Stand: 11.06.2020 19:53 Uhr

DRK setzt ersten E-Rettungswagen auf Borkum ein

von Tina Alfes

Der Anstoß kam vom niedersächsischen Roten Kreuz, gebaut hat ihn ein Unternehmen aus dem emsländischen Lingen und eingesetzt wird er auf der Nordseeinsel Borkum. Ab Freitag geht der wohl erste elektrisch betriebene Rettungswagen bundesweit in den Einsatz.

In einem Rettungswagen steht eine Liege. © NDR Foto: Tina Alfes
Die Patientenkabine des Elektro-Rettungswagens: Die Geräte werden mithilfe eines eigenen Akkus betrieben, der sich wie beim Campingwagen über ein Starkstromkabel laden lässt.

Das Herzstück aller Rettungswagen ist die Patientenkabine. EKG-Geräte, Defibrillatoren und Beatmungsgeräte sollen im Ernstfall das Überleben von Menschen sicherstellen. Diese Geräte sind schwer und brauchen viel Energie. Kann das ein elektrisch betriebenes Rettungsfahrzeug leisten? Während bei herkömmlichen Rettungswagen alles über die Autobatterie wieder aufgeladen werden kann, ist das bei Elektrofahrzeugen verboten.

Volkswagen winkt ab - privates Engagement gefragt

Vor etwa zwei Jahren hat Notfallsanitäter Daniel Schulte einen E-Rettungswagen zu seinem Projekt gemacht. Er ist beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Niedersachsen zuständig für den Bereich Bevölkerungsschutz und hatte die Idee auf der IAA Nutzfahrzeuge, als er gemeinsam mit VW auf der Messe das Thema "Rettungsgasse" vorstellte. "Zu dem Zeitpunkt wurde der E-Crafter präsentiert und da habe ich gedacht, dass das im Rahmen der allgemeinen Klimakrise doch eine super Idee wäre, wenn wir so was in unserer Flotte hätten", sagt Schulte. In diesem Bereich gebe es bislang kaum Innovationen. Maximal 3,5 Tonnen darf der E-Crafter wiegen. Volkswagen hielt die Idee des Notfallsanitäters damals für nicht umsetzbar.

VIDEO: Erster E-Krankenwagen startet auf Borkum (2 Min)

Expeditionsfahrzeuge als Vorbild

Doch damit wollte Daniel Schulte sich nicht abfinden, begann nach Firmen zu suchen, die sich den Umbau des E-Crafters zu einem reinen E-Rettungswagen zutrauten. Die großen Unternehmen lehnten ab, weil sie die eigenständige Stromversorgung des Patientenraums technisch nicht umsetzen konnten. Erst ein Familienunternehmen in Lingen im Emsland wollte sich der Herausforderung stellen. Geschäftsführerin Maria Boelter-Emmert ist eine Frau, die solche Aufgaben mag. Innovative Projekte umzusetzen gehöre zur Firmenphilosophie. "Die eigene Stromversorgung von so einem Aufbau ist für uns kein Problem", sagt die Unternehmerin. "Das machen wir standardmäßig bei unseren Expeditionsfahrzeugen." Zudem gehört auch der Ausbau von Rettungsfahrzeugen jeglicher Art zu ihrem Geschäftsmodell. So fuhr hier auch schon eines getarnt als Luxuslimousine mit reiner Lederausstattung für eine Privatperson vom Hof.

Weniger Platz im Innenraum

Dieses Know-how machte es möglich, den Innenraum, der kleiner ist als bei herkömmlichen Rettungswagen, dennoch mit allen lebensrettenden Instrumenten auszustatten. "Das hat uns Nerven gekostet. Das Fahrzeug ist viel runder und vor allem kürzer. Da mussten wir uns echt was einfallen lassen", sagt Maria Moelter-Emmert mit einem Lächeln. Versorgt werden die Geräte alle über einen eigenen Akku, der sich wie bei Campingfahrzeugen über ein Starkstromkabel laden lässt.

Weniger Gewicht für mehr Reichweite

Möglichst klein mussten die Geräte also sein und möglichst leicht. Denn bei Elektro-Fahrzeugen bedeutet jedes Kilogramm Reichweitenverlust. Ein Jahr lang suchte Daniel Schulte nach Herstellern, die zu dem Konzept passten und wurde fündig. Viele wurden Projektpartner und stellten EKG-Geräte, elektrische Tragen und Defibrillatoren als Leihgaben zur Verfügung. "Die Firmen waren sehr interessiert an dem Projekt, weil sie sich auch selbst einen Erfahrungsgewinn für die Weiterentwicklung ihrer Komponenten erhofften", sagt Schulte.

Jetzt hat der E-Rettungswagen eine Reichweite von 100 Kilometern. Innerhalb von 45 Minuten ist der Fahrzeug-Akku wieder zu 80 Prozent geladen. Bei der Patientenübergabe im Krankenhaus, die durchschnittlich zehn Minuten dauere, kann der Wagen für die nächste Fahrt ausreichend "nachtanken".

E-Rettungswagen ab Freitag auf Borkum im Einsatz

Auf einem Rettungswagen ist das Logo des Deutschen Roten Kreuz abgebildet. © NDR Foto: Tina Alfes
Die Reichweite des E-Rettungswagens passt zu einer kleinen Insel wie Borkum.

Als ersten Einsatzort hat das Rote Kreuz sich deshalb die Nordseeinsel Borkum (Landkreis Leer) ausgesucht. Bei knapp 31 Quadratkilometern Gesamtfläche sind die Strecken überschaubar. Der Rettungswagen ist am Krankenhaus stationiert, wo Ladestationen vorhanden sind und wo es ein Ersatzfahrzeug gibt. "Das sind ideale Bedingungen, um so ein Pilotprojekt an den Start zu bringen", sagt Schulte. Am späten Donnerstagnachmittag sollte der laut DRK bundesweit erste Elektro-Rettungswagen mit der Fähre nach Borkum gebracht und bestückt werden - und ab Freitag früh startet er zu den ersten Einsätzen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Funkbilder - der Tag | 11.06.2020 | 16:00 Uhr

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