Stand: 24.04.2019 19:00 Uhr

Nährstoffbericht: Bauern düngen weiter zu viel

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Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast hat am Mittwoch den Nährstoffbericht vorgestellt.

In Niedersachsen landen weiterhin zu viel Gülle und Kunstdünger auf den Äckern. Das geht aus dem aktuellen Nährstoffbericht hervor, den Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) am Mittwoch in Hannover präsentiert hat. Demnach sind zwischen dem 1. Juli 2017 und dem 30. Juni 2018 rund 50.000 Tonnen mehr Stickstoff in die Umwelt gelangt, als für die Düngung der Pflanzen nötig gewesen wären. Das sind immerhin rund 18.000 Tonnen weniger als im Vorjahreszeitraum, was vor allem daran liege, dass die Landwirte weniger industriell hergestellten Mineraldünger einsetzten. In der Tierhaltung fiel jedoch fast genauso viel Gülle und Mist an wie zuvor.

Datenbank soll Bedarf und Verstöße aufdecken

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) sieht aufgrund der aktuellen Veröffentlichung dringenden Handlungsbedarf beim Grundwasserschutz: "Gebiete mit signifikanter Überschreitung der Grenzwerte machen erschreckende 38 Prozent der Landesfläche aus", sagte er am Mittwoch. Umwelt- und Agrarministerium hätten sich darauf verständigt, die betroffenen Grundwasserregionen zu unterteilen. So soll sichtbar werden, wo genau die Grenzwerte deutlich überschritten werden. Ministerin Otte-Kinast will außerdem mit der Datenbank Enni (Elektronische Nährstoffmeldungen Niedersachsen) ermitteln, wie viel Dünger in welchen Bereichen benötigt wird. Das bundesweit einmalige Projekt soll auf Auffälligkeiten hindeuten. Bei Verstößen gegen die Düngeverordnung drohen Bußgelder. Der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Helmut Dammann-Tamke wies darauf hin, dass der derzeitige Zustand nicht hinnehmbar sei, aber die Auswirkungen der bislang eingeleiteten Maßnahmen abgewartet werden müssten, "anstatt unsere bäuerliche Landwirtschaft in der Zukunft mit einer weiteren Verschärfung der Düngeverordnung zu drangsalieren."

Ein Trecker düngt einen Ackerboden.

Nährstoffbericht: Zu viel Dünger auf den Äckern

Hallo Niedersachsen -

Der neue Nährstoffbericht erhöht den Druck auf die Landwirte: Auf Niedersachsens Feldern werden weiterhin zu viel Gülle und Kunstdünger eingesetzt. Wie lässt sich das verhindern?

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Umweltschützer sehen Massentierhaltung als entscheidenden Faktor

Greenpeace-Agrarexperte Dirk Zimmermann findet deutliche Worte: "Langfristig führt an der Reduktion der Tierzahlen in diesen Regionen kein Weg vorbei." Und auch die Naturschutzorganisation BUND kritisierte, dass der Nährstoffüberschuss aus der Tierhaltung kaum zurückgegangen sei. "Die Reduktion des Mineraldüngers ist auf die Trockenheit im vergangenen Jahr zurückzuführen, nicht auf Maßnahmen der Landesregierung", sagte Tilman Uhlenhaut.

Bauernverband fordert Bewusstsein und Verantwortung

Was ist eigentlich Gülle?

Gülle besteht hauptsächlich aus Kot und Urin landwirtschaftlicher Nutztiere, vermengt mit Einstreu und Wasser. Das Gemisch wird als Wirtschaftsdünger eingesetzt. Dieser weist hohe Gehalte an gebundenem Stickstoff, Phosphor, Kalium und anderen Nährstoffen auf. Besonders viel Gülle fällt in der Schweine- und Rinderhaltung an. Problematisch ist eine Überdüngung von Böden. Diese wird für eine hohe Nitratbelastung des Grundwassers verantwortlich gemacht. Es gibt auch die Möglichkeit, Gülle vor dem Ausbringen energetisch zu nutzen. Gülle wird dabei in einer Biogasanlage durch Mikroorganismen abgebaut, dabei entsteht methanreiches Biogas. Dieses wird dann zur Erzeugung von Bioenergie verbrannt - übrig bleibt der Gärrest, der ebenfalls als Dünger eingesetzt wird.

Unterdessen wies der Bauernverband auf die weitaus überwiegende Zahl der Bauern hin, die ihren Dünger "nach guter pflanzenbaulicher Praxis" einsetzten. Landvolkpräsident Albert Schulte to Brinke sprach davon, dass sich Landwirte in mit vielen Nutztieren und Biogasanlagen besonders belasteten Regionen "deutlich offensiver ihrer Verantwortung für sauberes Grundwasser und eine intakte Umwelt bewusstwerden" müssten.

Deutschland drohen hohe Strafzahlungen

Die Zahlen des Nährstoffberichts sind von erheblicher Bedeutung, da Deutschland derzeit mit der EU-Kommission verhandelt, wie das Grundwasser hierzulande besser geschützt werden kann. Übermäßiger Einsatz von Gülle und stickstoffhaltigem Dünger gilt als eine wesentliche Ursache für erhöhte Nitratwerte. Die Bundesrepublik hat zwar bereits die Düngeregeln verschärft, aus Sicht der Kommission reicht das jedoch nicht aus. Viele Messstellen weisen weiterhin zu hohe Belastungen auf. In Niedersachsen sind die Böden in den Landkreisen Cloppenburg und Vechta besonders stark belastet.

Hohe Strafzahlungen an EU

Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs drohen hohe Strafzahlungen von bis zu 860.000 Euro pro Tag. Ab 2020 sind deshalb bundesweit strengere Vorgaben für belastete Gebiete geplant. Im Gespräch sind Düngeverbote und neue Regeln zu Obergrenzen, was bei vielen Landwirten zu Unmut führt.

Nitrat im Wasser und die Folgen

Nitrat ist ein Salz, das aus Stickstoff und Sauerstoff besteht. Es ist natürlicher Bestandteil von Düngern, wie zum Beispiel Gülle. Überschüssiger Dünger landet im Grundwasser. Naturschutzverbände kritisieren, Landwirte würden ihre Pflanzen über Bedarf düngen, nach dem Prinzip "viel hilft viel". Die Bauern entgegnen, dass sie sich das gar nicht leisten könnten. Für den Menschen ist Nitrat selbst nicht toxisch, aber Bakterien wandeln es im Körper in krebserregende Stoffe um. Erwachsene verarbeiten ein gewisse Menge Nitrat. Säuglinge aber können von zu viel Nitrat sterben - die sogenannte Blausucht nimmt ihnen die Luft zum Atmen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 20.04.2019 | 18:00 Uhr

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