Afghanistan: Niedersachsens Innenminister macht Druck

Stand: 26.07.2021 06:48 Uhr

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) kritisiert den Umgang der Bundesregierung mit ehemaligen Helfern der Bundeswehr in Afghanistan. Sie seien in Lebensgefahr.

von Angelika Henkel

Nach dem Abzug der Soldaten seien Ortskräfte von den Taliban bedroht. Pistorius fordert deshalb von der Bundesregierung, mehr Menschen als bisher geplant aus dem Krisengebiet zu holen. "Das Menschenbild von Undankbarkeit und Gleichgültigkeit, das da zum Ausdruck kommt, gefällt mir ganz und gar nicht. Wir haben eine Vorbildfunktion. Wir waren auf die Kräfte angewiesen, und jetzt sind wir dran. So einfach ist das", sagte Pistorius dem NDR in Niedersachsen.

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Abbas, ein Bundeswehrhelfer aus Afghanistan, im Interview.
3 Min

Deutschland nimmt afghanische Helfer der Bundeswehr auf

Der Start in das neue Leben ist für Abbas und seine Frau schwierig. Er war Sportwart im Fitnessstudio der Soldaten. 3 Min

Keine Einreisegenehmigung

Pistorius ist auch Sprecher der SPD-Ressortchefs und findet, Deutschland solle, ähnlich wie die USA, Charterflüge einsetzen. "Das sind wir den Menschen schuldig, aber auch unseren eigenen Einsatzkräften, die für uns im Ausland sind. Denn wer wird uns in Zukunft helfen, wenn das hinterher der Dank ist." Zurzeit bekommen nur die Helfer ein Visum, die direkt mit der Bundeswehr einen Vertrag hatten. Diejenigen, die über einen örtlichen Dienstleister beschäftigt waren, bekommen keine Einreisegenehmigung. Pistorius fordert, dass sich das ändern muss.

Elf Jahre im Camp der Bundeswehr

Als ungerecht empfindet das auch der 32-jährige Abbas. Aus Sicherheitsgründen nennen wir nur seinen Vornamen. Er konnte mit seiner Frau sicher am Flughafen in Hannover landen, versucht nun, sich ein neues Leben aufzubauen. Abbas war Sportwart in einem Fitnessstudio. 30 Meter entfernt arbeitete sein Bruder Elyas in der Kantine. Doch während Abbas ein Visum bekam, bleibt Elyas nur zu hoffen. Dabei war er sogar elf Jahre im Camp der Bundeswehr tätig.

Elyas: "Wir sind in großer Gefahr"

Der NDR hat ihn in Afghanistan erreicht. Elyas sagt: "Wir sind in großer Gefahr, auch unsere Familien. Die Taliban beherrschen schon die Checkpoints der Ausfallstraßen und rücken immer weiter vor." Am Wochenende berichtet der britische Sender BBC von dem Tod eines Dolmetschers, der für die US-Armee tätig war. Die Taliban hatten ihn identifiziert und den Kopf abgeschlagen.

Zusage für 3.000 Menschen

Das Bundesverteidigungsministerium will die Ungleichbehandlung trotz wiederholter schriftlicher Nachfrage nicht bewerten. Bisher sind etwa 190 der direkt angestellten Ortskräfte mit einem Visum in Deutschland eingetroffen, mit ihren Kernfamilien sind das insgesamt etwa 1.000 Menschen. Diejenigen mit direktem Vertrag hatten eine Abfindung erhalten, das Geld sollte den Kauf von Flugtickets ermöglichen. Etwa 3.000 Menschen haben die Zusage bekommen, nach Deutschland einreisen zu dürfen. Darüber, wie viele in einem Beschäftigungsverhältnis wie Elyas standen, gibt es keine Zahlen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 26.07.2021 | 08:00 Uhr

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