Stand: 05.05.2020 12:16 Uhr  - NDR Info

Ausländische Prostituierte: Ohne Geld und Familie

von Sabine Hausherr
Die Bulgarinnen Zhulieta (links) und Monika sitzen fern von ihren Familien in Braunschweig fest. Wegen der Corona-Pandemie können sie zurzeit kein Geld als Prostituierte verdienen.

Monika aus Bulgarien fühlt sich in diesen Tagen so einsam wie nie zuvor in Deutschland. Seit sieben langen Wochen hatte die 30-Jährige keinen Kunden mehr. Seitdem sitzt sie in ihrem kleinen Zimmer in der Braunschweiger Bruchstraße und wartet. "Ich wünsche mir, dass Corona schnell vorbei geht und ich endlich wieder Geld verdienen kann", sagt sie in gebrochenem Deutsch und im Wissen, dass ihr Wunsch wohl so schnell nicht in Erfüllung gehen wird. Normalerweise verdiene sie pro Monat zwischen 1.500 und 2.000 Euro, jetzt gar nichts mehr. Den Großteil des Geldes schickt sie sonst zu ihren Eltern nach Bulgarien. Dort lebt auch ihr Sohn, der in zwei Wochen zehn Jahre alt wird. Dass sie am Geburtstag ihres Sohnes nicht bei ihm sein kann, macht sie unfassbar traurig.

Corona-Krise bringt Prostituierte in Not

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Die Rotlicht-Viertel sind geschlossen, viele Prostituierte haben Existenzängste. Dabei müssen sie oft noch ihre Familien im Ausland unterstützen. Ein Besuch in Braunschweig.

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Bulgarinnen sitzen fest, ohne Geld

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Zhulieta leiht sich derzeit Geld, um ihren Alltag zu bewältigen.

Nicht viel besser ergeht es Zhulieta, die nur wenige Häuser weiter ihr Zimmer hat. Sie leiht sich derzeit Geld von Bekannten, das sie irgendwann auch zurückzahlen will. Beide Frauen haben es verpasst, vor den Grenzschließungen nach Hause nach Bulgarien zu fahren. Jetzt sitzen sie allein in Deutschland fest, verdammt zum Warten. "Ohne Geld ist das unglaublich hart", sagt Zhulieta. Immerhin, ergänzt Monika, ihr Vermieter erlasse ihr derzeit die Miete in Höhe von 70 Euro am Tag.

Rotlichtviertel Bruchstraße wirkt wie Filmkulisse

Es ist eine sehr deprimierende Stimmung in der Bruchstraße, der jahrhundertealten Bordellstraße mitten in Braunschweig. Kleine bunte Fachwerkhäuschen in schlechtem Zustand stehen nebeneinander. Das fällt am Tage und bei Regen noch mehr auf. Die Häuschen tragen Namen wie "Orchidee", "Rote Laterne" oder "Moulin Rouge". Es wirkt wie eine Filmkulisse.

Prostituierte trauen sich aus Angst nicht raus

Auch Jürgen hat Ende April seinen Job verloren. Eigentlich arbeitet er als Hausmeister in vielen Bordellwohnungen, sorge im Auftrag des Eigentümers dafür, dass die Wohnungen in Schuss bleiben. Er hole "neue Frauen" vom Bahnhof ab und kümmere sich eben um alles, was rund um die Vermietung der Zimmer anfalle. "So eine Situation habe ich noch nie erlebt", sagt er. Besonders schlimm sei die Lage von vier ausländischen Prostituierten. Sie trauten sich kaum aus den Wohnungen, aus Angst vor Corona. Auch weil sie keine Krankenversicherung hätten. Ihre Familien zu Hause glauben, dass sie in Deutschland als Zimmermädchen ihr Geld verdienen, erzählt Jürgen.

Foodsaverinnen bringen Frauen Lebensmittel

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Kathrin Monyer-Rogner vom Foodsharing-Verein bringt den Frauen Gemüse und andere Lebensmittel.

Wie zurückgezogen die meisten Frauen auf engstem Raum leben, hat auch Foodsaverin Kathrin Monyer-Rogner festgestellt. Zweimal pro Woche kommt sie oder eine ihrer Mitstreiterinnen mit ihrem Auto in die Bruchstraße gefahren, um die Frauen mit Lebensmitteln zu versorgen. Lebensmittel, die sie zuvor aus Supermärkten vor der Mülltonne gerettet haben. Die Foodsharer oder Foodsaver sind eine Umweltinitiative, die sich gegen Lebensmittelverschwendung einsetzt. Jetzt springen sie für die Tafel ein, die zum einen nicht ausliefert und in manchen Städten ganz geschlossen hat.

Kochbananen für ein bisschen Heimatgefühl

Diesmal hat Kathrin Monyer-Rogner Artischocken, Mohrrüben, Weintrauben, Kuchen und Paprikaschoten im Kofferraum. Wenn sie vorfährt, füllen sich plötzlich die Straßen und die Frauen kommen aus ihren Häuschen. Mittlerweile wisse sie schon, was die Frauen gern essen. Für einige Frauen aus der Dominikanischen Republik versuche sie immer Kochbananen mitzubringen und viel frisches Gemüse. "Sie fangen dann auch immer gleich an zu brutzeln", erzählt sie. "Das ist einfach schön, dass wir ihnen zumindest so ein bisschen helfen können", sagt Foodsaverin Monyer-Rogner.

Kein Konto, keine Versicherung: Keine Corona-Hilfen

Von den Corona-Hilfsfonds werden die Frauen aus der Bruchstraße wohl nicht profitieren können. Wer kein Girokonto hat, keine Krankenversicherung, kaum Deutsch spreche und die Anträge nicht ausfüllen kann, für den wird es schwer. Durch das Erfassen personengebundener Daten befürchten die zumeist aus dem Ausland stammenden Frauen außerdem, dass ihre Tätigkeit in ihren Heimatländenn bekannt wird, vermutet ein Sprecher der Stadt Braunschweig. Bislang seien jedenfalls nur wenige Anträge eingegangen.

Domina verlegt "Erziehungsdienste" ins Netz

Nur Domina Jennifer macht derzeit das Beste aus der Situation in der Bruchstraße und bietet ihre "Erziehungsdienste", wie sie sie nennt, jetzt online an. Bei manchen Anbietern komme das Geld am Monatsanfang, bei manchen zur Mitte, das passe dann ganz gut. Aber auch sie leidet unter der Situation und hat Angst, dass sie Kunden verliert, wenn sie ihr Domina-Studio monatelang geschlossen halten muss.

"Wann ist Corona vorbei, wann verdienen wir wieder Geld?", das fragen sich die Frauen aus der Bruchstraße und wünschen sich so sehr eine Perspektive.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 05.05.2020 | 14:00 Uhr

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