"Was mache ich jetzt mit meiner Seele, mit meinen Ängsten?"

Stand: 14.03.2021 17:40 Uhr

Kein persönlicher Kontakt zu Freunden, keine Umarmung, dafür jede Menge Angst: Brigitte Faßmann hat schwierige Monate hinter und eine neue Freiheit vor sich.

von Antje Schmidt

Als Brigitte Faßmann im Juni vorigen Jahres ins Krankenhaus musste, war sie dort auf sich allein gestellt. Niemand durfte sie besuchen. Gebärmutterhalskrebs lautete die Diagnose. Sie erinnert sich an angstvolle, einsame Tage und schlaflose Nächte. Wie schlimm der Krebs war, wussten damals selbst die Mediziner nicht. "Die Ärzte haben gesagt, wir müssen Sie operieren und wir wissen nicht, wie das Ganze ausgeht", erzählt die 67-Jährige. "Da war keiner dabei, und das ist wirklich ganz schwer. Das war das Schlimmste, dass ich allein in diesem Krankenhaus war."

Nach den Therapien kam das emotionale Loch

Auf die Operation folgten Chemotherapie und Bestrahlung. Brigitte Faßmann stand alles tapfer durch. Im Oktober waren die Therapien beendet und danach fiel sie in ein tiefes Loch. "Da war die große Frage: Was mache ich jetzt mit meiner Seele, mit meinen Ängsten? Wie gehe ich mit der Zukunft um, wie kann ich es am besten hinkriegen, dass es für mich gut wird und auch erfüllt?", schildert die ehemalige Leiterin einer Kindertagesstätte ihre Gemütsverfassung jener Tage. Der Lockdown wirkte in dieser Situation wie ein Brandbeschleuniger. Einen Stadtbummel machen, sich etwas Schönes gönnen, zum Sport gehen, Freunde treffen, in den Arm genommen werden - all das fiel aufgrund des Corona-Lockdowns weg.

Gespräche gegen die wiederkehrende Angst

Stattdessen war erneut die Angst da und wurde zu einem zuverlässigen Mitbewohner in ihrem kleinen Reihenhaus, in dem sie seit dem Tod ihres Mannes vor drei Jahren alleine lebt. In ihrer Not suchte Brigitte Faßmann Hilfe im Krebsberatungszentrum der Caritas in Hannover. Dort traf sie auf Angelika Wilkening-Scheck, die ihr aufmerksam zuhörte. Zweimal ging sie zu der Diplom-Psychologin in die Beratung, dann beendete der große Lockdown den persönlichen Kontakt. Von nun an lief alles nur noch per Telefon.

Bei bestimmten Menschen macht sich Resignation breit

"Das ging besser als erwartet", resümiert Psychologin Wilkening-Scheck nach mittlerweile drei Monaten Erfahrung. "Anfänglich waren die Klienten skeptisch, doch mit den Wochen stieg der Druck und immer mehr Menschen ließen sich auf die Telefonberatung ein", berichtet sie. Dennoch beobachtet die Psychologin, dass sich mittlerweile Resignation breitmacht. Insbesondere bei den Menschen, die nur noch eine geringe Lebenserwartung haben.

Die Hoffnung auf eine neue Freiheit nach dem Lockdown

Die Telefongespräche mit der Psychologin haben auch Brigitte Faßmann neuen Mut gegeben. "Es sind sehr intensive Gespräche und hinterher bin ich total kaputt", erzählt sie. "Doch ohne diese Gespräche wüsste ich nicht, wie ich es durch diesen Winter geschafft hätte." Faßmann freut sich auf die Zeit nach Corona, auf die neue Freiheit. Neun Monate nach der Operation ist sie krebsfrei und die Ängste werden weniger.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 14.03.2021 | 19:30 Uhr

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