Stand: 22.12.2019 18:00 Uhr

Gravierende Missstände in privater Pflege-WG?

von Christina Harland

Vier ehemalige Mitarbeiterinnen einer privaten Senioren-Wohngemeinschaft in Lutter, einem Ortsteil von Neustadt am Rübenberge, erheben schwere Vorwürfe gegen die Betreiberin der Einrichtung. Ihre ehemalige Chefin soll Bewohner mit kalten Duschen bestraft und sie in Fäkalsprache beschimpft haben. Außerdem soll sie demente Bewohner nachts ohne Notrufmöglichkeit eingeschlossen und wiederholt zugelassen haben, dass ihre Hunde ihre Geschäfte in den Zimmern der WG verrichten. NDR Niedersachsen liegen eidesstattliche Versicherungen der vier Frauen vor. Sie haben inzwischen Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Hannover gestellt.

VIDEO: Missstände in privater Pflege-WG in Neustadt (7 Min)

Nur noch vier Bewohner in der Einrichtung

Die Einrichtung in Lutter besteht seit fast zwei Jahren. Bis vergangene Woche lebten dort insgesamt sieben Bewohner mit Pflegegraden von zwei bis fünf. Bis auf einen waren alle dement, einige von ihnen schwere Pflegefälle. Inzwischen sind es noch vier. Zwei Bewohner sind aufgrund der Missstände am Mittwoch in ein Heim umgezogen. Eine schwer kranke, bettlägerige Frau ist zu Wochenbeginn verstorben.

Betreiberin spricht von "Intrige"

Die verbliebenen Bewohner werden derzeit allein von der Betreiberin der WG, Carolina S. versorgt. Unterstützung hat diese lediglich von einer ungelernten Hilfskraft. S. bestreitet alle Vorwürfe. Gegenüber NDR Niedersachsen sprach sie von einer nicht nachvollziehbaren Intrige: "Hier kann jeder zu jeder Zeit kommen und sich selbst ein Bild machen." Kontrollen in rein privaten Alten-WGs sieht das Niedersächsisches Gesetz über unterstützende Wohnformen (NuWG) allerdings nicht vor. Deshalb besteht nach Angaben der Region Hannover in diesem Fall keine gesetzliche Zuständigkeit der Heimaufsicht der Region. Allerdings leite die Heimaufsicht schwerwiegende Beschwerden an die Staatsanwaltschaft oder andere zuständige Stellen weiter.

Pflegebedürftige Menschen in Niedersachsen

Im Jahr 2017 waren 387.148 Menschen in Niedersachsen pflegebedürftig. Davon wurden 96.542 durch einen ambulanten Pflegedienst betreut, 95.900 Menschen waren in einem Pflegeheim untergebracht und 194.634 Pflegebedürftige (Pflegegeldempfänger) wurden zu Hause (durch Angehörige) betreut.

Land fördert selbstbestimmtes Wohnen

Angesichts rasant steigender Zahlen pflegebedürftiger Menschen und des großen Mangels an Fachkräften in der Pflege setzt das Land Niedersachsen darauf, dass neue Wohnformen wie private Pflege-WGs entstehen. Mit dem Förderprogramm "Wohnen und Pflege im Alter" stellt Niedersachsen jährlich eine Million Euro für selbstbestimmtes Wohnen zur Verfügung. In diesem Jahr erhielten nach Auskunft des Sozialministeriums vier Pflegewohngemeinschaften jeweils 100.000 Euro Fördergeld.

Alternative Wohnformen nehmen zu

Seitdem das NuWG zum 1. Juli 2016 in Kraft getreten ist, seien in den darauf folgenden zwei Jahren etwa 180 ambulant betreute Wohngemeinschaften sowie Formen des betreuten Wohnens neu entstanden. Damit habe sich die Zahl der alternativen Wohnformen, die vor Inkrafttreten des Gesetzes in Niedersachsen bestanden haben, nahezu verdoppelt. Detaillierte Zahlen über die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre liegen der Landesregierung nach eigenen Angaben nicht vor.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 22.12.2019 | 19:30 Uhr

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