Stand: 06.04.2020 20:59 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Inseln und Handwerker: Ostfriesische Alleingänge

von Christina Gerlach

"Die Corona-Krise ist in aller Munde." So beginnt Spiekeroogs Bürgermeister Matthias Piszczan (CDU) seine TV-Rede an die 750 Einwohner der Insel. Und wie es sich bei einer offiziellen Ansprache gehört, hat auch er drei Tischfähnchen ins Bild gerückt: die des Landkreises Wittmund, die der Gemeinde Spiekeroog und die der Nordseebad Spiekeroog GmbH (NSB), einer kommunalen Tochtergesellschaft, zu der auch die Fährschifffahrt gehört. Die NSB-Unternehmensziele lauten - unter anderem - "Glück", "Tourismus" und "Mobilität". So steht es zumindest auf der Homepage. Schwierig in diesen Zeiten: Touristen dürfen aktuell nicht auf die Insel, der Fährbetrieb ist eingeschränkt - Glück für Insulaner sieht anders aus.

Bürgermeister: Versorgung ist gesichert

Immerhin: "Die Versorgung mit Lebensmitteln ist gesichert", beruhigt Bürgermeister Piszczan in seiner sechs Minuten langen Rede, die im Spiekerooger Kabelfernsehen zu empfangen ist. Und er erinnert vorsichtshalber noch einmal daran, dass nicht die Inselgemeinde selbst die Corona-Regeln aufstellt, sondern der Landkreis Wittmund. Die Kreisverwaltung hat gerade einen Brandbrief von fünf Mitgliedern des Spiekerooger Gemeinderats auf dem Tisch. Denn die neue, geänderte Allgemeinverfügung des Landkreises lockert die bisherige strenge Regelung in einem gravierenden Punkt: Gewerbetreibende dürfen ab Montag wieder auf die Insel.

"Kann fliesen lassen, aber Tochter darf mich nicht besuchen"

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Handwerker dürfen ab Montag wieder nach Baltrum (Foto), Norderney und Juist fahren und regulär auf den Baustellen arbeiten. (Archivfoto).

Bauarbeiter und Handwerker sind also wieder willkommen, während für Lebensgefährten, Kinder oder Verwandte, die ihren ersten Wohnsitz nicht auf Spiekeroog haben, weiterhin das Inselverbot gilt. "Ich kann also jetzt mein Badezimmer neu fliesen lassen, aber meine Tochter vom Festland darf mich nicht besuchen", ärgert sich ein Insulaner. Den Inselbewohnern ist das Handwerker-Verbot enorm wichtig, denn sie fürchten, dass mit den Pendlern auch das Virus vom Festland eingeschleppt wird. Ihre Befürchtung hatten sie dem Wittmunder Landrat Holger Heymann (SPD) seinerzeit so nachdrücklich nahegelegt, dass dieser Punkt in die erste Allgemeinverfügung zum Inselzugang aufgenommen wurde. "Heute nun ist das alles nichts mehr wert", beklagen sie in dem Schreiben, das dem NDR vorliegt. Die Einschätzung der Hier-vor-Ort-Lebenden sei offensichtlich nachrangig wichtig, heißt es weiter.

Bauprojekt "Uns Oog" wird "systemrelevant"

Die Lockerungen der Corona-Regeln haben Langeoog erreicht, auch diese ostfriesische Insel gehört zum Landkreis Wittmund. Die Baufirma der dortigen Wohngenossenschaft hat mit einer E-Mail beim Landkreis angefragt, ob ihr Projekt "Uns Oog" weitergebaut werden darf. 34 Wohnungen für Insulaner. Das Vorhaben wurde deshalb kurzerhand als "systemrelevant" erkannt und entsprach damit der Allgemeinverfügung vom 23. März, erklärt Landrat Heymann NDR.de Niedersachsen. Weder Landkreis noch der Bauunternehmer noch die Wohngenossenschaft hatten Langeoogs Bürgermeisterin Heike Horn vorab informiert. Sie behält sich vor, dass die Gemeinde Langeoog prüft, ob die Regelung "Handwerker ja, Verwandtschaft ersten Grades nein" wirklich geltendem Recht entspreche. "Entscheidet das Virus alleine, ob es Handwerker infiziert oder Inselkinder", schäumt sie in einer Stellungnahme. Dass der Weiterbau auf Langeooog genehmigt wurde, aber Spiekeroog erst sechs Tage später darüber informiert wurde, - und das auch nur auf Anfrage, kann man kritisch sehen, räumt Wittmunds Landrat Holger Heymann in einem Gespräch mit NDR.de ein. Er verweist darauf, dass die Allgemeinverfügung vom 23. März für beide Inseln gelte. Außerdem ließ er später über seinen Sprecher mitteilen, dass der Landkreis im Vorfeld mit keinem Unternehmen darüber gesprochen habe. Erst nach Veröffentlichung der Allgemeinverfügung habe sich das mit "Uns Oog" beschäftige Bauunternehmen bei der Kreisverwaltung gemeldet, um zu erfragen, ob sie weiter bauen dürften oder nicht. Einen direkten Kontakt von Wohnbaugesellschaften oder deren Vertretern oder anderen zu Landrat Heymann habe es in diesen Angelegenheiten nie gegeben.

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"Hoffe, dass Entscheidung richtig war"

Auch der Landkreis Aurich bekommt gerade Gegenwind. Der hatte die bislang strengste Allgemeinverfügung erlassen. Urlauber auf Baltrum, Juist und Norderney wurden nach Hause geschickt, und die Insulaner unter Hausarrest gestellt. Die Fähr-Reederei wurden angewiesen, nur noch Personen mit Erstwohnsitz auf die Inseln überzusetzen. Auch Bauarbeiter und Handwerker mussten seinerzeit die Inseln verlassen. Ab Montag dürfen sie nun wieder kommen. Norderneys Bürgermeister Frank Ulrichs sagte dem NDR: "Ich hoffe, dass die Entscheidung am Ende richtig war." Zumal die Einheimischen Norderney jetzt auch wieder Richtung Festland verlassen dürften.

Landrat warnt vor Diskriminierung von Bauarbeitern

Proteste hagelte es auch von der Insel Baltrum. Die Ärzte auf der kleinsten ostfriesischen Insel halten die Lockerung für fatal. Auch auf Norderney und Juist gibt es Bedenken. Die Hoteliers und Gastwirte des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Juist schreiben an den Inselbürgermeister, die Mitglieder des Gemeinderats und an den Auricher Landrat Olaf Meinen (parteilos). Sie fordern, die Lockerung rückgängig zu machen. In einer Stellungnahme warnt Meinen nun davor, "Bauarbeiter pauschal als hochinfektiöse Risikogruppe an den Rand der Gesellschaft zu stellen". Das werde der Sache nicht gerecht.

Fünf Corona-Fälle auf den Inseln - bislang

Auch auf der Insel Wangerooge schlugen kurzfristig die Wogen hoch. Es gab die große Sorge, dass der Landkreis Friesland, zu dem diese Insel gehört, die Bauarbeiter-Regelung ebenfalls wieder lockern könnte. Das ist aber nicht passiert. Als einzige ostfriesische Insel scherte Borkum schon von Anfang an aus. Der Landkreis Leer gewährte Bauarbeitern und Handwerkern durchgehend Zugang. Bislang ist dort nur ein Corona-Fall bekannt. Auf Langeoog und Spiekeroog gibt es jeweils zwei Fälle, ebenso auf Norderney. Alle anderen ostfriesischen Inseln sind bislang ohne Infektionsfall.

In seiner TV-Ansprache schwört Bürgermeister Piszczan die Bewohner von Spiekeroog auf gegenseitige Unterstützung ein. "Im gemeinsamen Schulterschluss werden wir diese Krise meistern," versichert er und endet mit dem Wunsch: "Bleiben Sie gesund!" Die Ansprache wird jetzt im Spiekerooger Kabel-TV rund um die Uhr wiederholt - immer zur vollen Stunde.

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NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 06.04.2020 | 08:00 Uhr

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