Stand: 14.05.2019 13:22 Uhr

Gülle und Co. - alles Mist in Niedersachsen?

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Beim Düngen landen zu viele Nährstoffe auf niedersächsischen Äckern.

Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium veröffentlicht seit 2013 jährlich den sogenannten Nährstoffbericht. Herausgegeben wird er von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Er stellt nebeneinander, wie viele Nährstoffe innerhalb von zwölf Monaten auf niedersächsischen Äckern gelandet sind und wie viel davon die Pflanzen tatsächlich gebraucht hätten. Grundlage hierfür sind unter anderem die Zahlen, die die Landwirte gemeldet haben – dazu sind sie verpflichtet. Hinzu kommen Hochrechnungen. Dem gegenüber steht der errechnete Bedarf der Pflanzen. Der Bericht zeigt: In Niedersachsen landen durch Düngung zu viele Nährstoffe im Boden. Das kann sich negativ auf Mensch und Umwelt auswirken. Aber was steckt überhaupt drin im Dünger? Und was ist daran gefährlich?

Ein Trecker düngt einen Ackerboden.

Nährstoffbericht: Zu viel Dünger auf den Äckern

Hallo Niedersachsen -

Der neue Nährstoffbericht erhöht den Druck auf die Landwirte: Auf Niedersachsens Feldern werden weiterhin zu viel Gülle und Kunstdünger eingesetzt. Wie lässt sich das verhindern?

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Woher kommt der Dünger?

Bei Dünger ist zu unterscheiden zwischen sogenanntem Wirtschaftsdünger und Mineraldünger. Zum Wirtschaftsdünger gehören Gülle und Mist, aber auch sogenannte Gärreste. Es handelt sich um Kot und Urin von Tieren, in verschiedenen Anteilen mit Einstreu, Stroh und Wasser gemischt. Gärreste sind das, was in Biogasanlagen übrig bleibt. Wirtschaftsdünger ist organischer Herkunft, ein Dünger, der bei der Tierhaltung anfällt.

Mineraldünger hingegen muss aus Rohstoffen künstlich hergestellt werden. In ihm liegen die Nährstoffe meist in Form von Salzen vor. Mit Mineraldünger können gezielt einzelne Stoffe wie Stickstoff auf das Feld gebracht werden. Es gibt auch Dünger, in dem mehrere verschiedene Stoffe, zum Beispiel auch Kalium und Phosphor, enthalten sind. Die positive Wirkung von Mineraldünger hat der Chemiker Justus von Liebig bereits im 19. Jahrhundert untersucht. Durch die gezielte Dünger-Produktion wurde auch der Ertrag der Landwirtschaft deutlich gesteigert.

Weniger Mineraldünger für einen besseren Nährstoffkreislauf

Der Einsatz von Mineraldünger soll aber - so ein Fazit des Nährstoffberichts - wieder verringert werden. Denn wenn stattdessen Nährstoffe genutzt werden, die bei der Viehwirtschaft ohnehin anfallen, verbessert das den Nährstoffkreislauf. Die Herstellung von Mineraldünger ist zudem aufwendig und verbraucht entsprechend viele Ressourcen. Zudem soll organischer Dünger die Humusschicht des Bodens verbessern, der Boden auf lange Sicht fruchtbarer sein.

Ob Wirtschafts- oder Mineraldünger: Die beiden Stoffe, die hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Mensch und Umwelt im Fokus der Beobachtung stehen, sind Stickstoff und Phosphor und in beiden Düngern enthalten.

Downloads

Nährstoffbericht 2017/2018

Laden Sie sich hier den aktuellen Nährstoffbericht der Landwirtschaftskammer für den Zeitraum 2017/2018 herunter. Download (9 MB)

Stickstoff - Lebensgrundlage und Gefahrenpotenzial

Pflanzen benötigen Stickstoff, um wachsen zu können. Der Stoff ist für sie unerlässlich, um Enzyme und unter anderem den grünen Pflanzenfarbstoff Chlorophyll bilden zu können. Stickstoff kommt auch in unserer Atemluft vor. Nur die wenigsten Pflanzen können den Stickstoff in dieser Form aber aufnehmen. Die meisten Pflanzen nehmen Stickstoff in Verbindungen mit anderen Stoffen - zum Beispiel als Nitrat auf. Dieses ist die Verbindung von Stickstoff und Sauerstoff.

Umwandlung zu krebserregendem Nitrit

Für die Natur ist Stickstoff also essentiell. Problematisch wird es aber, wenn zu viel Stickstoff vorhanden ist und Nitrat ins Trinkwasser gelangt. Von den Bakterien im menschlichen Verdauungstrakt kann es in krebserregendes Nitrit umgewandelt werden. Der Nährstoffbericht wirft deshalb (und aufgrund von EU-Vorgaben) auch einen Blick auf die Nitrat-Belastung im Grundwasser.

Gefahr fürs Grundwasser

In Niedersachsen liegen die Trinkwasserbrunnen laut Landesgesundheitsamt sehr tief. Ein Teil des Trinkwassers stammt zudem aus den Harz-Talsperren, die nicht belastet sind. Je nach Beschaffenheit des Bodens wird das Nitrat abgebaut, bevor es das Grundwasser erreichen kann. Im Agrarland Niedersachsen stellt Nitrat laut Grundwasserbericht des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz dennoch ein wesentliches Problem für das Grundwasser dar. Schwerpunkt sind hierbei die Geestgebiete mit ihren sandigen Böden. Dort versickert Niederschlagswasser schnell und Nitrat kann bis ins Grundwasser ausgewaschen werden.

Sieben Landkreise überschreiten die Stickstoff-Obergrenze

In Niedersachsen sind laut Nährstoffbericht im Düngejahr 2017/2018 (1. Juli 2017 bis 30. Juni 2018) mit rund 330.000 Tonnen etwa 50.000 Tonnen mehr Stickstoff in die Umwelt gelangt, als nach Berechnung der Landwirtschaftskammer für die Düngung nötig gewesen wären. Sieben Landkreise überschreiten die Stickstoff-Obergrenze von 170 Kilogramm je Hektar.

Phosphat als Risiko für ökologisches Gleichgewicht

Phosphat ist eine gebundene Form von Phosphor. Pflanzen benötigen den Stoff unter anderem für das Wurzelwachstum und um bestimmte Enzyme aufzubauen. Vor allem in der viehstarken Weser-Ems-Region gelangt zu viel davon in die Umwelt.

Überflüssiges Phosphat stellt wie Stickstoff vor allem ein Problem für Seen und Flüsse dar. Das überschüssige Phosphat wird aus der obersten Ackerschicht in die Gewässer gespült. Gerät das Verhältnis von Phosphat und Stickstoff aus dem Gleichgewicht, nehmen Wasserpflanzen wie Algen überhand. Der Sauerstoff, den sie verbrauchen, fehlt dann Fischen und anderen Lebewesen, wodurch das ökologische Gleichgewicht am und im Wasser erheblich gestört wird. Im Extremfall sterben die Lebewesen in den Gewässern.

Zu viel Phosphat in fünf Landkreisen

Im Düngejahr 2017/2018 sind in Niedersachsen mit rund 165.000 Tonnen etwa 24.000 Tonnen zu viel Phosphat in die Umwelt gelangt. Der Kontrollwert wird nach der derzeit geltenden Düngeverordnung schrittweise gesenkt. 2017 lag er bei 20 Kilogramm pro Hektar, 2018 bei 18 Kilogramm pro Hektar. In fünf Landkreisen sind die Werte laut Nährstoffbericht überschritten.

EU fordert schärfere Düngeverordnung von Deutschland

Der Nährstoffbericht beruht auf der Grundlage der erneuerten Düngeverordnung, die seit 2017 gilt. Die Vorgaben der Europäischen Union werden allerdings auch damit nicht erfüllt. Deutschland muss bis Mai 2020 eine verschärfte Verordnung umgesetzt haben. Die Europäische Union hatte Deutschland 2016 verklagt, weil die Bundesrepublik gegen eine Nitrat-Richtlinie verstoßen hatte.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 14.05.2019 | 12:00 Uhr

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