Stand: 27.02.2018 18:00 Uhr

Bilanzskandal bei Steinhoff: Deutsche Manager belastet

Westerstede im Kreis Ammerland: Hier begann die Geschichte des Möbelkonzerns Steinhoff, zwischenzeitlich der zweitgrößte Möbelkonzern Europas. Firmengründer und Namensgeber Bruno Steinhoff, 80 Jahre alt, wohnt bis heute hier. Mittlerweile wird der Konzern aus Südafrika geführt, dennoch hat er bis heute seine Europazentrale in Westerstede. Im Dezember 2017 stürzte die Steinhoff-Gruppe in die Krise: Bilanzen waren offenbar manipuliert worden, der Vorstandschef Markus Jooste trat zurück, der Börsenkurs brach massiv ein.

Das Büro von Steinhoff in Südafrika. © NDR Foto: Sasha Planting

Bilanzskandal bei Steinhoff: Deutsche Manager belastet

Panorama 3 -

Der Bilanzskandal beim Möbelkonzern Steinhoff weitet sich aus. E-Mails legen den Verdacht nahe, dass zwei deutsche Manager daran beteiligt waren und schon früher Zahlen schönten.

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E-Mails belasten Geschäftsleute aus Norddeutschland

Bislang unveröffentlichte E-Mails, die NDR und "Süddeutsche Zeitung" ausgewertet haben, belegen nun: Offensichtlich wussten mehr Menschen bei Steinhoff über die manipulierten Unternehmenszahlen Bescheid als bislang bekannt. Die Unterlagen deuten darauf hin, dass auch zwei deutsche Manager, die in Norddeutschland wohnen, unmittelbar daran beteiligt gewesen sind, Zahlen des Konzerns besser darzustellen, als es wirtschaftliche Realität ist. Und noch etwas legen die E-Mails nahe: Die mutmaßlichen Manipulationen laufen offenbar schon länger als bekannt.

Konkret geht es um einen E-Mail-Wechsel aus dem Sommer 2014. Darin berät sich der Südafrikaner Markus Jooste, bis Dezember 2017 Chef der Steinhoff-Gruppe, mit zwei Managern aus Norddeutschland: Einer bekleidete damals den Posten des Europa-Finanzchefs und ist ausweislich des Handelsregisters bis heute am Standort Westerstede beschäftigt. Der andere hatte ebenfalls einst eine hohe Management-Position im Konzern inne, war aber 2014 bereits ausgeschieden. Er arbeitet heute offenbar als Berater in Bad Zwischenahn.

"Damit es für alle Investoren gut aussieht"

Ex-Steinhoff-Chef Markus Jooste ist abgetaucht.

Die drei sprechen in den E-Mails über die Erstellung der Konzernbilanz für das Jahr 2014. Dabei erwecken sie den Eindruck, dass sie Positionen verbuchen wollen, die sich in der Wirklichkeit nicht wiederfinden. Markus Jooste schreibt in einer E-Mail etwa: "Ich habe jetzt alle Zahlen der Gruppe geprüft und brauche ein paar zusätzliche Einträge, um die abschließende Konsolidierung auszubalancieren. Wir haben uns entschlossen, in den Büchern [einer Tochtergesellschaft] eine Wertminderung vorzunehmen, damit es für alle Investoren gut aussieht."

"Zusätzliche Einnahme von 100 Mio. Euro"

An anderer Stelle bittet Jooste einen Manager darum, bei einer Unternehmenstochter "eine zusätzliche Einnahme von 100 Mio. Euro (…) anfallen zu lassen", um so den Gewinn "unseren Plänen/Prognosen" anzupassen. Einer der beiden deutschen Manager antwortet daraufhin: "Du wirst dich an die Bilanzen erinnern, die wir in den vergangenen Jahren nach oben gedrückt haben." Zu den Einwänden des zweiten deutschen Geschäftsmanns erklärt er: "Ich kann [Name]s Sorge nachvollziehen, wie das alles wieder ausgemerzt werden soll."

Weitere Jahresabschlüsse offenbar betroffen

Nachdem der Skandal um die mutmaßlich gefälschten Bilanzen im vergangenen Dezember aufgeflogen war, zog die Steinhoff-Gruppe die Jahresabschlüsse von 2016 und 2015 offiziell zurück. Die E-Mails rücken indes auch frühere Jahre in ein kritisches Licht. In einer Mail erklärt der ehemalige Europa-Finanzchef: "Wir haben in 2013 170 Millionen [Währungseffekte] verbucht, um auf ein Nachsteuer-Ergebnis von 560 Millionen Euro zu gelangen" und weiter: "In diesem Jahr [gemeint ist 2014] (…) fügen wir 90 Millionen aus Zinszahlungen (…) und 103 Millionen Euro aus Währungseffekten (…) hinzu um auf ein Nachsteuer-Ergebnis von 580 Millionen Euro zu kommen."

Umfeld wusste offenbar Bescheid

In den E-Mails sprechen die drei Manager auch über Bilanzpositionen aus dem Geschäftsjahr 2011, für die "keine Dokumentation, keine Sicherheiten" bestünden. An anderer Stelle diskutieren sie, einen "Marken/Immobilien-Deal auszuarbeiten und für die passenden Werte zu sorgen". Weiter erklärt Markus Jooste: "Dir wird klar sein, dass wir eine starke Basis hinter uns brauchen, um alle Einträge zu machen, die wir zum Bereinigen der Vergangenheit planen." Die Mails liefern zudem Hinweise darauf, dass weitere Personen aus dem Steinhoff-Umfeld in Norddeutschland und Südafrika über die Vorgänge Bescheid wussten.

Zukunft in Westerstede unklar

Inwiefern die Krise, die die mutmaßliche Bilanzfälschung in der Steinhoff-Gruppe ausgelöst hat, auch Arbeitsplätze in Deutschland bedroht, ist derzeit noch offen. In Westerstede arbeiten bis heute mehrere Hundert Menschen für den Konzern, vor allem für die Logistik-Tochter Global Warehouse. Eine Anfrage, ob dort Kündigungen drohen könnten, beantwortete die Steinhoff-Gruppe ebenso wenig wie Fragen zu den E-Mails. Ein Sprecher verwies auf eine laufende Untersuchung, mit der man ein externes Unternehmen beauftragt habe. Auch Markus Jooste und die beiden deutschen Geschäftsmänner äußerten sich auf Anfrage nicht. Bruno Steinhoff, der Gründer des Konzerns, lebt mit seiner Familie nach wie vor in Westerstede. Vertraute Steinhoffs erklären, der Skandal habe ihm schwer zugesetzt, zumal die Familie Dutzende Millionen Euro verloren hat. Auf Nachfrage wollte sich Steinhoff nicht öffentlich äußern.

Rund 20 Milliarden Euro Börsenwert verloren

Der Börsenwert des unter anderem im M-Dax notierten Konzerns lag zwischenzeitlich bei 24 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr hat die Aktie über 90 Prozent an Wert verloren. Weltweit arbeiten mehr als 100.000 Menschen für die Steinhoff-Gruppe. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt zurzeit gegen mehrere Manager und ehemalige Manager der Steinhoff-Gruppe - unter anderem wegen des Verdachts der unrichtigen Darstellung von Bilanzen, der Urkundenfälschung und der Steuerhinterziehung. Zudem hat die Bankenaufsicht BaFin eine förmliche Untersuchung wegen des Verdachts der Marktmanipulation und des Insiderhandels eingeleitet.

Der Steinhoff-Möbelkonzern

Steinhoff International Holdings ist ein weltweit tätiger Möbelkonzern mit Rechtssitz in der niederländischen Hauptstadt Amsterdam und operativer Zentrale in Johannesburg (Südafrika). Die Europazentrale befindet sich in Westerstede (Landkreis Ammerland). Dort wurde das ursprüngliche Unternehmen 1964 von Bruno Steinhoff gegründet. Seit 2011 gilt Steinhoff als der zweitgrößte europäische Möbelhändler nach IKEA. Weltweit sind rund 112.000 Mitarbeiter für das börsennotierte Unternehmen tätig. In Deutschland ist der Konzern vor allem durch seine Poco-Möbelhäuser bekannt.

Weitere Informationen

Ermittlungen bei Europas zweitgrößtem Möbelkonzern

Der Westersteder Möbelkonzern Steinhoff ist ins Visier der Staatsanwaltschaft Oldenburg geraten. Gegen vier Verantwortliche wird wegen des Verdachts der Bilanzfälschung ermittelt. (25.08.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 27.02.2018 | 21:15 Uhr

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