Stand: 13.07.2018 12:41 Uhr

Gift aus Niedersachsen für die USA

Die niedersächsische VET Pharma Friesoythe GmbH kann auf eine echte Erfolgsgeschichte zurückblicken. Das Unternehmen mit Sitz in Friesoythe, unweit von Oldenburg, wurde 1931 ursprünglich als Impfstoffwerk gegründet, das Präparate für die Tiermedizin herstellte. Heute arbeiten am Standort Friesoythe 150 Mitarbeiter, die mit der Herstellung von Veterinärmedizin Jahr für Jahr rund 50 Millionen Euro Umsatz machen. Die Abnehmer sitzen dabei längst nicht mehr nur in den klassischen Viehzucht-Regionen in Norddeutschland. Die VET Pharma gehört nach zahlreichen Übernahmen heute zum US-Pharmariesen Merck Sharp & Dohme (MSD) und produziert überwiegend für den internationalen Markt. Monat für Monat verschifft VET Pharma tonnenweise Tierarzneimittel über Bremerhaven in alle Welt.

Eine Giftspritze

Gift aus Friesoythe für US-Todeskandidaten?

Hallo Niedersachsen -

Ein Pharmaunternehmen aus Friesoythe soll mehrere Tonnen Gift - eigentlich zum Einschläfern von Hunden - in die USA geliefert haben. Das Mittel wird offenbar immer wieder bei Hinrichtungen eingesetzt.

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Euthanasie-Mittel in die USA geliefert

Einige dieser Lieferungen beschäftigen derzeit die Staatsanwaltschaft Oldenburg. Sie ermittelt wegen möglicher Verstöße gegen die EU-Folterrichtlinie und das Außenwirtschaftsgesetz. Mitarbeiter der VET Pharma stehen im Verdacht, mehrere Tonnen des Tierarzneimittels "Beuthanasia-D" in die USA verschifft zu haben. "Beuthanasia-D" wird dazu verwendet, Hunde einzuschläfern. Das Mittel wird Tieren in die Vene gespritzt und soll eine "schmerzfreie und schnelle Euthanasie" garantieren.  Der Haupt-Wirkstoff des Mittels, Pentobarbital, wird in den USA allerdings auch in Gefängnissen eingesetzt, um Menschen hinzurichten.

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"Beuthanasia-D" ist laut Produktbeschreibung nur für Hunde zu verwenden.
Wirkstoff steht in EU-Anti-Folterverordnung

Ausfuhren aus Europa sind deshalb streng überwacht. Pentobarbital wird seit dem Jahr 2011 in der EU-Anti-Folterverordnung aufgelistet. Ein Export in die USA wird vom Wirtschaftsministerium nur dann genehmigt, wenn der Verbleib des Mittels lückenlos geklärt ist. So soll verhindert werden, dass deutsche Medizin in US-Todestrakten landet. Eben diese Exportregelung, so ist es in einem Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Oldenburg zu lesen, sollen Mitarbeiter der VET Pharama bewusst umgangen haben.

Das Unternehmen, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt, verschiffte das Mittel zwischen November 2017 und Januar 2018 gleich tonnenweise in die USA, ohne dafür eine Genehmigung beantragt zu haben. Die insgesamt drei Lieferungen hatten einen Wert von jeweils mehr als 200.000 Euro. Ein weiterer geplanter Transport wurde im Februar 2018 durch das Hauptzollamt Bremen gestoppt. Um zu verhindern, dass dem Spediteur die Brisanz der Lieferung bewusst wird, sollen Mitarbeiter von VET Pharma die Exportdaten manipuliert haben.

Weitere Lieferungen nach Japan

Recherchen von NDR und SZ zufolge lieferte das niedersächsische Unternehmen VET Pharma die Medikamente an ein US-amerikanisches Schwesterunternehmen, die Intervet Schering-Plough Animal Health. Zwei weitere Lieferungen sollen nach Japan gegangen sein, auch in diesen Fällen soll keine Exportgenehmigung vorgelegen haben. Ende Mai durchsuchten deshalb Zollfahnder den Geschäftssitz der VET Pharma in Friesoythe und stellten dabei Daten und Unterlagen sicher. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg bestätigte auf Nachfrage Ermittlungen "gegen mehrere Verantwortliche eines pharmazeutischen Unternehmens", wollte sich zu konkreten Details unter Verweis auf die noch andauernden Ermittlungen jedoch nicht äußern.

Kein Hinweis auf Lieferung an Gefängnisse

Es liegen derzeit keine Hinweise darauf vor, dass Teile der Chargen des Gifts tatsächlich in US-Gefängnissen gelandet sind. Auch die Staatsanwaltschaft Oldenburg sagt, sie habe keine Erkenntnisse "über den konkreten Einsatz der pharmazeutischen Erzeugnisse in Amerika". Dennoch ist der Fall heikel, denn immer wieder wird Pentobarbital in US-Todestrakten eingesetzt. Und seitdem europäische Hersteller Lieferanfragen aus den USA komplett ignorieren, ist der Stoff in Amerika äußerst knapp. Das deutsche Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrgenehmigung hat in den vergangenen Jahren keinem Export von Pentobarbital mehr zugestimmt. Viele Bundesstaaten schieben deshalb bereits verhängte Todesstrafen auf oder experimentieren mit unerprobten Chemikalien, mit grauenhaften Resultaten. Immer wieder kommt es auch zu Skandalen, weil Gefängnisse dazu übergehen, sich tödliche Injektionen illegal zu besorgen.

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Barbara Lochbihler von den Grünen fordert, den Fall "deutlich" zu ahnden.
Firma: Stoff nur für Tiere zugelassen

Der nun bekannt gewordene Export untergrabe insofern die europäischen Bemühungen, die Todesstrafe weltweit abzuschaffen, sagt die Politikerin Barbara Lochbihler, die für die Grünen im Europaparlament sitzt und zuvor Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland war. "Man darf da also nicht wegschauen, sondern muss auch im Einzelfall ganz deutlich ahnden". Auf Nachfrage teilte ein Pressesprecher der MSD Animal Health mit, man arbeite "selbstverständlich bereits mit den Behörden in dieser Angelegenheit eng zusammen". Da "Beuthanasia-D" in den USA nur als Tierarzneimittel zugelassen sei, habe man keinen Grund zu der Annahme, dass der Stoff jemals außerhalb der Tiermedizin verwendet wurde.


13.07.2018 12:41 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, dass auch Geschäftsräume in Schwabenheim in Rheinland-Pfalz durchsucht worden seien. Dies trifft nicht zu. Es war zwar laut Durchsuchungsbeschluss geplant, wurde aber letztlich nicht durchgeführt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 12.07.2018 | 18:00 Uhr

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