Stand: 22.11.2017 14:24 Uhr

Hetze mit Spaß: Fake News als Online-Spiel

von Tino Nowitzki
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Sogenannte Fake News sind ein viel diskutiertes Problem. Das Spiel "Fake It to Make It" will über die Wirkweise der Falschmeldungen aufklären.

Die Bundeskanzlerin ist schon wieder im Luxusurlaub. Die Oppositionschefin geht fremd. Eine Frau verarbeitet süße Kätzchen zu Pelzmänteln. Klingt erfunden - oder doch nicht? Wer bei dem Online-Browser-Spiel "Fake It to Make It" gewinnen will, muss möglichst geschickt Falschmeldungen - sogenannte Fake News - erspinnen und verbreiten. Spätestens seit dem amerikanischen Wahlkampf sind sie ein kontrovers diskutiertes Thema. Dabei soll die kostenlose Propaganda-Daddelei nicht einfach nur Spaß bringen. Wenn es nach dem Willen der amerikanischen Entwicklerin, Amanda Warner geht, klärt "Fake It To Make It" spielerisch auf, wie Fake News funktionieren. Auch die Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung scheint davon überzeugt und zeichnet gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung verantwortlich für die deutsche Version des Spiels.

Einfach, wie virtueller Rübenanbau

Auf den ersten Blick kommt das Spielkonzept nicht komplizierter daher, als andere free games, à la "Farmerama": Namen eingeben, eine fiktive Person auswählen, die einen als Ratgeber durch das Spiel begleiten soll, fertig. Doch halt. Das Ziel ist noch wichtig bei "Fake It to Make It". "Was möchtest du kaufen?" fragt die Software und gibt damit schon die erste Lehrstunde in Sachen Fake News-Fabrikation: Wer die Falschmeldungen im Netz verbreitet, will damit vor allem Kohle machen. Aha, verstanden. Dann geht es schon ans Eingemachte.

Wahrheit? Bloß nicht genau nehmen

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Wie in diesem Ausschnitt aus dem Spiel "Fake It to Make It", reagieren erfundene User emotional auf geschickt platzierte Falschmeldungen.

Die Aufgabe des Spielers ist, Nachrichtenseiten zu erstellen und diese über Social-Media-Profile anderer Menschen zu verbreiten. Das Ziel: Möglichst viele User sollen die Nachrichten am Ende besuchen und auf die dort geschaltete Werbung klicken. "Mit der Wahrheit müssen wir es aber nicht so genau nehmen", sagt das Spiel dazu und daher muss man vor allem auf eins achten: Dass die entweder frech abkopierten oder selbst geschriebenen News möglichst dramatisch sind oder empörend und den fiktiven Usern wahlweise Hassreaktionen oder auch ein "ist ja süüüüß!" entlocken. Ob wahr oder nicht, spielt keine Rolle.

Hass erzeugt, Kasse klingelt

Dafür umso mehr, ob die emotional aufgeladenen Artikel auch zu den Menschen passen, die sie lesen. Und spätestens da wird das Spiel doch vielschichtiger: Ein Beitrag mit der Headline "Oppositionschefin Mango geht fremd!" ist besser auf Profilen aufgehoben, die Mitglieder in thematisch passenden Gruppen sind. Einfach ist das anfänglich nicht. Ist man geübter und platziert geschickt, lässt der Erfolg nicht lange auf sich warten: "Der blanke Horror" oder "Ich hab's schon immer gesagt!" ploppt als Reaktion erfundener User auf. Klicks verbucht, Hass erzeugt, die Kasse klingelt. Gut gemacht, lobt das Spiel. Aber ist das nicht alles etwas zu bunt und einfach, um auch nur vage etwas mit der Realität zu tun zu haben?

Dramas und Skandale bedeuten Reichweite

Nein, findet der Fake-News-Experte Wolfgang Wichmann vomARD-Faktenfinder. Auch bei "echten" Fake News sei der Mechanismus der gleiche: Etwas wird gepostet, das entweder extrem knapp an der Wahrheit dran ist oder dass eine ganz offensichtliche Falschmeldung ist. Dabei werde, wie im Spiel, dramatisiert, skandalisiert und polarisiert - mit krassen Bilder und ebenso krassen, oft exklusiv wirkenden Überschriften. Das führe auch tatsächlich zu einer hohen Reichweite, sagt Wichmann: "Und das beobachten wir selbst bei offensichtlich falschen und einseitigen Nachrichten", so der Experte. Ein Grund dafür: Einseitige Meldungen werden vor allem von Menschen geklickt, die ohnehin eine bestimmte Weltsicht haben und auf News warten, die diese noch verstärken. Auch das kommt dem Prinzip von "Fake It to Make It" des Postens in speziellen Online-Gruppen recht nahe.

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Was die Triebfeder hinter Fake News angeht, sei das Spiel ähnlich realistisch, findet Faktenfinder Wichmann: "Ich kann mir vorstellen, dass die Motivation Geld zu verdienen im klassischen Fake-News-Geschäft vorranging ist." Ein Beispiel liegt nicht lange zurück: Im US-Wahlkampf hatten laut Medienberichten mazedonische Teenager im Monat rund 5.000 Dollar mit der Vebreitung von Pro-Trump-Falschmeldungen verdient. Allerdings gehe es in der Realität oft auch um Politik, so Wichmann: Einzelpersonen, Gruppierungen, auch Staaten wollen das Meinungsklima ganz gezielt beeinflussen. "Dahingehend ist das Spiel doch stark vereinfachend", sagt der Fake-News-Experte. Denn diese Komponente ist zumindest bis dato nicht im Spiel implementiert.

Kann ein Spiel aufklären?

Warum dann überhaupt ein Spiel nutzen und sich nicht andersweitig über Fake News informieren? Das Niedersächsische Landesinstitut für Qualitätsentwicklung beispielsweise klärt in Artikeln über das Thema auf und hat auch einen Fake-News-Check in Form einer App entwickelt. Und auch ARD-Experte Wichmann sieht das Spiel eher als "zusätzlichen Weg" um in vereinfachter Weise über Fake News aufzuklären. Die Entwicklerin von "Fake It to Make It", Amanda Warner, ist von der Wirkung der Spielidee stärker überzeugt: "Es besteht aber ein Unterschied zwischen Information und Inspiration".

Keine Business-Anleitung

Inspiration? Läuft das Spiel dann nicht Gefahr, eine Art Anleitung zum Fake-News-Selberbauen zu sein? "Es kann sein, dass mein Spiel Menschen dazu animiert, Fake-News zu erstellen", schreibt Warner. Doch das sei ein Risiko, dass sie gerne eingehe. Denn das Potential einer positiven Veränderung durch ihre Software sehe sie größer. Ein Massenphänomen ist "Fake It to Make it" scheinbar ohnehin nicht: Laut Warner besuchen aktuell täglich 100 bis 200 Menschen die englischsprachige Spiel-Version. Für die deutsche Variante liegen keine Zahlen vor. Auch "Faktenfinder" Wichmann meint, dass das Spiel kaum eine Motivation sei, Falschmeldungen selbst zu bauen: "Als Karriere-Ziel sind Fake News dann doch zu kompliziert."

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