Stand: 21.03.2019 16:47 Uhr

Lügde: Landrat räumt erneut Fehler ein

Tjark Bartels hat im Sozialausschuss des Landtags schwere Versäumnisse des Jugendamtes im Landkreis eingeräumt.

Zu den jüngst bekannt gewordenen Fehlern beim Jugendamt des Landkreises Hameln-Pyrmont im Fall Lügde hat Landrat Tjark Bartels (SPD) im Sozialausschuss des niedersächsischen Landtags erneut eingeräumt, dass das Jugendamt des Landkreises Fehler gemacht hat.

Bartels: Hinweise wurden nicht ernst genommen

Trotz mehrfacher Hinweise im Jahr 2016 habe das Jugendamt des Landkreises die akute Gefahr für die Kinder auf dem Campingplatz in Lügde nicht erkannt, sagte Bartels am Donnerstag im Sozialausschuss. Hinweise auf eine mögliche Pädophilie des Hauptverdächtigen seien nicht ernst genommen worden, so der Landrat. "Dass dieser Mensch das getan haben soll, konnten sich viele nicht vorstellen", sagte Bartels. Der 56-Jährige sei nur als "komischer Typ und ein bisschen verschroben" beschrieben worden.

Landrat Tjark Bartels

Missbrauch in Lügde: Landrat räumt Fehler ein

Hallo Niedersachsen -

Im Sozialausschuss des Landtags hat Hameln-Pyrmonts Landrat Tjark Bartels ausgesagt und versucht, das Handeln im Missbrauchsfall Lügde zu erklären. Er räumte Fehler seiner Mitarbeiter ein.

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35 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht

Das Jugendamt hatte dem Mann im Mai 2016 auf Wunsch der Mutter die Pflegschaft für ein heute achtjähriges Mädchen übertragen. Nach derzeitigem Erkenntnisstand gehen die Ermittler davon aus, dass der 56-Jährige gemeinsam mit einem Komplizen 35 Kinder und Jugendliche auf einem Campingplatz in Lügde, nahe der niedersächsischen Landesgrenze, sexuell missbrauchte und die Taten filmte. 16 weitere Verdachtsfälle werden noch überprüft. Der 56-Jährige setzte laut den Ermittlern seine Pflegetochter ein, um andere Opfer anzulocken.

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Zwei zusätzliche Mitarbeiter sollen Fälle prüfen

Mehr als drei Stunden lang rechtfertigte sich Bartels im Sozialausschuss. So räumte er ein, dass das Vier-Augen-Prinzip in der Behörde nicht funktioniert habe. Mitarbeiter, die mit der Akte befasst waren, hätten sich gegenseitig bestätigt anstatt die Einträge kritisch zu hinterfragen. Bartels will solche Fehler in der Zukunft verhindern: Als entsprechende Maßnahme kündigte er an, dass zwei zusätzliche Mitarbeiter jeden Kindeswohl-Fall im Jugendamt von außen bewerten sollen. Die Fachleute sollen prüfen, ob die Sachbearbeiter möglicherweise etwas übersehen haben, so Bartels. Grundsätzlich verteidigte er allerdings auch das Hameln-Pyrmonter Jugendamt: Die Behörde habe gut ausgebildete Fachkräfte und arbeite professionell, so der SPD-Politiker. Die mutmaßlichen Täter, betonte Bartels, sitzen in Untersuchungshaft; dass nun die Arbeit der Behörden-Mitarbeiter skandalisiert werde, halte er für schwierig.

Heftige Kritik am Landrat

Ein Befreiungsschlag für den unter Druck stehenden Landrat war der Auftritt im Ausschuss nicht. Die Grünen sprachen nach dessen Auftritt von einem "Systemversagen auf allen Ebenen" und forderten, dass das Land mehr unternimmt. Der SPD-Politiker Uwe Schwarz beklagte ein "Behördenversagen gepaart mit krimineller Energie", wie NDR 1 Niedersachsen berichtet. Die CDU-Abgeordnete Gudrun Pieper kritisierte den Auftritt des Landrats als "überheblich". Darüber hinaus fordert sie, dass der Landrat noch genauer beleuchtet, was im Jugendamt schief gelaufen ist. Sylvia Bruns von der FDP forderte, dass Bartels zu seiner politischen Verantwortung stehen müsse. Stattdessen würde er die Schuld auf seine Mitarbeiter abwälzen, sagte Bruns dem NDR.

Bessere Zusammenarbeit der Behörden geplant

Neben Bartels waren auch Fachleute aus dem Sozialministerium im Ausschuss zu Gast. Auch sie kündigten Maßnahmen an: Unter anderem sollen Ehrenamtliche und Sozialarbeiter künftig geschult werden, damit sie Anzeichen für sexuellen Missbrauch besser erkennen.

Kinderschutzbund fordert Konsequenzen

Der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) Niedersachsen hat im Fall Lügde zu einer ausführlichen Fehleranalyse in den Jugendämtern geraten. Es sei offensichtlich, dass in den beteiligten Jugendämtern Fehler gemacht worden seien, sagte DKSB-Geschäftsführerin Antje Möllmann. Das Sozialministerium müsse jetzt Konsequenzen ziehen. Der DKSB-Landesverband forderte interne Schutzkonzepte auch für Jugendämter. Es müsse klar werden, welche Beschwerdestellen und Verfahrenswege es in Verdachtsfällen gibt.

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Fehler und Behördenversagen

Das Ausmaß des Falls ist immer größer geworden, sowohl in Bezug auf die Zahl der Missbrauchsopfer und die Zahl der mutmaßlichen Täter und Mitwisser als auch in Bezug auf den Umfang des Behördenversagens in der Verwaltung und bei der Polizei. So war etwa ein Ermittler selbst 2011 wegen des Besitzes von Kinderpornografie verurteilt worden.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 21.03.2019 | 19:30 Uhr

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