Raus aus dem Knast: Zweite Chance für Straftäter

Stand: 19.12.2020 15:12 Uhr

Kriminelle sollen in Deutschland nach ihrer Haft die Chance auf einen Neustart haben. In Niedersachsen bekommen sie Unterstützung von der Straffälligenhilfe, etwa dem Projekt "Brückenbau".

von Torben Hildebrandt

Andreas Greve stapft durch das nasse Gras, gut eingepackt in eine schwarze Jacke. Die Kapuze seines Pullovers hat er über den Kopf gezogen. Nasskaltes Wetter. Fünf Grad. Ungemütlich. Andreas Greve hat eine Reisetasche bei sich, auf dem Rücken trägt er mehrere Angelruten. Am Ufer der Aller angekommen, nimmt der 56-Jährige ein bisschen Teig aus einer weißen Plastiktüte und formt daraus ein Kügelchen. Den Teig hat er selbst gemacht. "Einfach nur Mehl und Wasser", sagt Greve. "Dem Fisch ist es eigentlich egal, was er zu fressen kriegt." Greve knetet den Teig an den Haken. Mit einem gezielten Schwung landet der Köder im Fluss. Der Angler schaut aufs Wasser. Und wartet. Stille.

25 Jahre hinter Gefängnismauern

Andreas Greve schaut in Gedanken versunken in die Ferne. © NDR
25 Jahre lang saß Andreas Greve im Gefängnis. Als junger Mann hatte er bei einem Raubüberfall einen Bekannten getötet.

Greve hat gelernt, zu warten. Er ist ein geduldiger Mensch. Hier draußen, in der Natur, fühlt er sich wohl. 25 Jahre lang saß er hinter Gefängnismauern, in einer acht Quadratmeter großen Zelle. Verschlossene Türen, Stacheldraht und Anweisungen der Bediensteten prägten sein halbes Leben. Hier an der Aller zu sein und aufs Wasser zu schauen ist für ihn Luxus. "Das ist ein Gefühl von Freiheit", lächelt Greve. "Ich kann mich wieder bewegen, wie ich möchte."

"Dann wäre die Tür für immer zugegangen"

Greve ist ein verurteilter Straftäter. Er hat als junger Mann bei einem Raubüberfall einen Bekannten ermordet. Jetzt hat er seine Strafe verbüßt. Für den Rechtsstaat ist er damit ein freier Mann, der sich wieder in die Gesellschaft integrieren soll. Den Knast hat er hinter sich gelassen, genauso wie den Rausch und seine alten Bekannten aus der Zeit vor dem Gefängnis. Er hat ein neues Leben angefangen. "Ich war 15 Jahre lang alkoholabhängig. Hätte ich gesagt: ich mache so weiter, dann wäre mein Werdegang vorprogrammiert gewesen", erklärt der Ex-Inhaftierte. "Ich wäre in den alten Freundeskreis zurückgekehrt, hätte weiter gesoffen, die nächsten Straftaten… dann wäre die Tür für immer zugegangen." Greve arbeitete in der Haft an sich. Er machte eine Therapie, hörte auf zu Trinken. Gutachter stellten schließlich fest: Er ist keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit. Im vergangenen Jahr endete seine ursprünglich lebenslange Freiheitsstrafe mit der Entlassung.

Unterstützung vom Celler Projekt "Brückenbau"

Zurück in die Gesellschaft - bei diesem Ziel wird Andreas Greve von der Straffälligenhilfe unterstützt. Konkret: vom Celler Projekt "Brückenbau". Haupt- und Ehrenamtliche bereiten Inhaftierte auf die Entlassung aus der Haft vor. Sie begleiten die Straftäter schon während der Knast-Zeit bei Freigängen. Ausflüge führen zum Beispiel zum Steinhuder Meer oder in die Wolfsburger Autostadt. Die Straffälligenhilfe kümmert sich auch darum, dass Entlassene nach dem Gefängnis eine Wohnung finden, dass sie mit dem Papierkram oder den Behörden klarkommen, dass sie einen Arbeitsplatz finden. Kurz gesagt: dass sie auf den ersten Schritten in ihrem neuen Leben in Freiheit nicht allein sind.

Anschluss an die Gesellschaft

Der Sozialarbeiter Holger Reiss. © NDR
Sozialarbeiter Holger Reiss stößt mit seiner Arbeit oft auf Unverständnis.

Andreas Greve hat mit Hilfe des Projektes "Brückenbau" seinen Angelschein gemacht. Sozialarbeiter und Diakon Holger Reiss hat Greve begleitet. "Resozialisierung heißt für mich nicht nur Existenz sichern, Wohnung, Arbeit", erklärt Reiss seinen Ansatz. "Sondern auch dafür zu sorgen, dass die Menschen wieder einen Anschluss an die Gesellschaft finden. Und da interessiert mich immer, was haben die Menschen denn für Hobbies?" So organisierte Reiss einen Angelverein, bei dem Greve gerne gesehen war - bei Freigängen während der Haft.

Unverständnis und Vorurteile

Reiss erzählt von vielen kleinen und großen Erfolgsgeschichten - von Männern, die nach der jahrelangen Haft wieder Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen. Und von Straftätern, die bei der Freiwilligen Feuerwehr Halt finden. "Wir sind nicht der Vormund oder die Bewährungshilfe, unser Prinzip beruht auf Freiwilligkeit", sagt Reiss. Allerdings stößt der Diakon mit seiner Arbeit oft auf Unverständnis, er berichtet von Vorurteilen. "Natürlich bemühen sich viele Inhaftierte, in die Gesellschaft zurückzukommen", sagt er. "Aber: Wer möchte schon am Fließband neben einem stehen, der viele Jahre im Gefängnis war?" Bei seinen Besuchen im Gefängnis, bei den vielen Beratungsgesprächen sieht Reiss in seinem Gegenüber nicht nur den Straftäter, den Kriminellen - sondern den Menschen. Diese Sichtweise auch anderen nahe zu bringen, ist sein Ziel.

Landesweit 14 Anlaufstellen für Straftäter

Seit 40 Jahren begleitet die Straffälligenhilfe in Niedersachsen kriminelle Menschen. Straftäter können sich an 14 Anlaufstellen der Diakonie, der Caritas oder anderer Anbieter wenden. Jedes Jahr kümmern sich die Begleiter um mehr als 5.000 Straftäter. Die Anlaufstellen helfen auch Tätern, die zu einer Geldstrafe verurteilt wurden: Die Begleiter stellen sicher, dass die Betroffenen eventuelle Bußgelder auch wirklich zahlen und so einer Ersatz-Haftstrafe entgehen. Durch dieses Engagement fließen jedes Jahr rund 500.000 Euro in die Staatskasse - Geld, das ohne die Straffälligenhilfe zu großen Teilen verloren wäre.

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Ein Mann schaut durch ein vergittertes Fenster. © dpa Foto: Carsten Rehder
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Zermürbendes Ringen ums Geld

Finanziert werden die Angebote der Straffälligenhilfe vom Land, von den Kommunen und aus Spenden. Aus der Landeskasse erhalten die Anlaufstellen und Wohn-Einrichtungen regelmäßig mehr als zwei Millionen Euro. Gerade erst haben CDU und SPD weitere 400.000 Euro für das kommende Jahr bereitgestellt. Heißt: Ein regelmäßiger Grundstock ist gesichert - aber um die Zusatzmittel müssen die Anlaufstellen jedes Jahr bangen. Das Justizministerium lobt die "wichtige Arbeit" der Straffälligenhilfe – "verbindliche Aussagen" über die künftige Finanzierung ließen sich aber heute noch nicht treffen, teilt das Ministerium mit. Das ständige Ringen um Geld ist für den Celler Sozialarbeiter Holger Reiss manchmal zermürbend: "Ich denke häufig, wir könnten schon weiter sein in der ganzen Problematik." Dazu kommt die Corona-Lage: Wegen wegbrechender Steuereinnahmen ist nicht sicher, was sich Land und Kommunen in den kommenden Jahren leisten können. Außerdem besteht das Risiko, dass Menschen weniger spenden. "Es kann sehr schnell eine Schieflage entstehen", sagt Reiss.

Neustart: Ausbildung mit 56 Jahren

Zurück an der Aller. Andreas Greve hat beim Angeln keinen Erfolg, aber damit kann der Ex-Gefangene gut leben. Am Wasser kann der 56-Jährige auch ohne Fang entspannen. Das ist auch nötig, denn in seinem neuen Leben nach dem Knast passiert gerade richtig viel: Greve macht eine Ausbildung zum Fachlageristen. Er möchte sein eigenes Geld verdienen, wie er betont, er möchte "was aus meinem Leben machen." Greve lächelt und schaut kurz aufs Wasser. "Ich nutze meine zweite Chance", sagt er.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 22.12.2020 | 19:30 Uhr

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