Mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei stehen an einer Straße. © Polizeiinspektion Heidekreis

Niedersachsen: Knapp 2.000 Fälle von Clankriminalität

Stand: 19.07.2021 19:17 Uhr

1.951 Straftaten mit Clan-Bezug verzeichnet der aktuelle Lagebericht in Niedersachsen für das vergangene Jahr. Die Behörden wollen die Clanmitglieder noch stärker mit Beschlagnahmungen treffen.

Der Bericht ist erstmals von Justiz und Polizei gemeinsam vorgelegt worden. Bei der Vorstellung am Montag in Hannover betonten Justizministerin Barbara Havliza (CDU) und Innenminister Boris Pistorius (SPD), Clankriminalität konsequent verfolgen und bekämpfen zu wollen. "Wer unsere Gesetze ignoriert und die Allgemeinheit sowie Angehörige der Sicherheitsbehörden provoziert und angreift, muss mit einer entsprechenden Reaktion rechnen", sagte Pistorius. Um den Clans die Stirn zu bieten, fahre die Polizei eine Null-Toleranz-Strategie.

Behörden wollen Autos und Führerscheine

Dazu gehöre auch, durch Verbrechen erlangtes Vermögen abzuschöpfen - insgesamt wurden 2020 Vermögenswerte in Höhe von 946.000 Euro vorläufig gesichert - sowie Autos und Führerscheine einzukassieren. Damit ließen sich Clanmitglieder empfindlich treffen: "Hochwertige Kraftfahrzeuge stellen bei kriminellen Clanangehörigen ein wichtiges Statussymbol dar", heißt es in dem Bericht. Und Landespolizeipräsident Axel Brockmann sagte, wer mit brutalen Straftaten oder aggressivem Alltagsverhalten etwa bei einer Verkehrskontrolle auffalle, müsse damit rechnen, dass seine charakterliche Eignung zur Teilnahme am Straßenverkehr überprüft werde.

Weitere Informationen
Eine Porträtaufnahme des neuen Osnabrücker Polizeipräsident Michael Maßmann © dpa-Bildfunk Foto: Friso Gentsch

Maßmann: Clans setzen Behördenmitarbeiter unter Druck

"Ich weiß, wo du wohnst": Der Osnabrücker Polizeipräsident berichtet in einem Zeitungsinterview von Einschüchterungen. (08.02.2021) mehr

Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften befassen sich mit Clans

Bezogen auf die Gesamtzahl der Straftaten ist die Zahl der Fälle von Clankriminalität mit einem Anteil von 0,39 Prozent zwar gering. Der Präsident des Landeskriminalamts (LKA), Friedo de Vries, erläuterte jedoch: "Die Bedeutung des Phänomens Clankriminalität lässt sich nicht allein an den Zahlen ablesen. Diese spiegeln nicht die Intensität wieder, mit der sich die Polizei Niedersachsen dem Phänomen widmen muss." Niedersachsen erstellt seit acht Jahren ein eigenes Lagebild zur Clankriminalität. Seit dem Herbst vergangenen Jahres befassen sich Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften in Braunschweig, Hildesheim, Osnabrück und Stade damit. Zudem ist bei der Generalstaatsanwaltschaft Celle ein Koordinator für die deutschland- und europaweite Vernetzung der Ermittlungen zuständig.

Besonders viele Fälle in einigen Regionen

Laut dem Bericht erstrecken sich die Delikte der Clans auf Rauschgifthandel, Bedrohungen, Schlägereien und Verstöße gegen Corona-Regeln. Polizei und Justiz sehen war keine Hotspots in Niedersachsen, allerdings gibt es Regionen, in denen Ermittelnde zuletzt mehr Fälle aufgedeckt haben. In den Polizeiinspektionen Braunschweig und im Bereich Salzgitter/Peine/Wolfenbüttel wurden mehr als 600 Fälle gezählt. Mehr als 80 Fälle aus dem Bereich der Clankriminalität hat die Polizei in den Landkreisen Lüneburg, Uelzen und Lüchow-Dannenberg bearbeitet. Auch die Polizeiinspektion Harburg hatte viel mit kriminellen Clanmitgliedern zu tun. Insgesamt registrierten die Ermittelnden im Bereich der Polizeidirektion Lüneburg knapp 400 Fälle. In der Polizeiinspektion Rotenburg (Wümme) waren es mehr als 100, im kompletten Nordwesten mehr als 425 Taten.

Was verstehen die Behörden unter Clankriminalität?

Nach der Definition des niedersächsischen Innenministeriums ist ein Clan eine durch verwandtschaftliche Beziehungen und eine gemeinsame ethnische Herkunft verbundene Gruppe.
Folgende Indikatoren nennt das Ministerium:
- das Ausleben eines stark überhöhten familiären Ehrbegriffs und das innerfamiliäre Sanktionieren von Verstößen gegen diesen Ehrbegriff,
- das Voranstellen von familieninternen Normen über das Gesetz und die Verfassung,
- ein hohes Maß an Gewaltbereitschaft, die durch ein hohes Mobilisierungspotential gestützt wird,
- das Provozieren von Eskalationen auch bei nichtigen Anlässen oder geringfügigen Rechtsverstößen
- eine mangelnde Integrationsbereitschaft, die mitunter Aspekte einer Ghettoisierung bis hin zur inneren Abschottung enthält und ein bewusstes oder generelles Ablehnen der allgemeinen Rechtsordnung erkennen lässt und
- eine den Rechtsstaat umgehende oder unterlaufende Paralleljustiz.

 

Weitere Informationen
Eine Polizeiabsperrung mit mehreren Polizeiautos im Hintergrund. © picture alliance / CHROMORANGE | Udo Herrmann Foto: Udo Herrmann

Razzia bei mutmaßlich krimineller Großfamilie in Hannover

Die Ermittler beschlagnahmten in 16 Häusern und Wohnungen mutmaßliches Diebesgut und 26.000 Euro Bargeld. (14.07.2021) mehr

Polizeifahrzeuge © dpa Foto: Frank May

Durchsuchungen in Cuxhaven: Verdacht auf Clan-Strukturen

Nach einer Auseinandersetzung zwischen 30 bis 40 Personen vor einem Monat, hat die Polizei mehrere Wohnungen durchsucht. (08.07.2021) mehr

Ein Schild steht vorm Gebäude vom Amts- und Landgericht Stade. © picture alliance/dpa Foto: Sina Schuldt

Mordversuch im Clan-Milieu? Drei Männer in Stade vor Gericht

Bei dem Streit zwischen zwei türkischstämmigen Großfamilien war ein 41-jähriger Mann schwer verletzt worden. (27.05.2021) mehr

Vermummte Polizisten stehen vor einem Haus. © dpa-Bildfunk Foto: --/NWM-TV/dpa

Schlag gegen die Clan-Kriminalität in Niedersachsen

In Peine, Braunschweig und im Raum Osnabrück durchsuchte die Polizei 21 Objekte. Drei Personen wurden festgenommen. (17.12.2020) mehr

Boris Pistorius (SPD), der niedersächsische Innenminister, spricht während einer Pressekonferenz. © dpa-Bildfunk Foto: Hauke-Christian Dittrich

Mehr Polizei: Kriminelle Clans stärker im Fokus

Die Behörden wollen verstärkt gegen kriminelle Clans vorgehen. Das kündigte Niedersachsens Innenminister Pistorius bei der Vorstellung des ersten Lageberichts zur Clankriminalität an. (12.06.2020) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 19.07.2021 | 12:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

Mehrere Menschen tanzen in einer Diskothek. © picture alliance/dpa Foto: Horst Ossinger

Corona: OVG kippt Schließung von Clubs bei Inzidenz über 10

Das gilt auch für Shisha-Bars. Aus Sicht des Gerichts handelt es sich um keine notwendige Schutzmaßnahme. mehr