Bestimmt kein altes Eisen: Die Trecker-Werkstatt von Nindorf

Stand: 04.10.2021 07:06 Uhr

In Nindorf bei Apensen (Landkreis Stade) haben sich sieben Jugendliche ein besonderes Hobby gesucht: Sie kaufen alte Traktoren, restaurieren die Maschinen und setzen sie dann auf dem Acker ein.

von Marlene Kukral

"Angefangen hat eigentlich alles mit einem Trettraktor oder genauer gesagt mit zwei", sagt Timo Tobaben. Der 18-Jährige spricht über seine Freundschaft zu Kenneth Gehlken (17). "Kenneth kam mit seinem Tret-Traktor bei uns am Hof vorbei, da habe ich mit meinem Trecker gespielt und dann haben wir zu zweit gespielt." Damals waren Timo und Kenneth vier Jahre alt.

Vom Spielzeug zu echten Traktoren

Ein Traktor fährt über ein Feld. © NDR Foto: Marlene Kukral
Nach den Reparaturen können die alten Maschinen wieder da eingesetzt werden, wo sie hingehören: auf dem Feld.

Zehn Jahre später werden aus den Spielzeugtreckern zum ersten Mal große Traktoren mit echten Motoren. Die beiden beginnen, alte Traktoren zu restaurieren. Zuerst zu zweit, inzwischen ist die Truppe zu siebt. "An den Treckern schrauben vor allem Ciara, Timo und ich", sagt Kenneth. Er ist als angehender Landmaschinentechniker der Spezialist der Gruppe. Wobei man schnell merkt: Auch die anderen beiden wissen, was sie mit den Schleif- und Schweißgeräten tun müssen.

Eine ganze Ecke voller Werkzeug

In der großen Maschinenhalle der Familie Gehlken gehört eine Ecke den Jugendlichen: eine Werkbank, gut sortiertes Werkzeug und davor ein alter Federzinkengrubber. "Den Grubber haben wir von einer Freundin. Der lag zwanzig Jahre ungenutzt im Busch. Und dann haben wir gesagt: 'Eigentlich können wir den mal ausgraben und wiedereinsetzen'", erzählt Kenneth. Das Gerät zum Lockern des Bodens soll noch Warntafeln und Rücklichter bekommen.

"Vielleicht klappt es und wir können die Maschine kaufen"

Die Jungen und Mädchen sind immer auf der Suche nach alten, ungenutzten Maschinen. "OKF" nennen sie das selbst, wenn sie mit ihrem Trecker eine "Ortskontrollfahrt" machen. "Dann schauen wir, wo steht ein altes Fahrzeug oder ein Gerät. Und wenn uns das gefällt, dann machen wir den Besitzer ausfindig und dann schauen wir mal. Vielleicht klappt es und wir können die Maschine kaufen", sagt Kenneth.

Meist aus eigener Tasche

Acht Trecker und eine Handvoll Geräte haben die Jugendlichen so schon in ihren Besitz gebracht. "Das meiste zahlen wir natürlich aus eigener Tasche", sagt Timo, "aber wir helfen mit den Treckern auch mal bei Nachbarn und Freunden auf dem Feld aus, dann bekommen wir auch wieder etwas Geld zurück in die Kasse."

"Regionaler geht's ja kaum"

Restaurantbesitzer Michael Knirsch aus Apensen ist so ein Freund. Er kauft den Jugendlichen Kartoffeln ab, die er dann zu seinen Burgern serviert. "Regionaler geht’s ja kaum", sagt Knirsch. "Und wenn junge Leute sich so engagieren, dann muss man das doch unterstützen." Auf einem Acker am Ortsrand von Nindorf bauen die jungen Treckerfreunde im zweiten Jahr ihre eigenen Kartoffeln an, auch das auf die alte Art. "Unsere Geräte sind wie die Traktoren eigentlich Oldtimer", sagt Timo. Große Maschinen mit automatischer Sortieranlage sind hier Fehlanzeige.

Erntezeit: Einsatz für alle

An seinem Trecker hängt ein alter Kartoffelroder. Der holt die Kartoffeln zwar aus der Erde, aufgeklaubt werden müssen sie dann aber von Hand. Deshalb kommen an diesem Freitag auch alle zur Ernte zusammen. Alle - das sind neben Kenneth und Timo noch Cord Dammann (16), Florian Ehlen (16), Pia Bösch (17), Ciara Engelken (18) und Anna-Lisa Folske (19). Sie alle kommen aus den Dörfern rund um Apensen und sind schon länger befreundet.

Dann eben Schnaps statt Pummes

Als Timo und Kenneth angefangen haben, eigene Trecker zu restaurieren, waren die anderen schnell dabei. Wer einen Führerschein hat, der fährt auch einen der Trecker. Im Anhänger sind leere Kisten für die Kartoffeln. "Mal sehen, ob sie auch was geworden sind", sagt Timo. Als er mit dem Kartoffelroder über den Acker fährt, zeigt sich schnell: Die Kartoffeln sind gut gewachsen. "Fast zu gut", sagt Kenneth. "Gerade für Michaels Restaurant sollten es eigentlich kleine werden." Aber auch das ist kein Problem. Statt zu Pommes werden die Kartoffeln nun vielleicht zu Schnaps gemacht.

Ein Dach über dem Kopf muss sein

Die Trecker sind ein Hobby der Jugendlichen, kein Geschäft. Deshalb nehmen sie auch alles so, wie es kommt und machen am Ende das Beste daraus. Und solange sie Spaß daran haben, wollen sie auch weitere Trecker in ihren Fuhrpark aufnehmen. "Zumindest, solange wir für alle ein Dach über dem Kopf haben", sagt Timo. Denn im Regen haben die alten Maschinen oft schon lang genug gestanden.

Archiv
Ein alter Kran im Lüneburger Hafenviertel. © NDR Foto: Julius Matuschik
8 Min

Nachrichten aus dem Studio Lüneburg

Was in Ihrer Region wichtig ist, hören Sie in dem Mitschnitt der 15.00 Uhr Regional-Nachrichten auf NDR 1 Niedersachsen. 8 Min

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 02.10.2021 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus der Region

Zwei Polizisten stehen nebeneinander auf einer Straße. © NDR Foto: Julius Matuschik

Getötete Schwangere in Lüneburg: Tatverdächtiger schweigt

Es soll sich um den Freund des Opfers handeln. Die Frau verstarb der Obduktion zufolge an der Messerattacke. mehr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen