafte Schutzkleidung, Schnittwunden, körperliche Erschöpfung und Infekte infolge mangelnder Hygiene, berichtet Florian Kossen.

"Florierender Menschenhandel" sorgt für Nachschub

Dazu komme ein unmenschlicher Druck seitens der Arbeitgeber, heißt es in dem Schreiben. Selbst Verletzte ließen sich nicht krankschreiben, weil dann die sofortige Kündigung drohe. "Der Nachschub von Arbeitskräften geht den Subunternehmern offensichtlich nicht aus. Dafür sorgt ein florierender Menschenhandel", so Peter Kossen. Die Fleischindustrie behandele Arbeitsmigranten wie Maschinen, die man bei externen Dienstleistern anmiete und nach Verschleiß austausche. Die Unternehmen müssten sich zudem selbst nicht die Hände schmutzig machen, da die Mitarbeiter oftmals nicht bei ihnen, sondern bei kriminellen Subunternehmen angestellt seien, schreiben die Brüder.

Brüder fordern Gründung einer Aufsichtsbehörde

Auch die Unterbringungen der Arbeiter wird moniert: Trotz jahrelanger Proteste seien dies nach wie vor oft "Rattenlöcher, die zu Wuchermieten mit Werkvertragsarbeitern vollgestopft werden", so Peter Kossen. In der Konsequenz fordern die Brüder die Gründung einer Aufsichtsbehörde. Die Fleischindustrie müsse gezwungen werden, "für die eigenen Leute Verantwortung zu übernehmen und sich nicht zu verstecken hinter dubiosen Subunternehmen und Leiharbeitsfirmen".

NGG: Probleme nach wie vor groß

Der Verband der Fleischindustrie war auf Anfrage von NDR 1 Niedersachsen nicht zu einer Stellungnahme bereit. Für die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sind der Vorwürfe der Brüder Kossen nicht neu. "Wir haben davon schon öfter gehört", sagte NGG-Geschäftsführer Matthias Brümmer dem NDR. Die Probleme in vielen Schlachthöfen seien nach wie vor groß, es sei aber schwierig, die Vorfälle nachzuweisen. Brümmer verwies in dem Zusammenhang auch auf Sprachbarrieren.

Weitere Informationen

Peter Kossen: Prälat der sozial Schwachen geht

Als Kämpfer für die Rechte von Leih- und Werkvertragarbeitern hat sich der Prälat Peter Kossen einen Namen gemacht. Jetzt verlässt er die katholische Kirche im Oldenburger Land. (08.12.2016) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 17.08.2018 | 12:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

02:50
Hallo Niedersachsen
02:20
Hallo Niedersachsen
02:10
Hallo Niedersachsen