Stand: 25.07.2020 12:00 Uhr

Hannover: Weitere rechte Drohbriefe am Steintor

von Amelia Wischnewski
Ein türkischer Imbiss in Hannover: Urfa Sofrasi
In Hannovers Innenstadt sind weitere rechtsextremistische Drohbriefe aufgetaucht. Der Absender: unbekannt. Die Empfänger: Unternehmerinnen und Unternehmer sowie eine Moschee.

Bei türkischstämmigen Niedersachsen wächst die Sorge vor rassistischen Bedrohungen. Neben den zahlreichen Botschaften, die sich gegen Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne) richten, gibt es mehrere Einrichtungen im Steintorviertel, die ebenfalls Hassbriefe bekommen haben. Der Polizei liegen bislang acht Briefe vor. Nach NDR Recherchen wurden sie unter anderem an zwei Shisha-Bars, einen Friseur, einen Supermarkt und eine Moschee adressiert. Die Betreiber werden in den Schreiben rassistisch beschimpft und mit dem Tode bedroht. Ermittlungsergebnisse gibt es bislang keine. 

VIDEO: Drohbriefe: Zahl der Betroffenen weitet sich aus (4 Min)

Geschäftsleute sind verunsichert

Faruk Mermertaş betreibt einen Supermarkt mit türkischen Spezialitäten. "Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Als ich den Brief gesehen habe, dachte ich: Was passiert hier gerade? Wir sind in Hannover", sagte der 32-Jährige im Gespräch mit dem NDR Regionalmagazin Hallo Niedersachsen. Den Brief erhielt er bereits im Dezember 2019. Er ist mit "Die Deutschen" unterzeichnet, genau wie der Brief, der erst kürzlich an einen Gastronomen geschickt wurde. Faruk Mermertaş ist in Sorge um seine Mitarbeiter und Kunden: "Christchurch war noch nicht lang her. Da ist ein Spinner mit einer automatischen Waffe in eine Moschee spaziert und hat in einem Livestream wahllos Menschen umgebracht. Nichts anderes wurde uns in dem Brief angekündigt."

Täuscht Verfasser Kinderhandschrift vor?

Er erstattete damals Anzeige bei der Polizei, hatte aber den Eindruck, nicht ernst genommen zu werden. Ein möglicher Grund: Der Brief ist in einer kindlich anmutenden Handschrift verfasst. Hallo Niedersachsen hat deshalb mehrere Lehrer um eine Bewertung gebeten. Die einhellige Einschätzung: Diverse Merkmale deuten darauf hin, dass es sich um einen erwachsenen Absender handelt. "Schüler tippen schon sehr viel mehr auf dem Computer und auf dem Smartphone. Die Schrift weist klar charakteristische und eingeschliffene Merkmale auf, das spricht für einen Erwachsenen", so Tatjana Seidensticker, Direktorin an der Grundschule Bredenbeck (Region Hannover).

Schutzmaßnahmen laut Polizei nicht erforderlich

Wer steckt dahinter und wie ernst sind die Drohungen zu nehmen? Die Polizeidirektion Hannover betont auf Anfrage: "Es wird sowohl zur Gefahrenlage wie auch zur Identität des Verfassers ermittelt. Schutzmaßnahmen für die betroffenen Lokale infolge der sogenannten Drohschreiben waren nach Lagebewertung nicht erforderlich."

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An einer Hausfassade hängt ein Leuchtschild mit der Aufschrift Polizei. © NDR Foto: Julius Matuschik

Was über die "NSU 2.0"-Briefe bekannt ist

Unter den Drohmails gegen Personen des öffentlichen Lebens steht "NSU 2.0". Der Name tauchte bereits 2018 gegen eine Anwältin auf. Spuren führen zur Polizei. Mehr auf tagesschau.de extern

Staatsanwaltschaft in Sorge

Die Ermittlungen zu den Drohbriefen laufen. Thomas Klinge, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, sieht eine Zunahme solcher Anzeigen. "Es ist eine Volksstimmung im Moment da, wo viele Leute meinen, sie können alles sagen, was sie wollen. Sie können auch bedrohen. Sie können verächtlich machen, sie können beschimpfen. Und das ist ein Punkt, der geht nicht, der zersetzt unsere Gesellschaft von innen, wenn wir hier Teile der Bevölkerung alleinlassen."

Muslime fühlen sich bedroht

Özcan Özcicek steht vor betenden Männern im Portrait. © NDR Foto: Amelia Wischnewski
Auch Ozcan Özcicek hat Drohbotschaften bekommen.

Ozcan Özcicek ist im Vorstand der Millî Görüş Moschee in Hannover. Auch er wagt es erst gut ein halbes Jahr später, offen über erhaltene Drohbotschaften zu sprechen. Der Brief ist nur ein Puzzleteil von mehreren. Per E-Mail schickten Unbekannte Fotos von einem verbrannten Koran. Vor einiger Zeit wurde ein abgetrennter Schweinefuß über das Tor geworfen. Dem NDR sagt Özcicek: "Wir fühlen uns langfristig nicht sicher. Ich mache mir darüber Gedanken, was in den nächsten zehn Jahren sein wird. In was für einer Gesellschaft wachsen meine Kinder auf?"

Niedersachsen: 497 hasskriminelle Straftaten 2019

Da viele antimuslimische Straftaten nicht gemeldet werden, schätzen Experten die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher als die offiziellen Zahlen. Das niedersächsische Innenministerium zählte im vergangenen Jahr 497 hasskriminelle Straftaten - dazu gehören auch islamfeindliche, rassistische und sogenannte fremdenfeindliche Taten. Die Zahlen stiegen seit drei Jahren an, hieß es aus dem Ministerium.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 25.07.2020 | 19:30 Uhr

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