Stand: 18.03.2019 17:18 Uhr

AWO und Diakonie drohen mit Pflegekollaps: "Endlich"

Pflegekräfte werden in Deutschland dringend gebraucht, die Politik will den Beruf attraktiver machen. Doch der Weg dahin ist weit. In Niedersachsen drohen die tarifgebundenen Pflegedienstanbieter Diakonie und AWO jetzt sogar mit einem Ausstieg aus der ambulanten Pflege. Davon wären 16.000 Pflegebedürftige und 5.000 Pflegekräfte betroffen. Als Grund geben sie an, dass die Kassen zu wenig für Pflegeleistungen zahlen würden. Nur Dienste, die ihre Mitarbeiter deutlich schlechter als nach Tarif bezahlten, könnten unter diesen Bedingungen wirtschaftlich überleben.

Ein Kommentar von Holger Bock, NDR 1 Niedersachsen

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Häufig bleibt zu wenig Zeit für das Menschliche bei der Pflege, meint Holger Bock.

Endlich! Endlich ziehen zwei Verbände der freien Wohlfahrtspflege mal die Reißleine, sagen, was ist und vor allem: Sagen, was nicht mehr geht! Es geht nämlich nicht, dass am Ende der ambulante Pflegedienst über die Runden kommt, der Dumpinglöhne zahlt, der Bereitschaftsdienste nicht honoriert und Fahrtzeiten als Freizeit wertet. Es kann auch nicht sein, dass beim alten Menschen keine Zeit mehr ist für ein nettes Wort, für eine Hand, die die andere hält. Gut, dass es noch ganz viele Pflegekräfte gibt, die sich im Alltagsstress diese Zeit noch nehmen - für Menschlichkeit - auch wenn sie Überstunden machen, die sie am Ende nicht bezahlt bekommen, weil der Tourenplan auskömmlich ist.

Wer trägt die Verantwortung?

Doch wer trägt die Verantwortung dafür, dass auch die x-te Reform der Pflegeversicherung nur wenig zum Besseren gewendet hat? Da sind zum einen die Verbände der freien Wohlfahrt. Sie haben die Selbstausbeutung ihrer Beschäftigten ohne Tarifbindung jahrelang hingenommen, bis am Ende der Nachwuchsmangel sie dazu gedrängt hat, sich mit der Gewerkschaft ver.di auf einen Tarifabschluss zu verständigen. Jetzt ist der Pflegeberuf zwar nicht ganz so unattraktiv, die Pflegebetriebe aber stellen die Existenzfrage.

Verantwortung trägt auch die Landespolitik in Niedersachsen. Jahrelang waren die Sozialministerinnen von SPD und CDU - ohne es so auszudrücken - stolz darauf, dass es hierzulande die niedrigsten Pflegesätze gab. Denn niedrige Pflegesätze bedeuten auch: Pflegebedürftige und ihre Angehörigen zahlen einen niedrigen Eigenanteil, weil ja das Geld aus der Pflegeversicherung je nach Pflegegrad schon einen großen Teil der Rechnung des Pflegedienstes übernimmt. Die Sozialpolitik hat die prekäre Beschäftigung in der ambulanten Altenpflege zu lange Zeit ausgeblendet.

Kosten drücken zulasten der Beschäftigten und Pflegebedürftigen

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Verantwortlich sind aber natürlich auch die Pflegekassen, die aus Furcht vor einem Defizit versuchen, alle Pflege-Anbieter zu drücken - auf Kosten der Beschäftigten und der zu Pflegenden.

Was ist also zu tun: Am drohenden Kollaps der ambulanten Pflege in Niedersachsen zeigt sich aus meiner Sicht nur eins: Das System der beitragsfinanzierten Pflegeversicherung schafft es nicht mehr! Niedersachsen ist nur der Anfang, weil hier die Pflegesätze besonders niedrig sind und hier der Druck auf Betriebe und Beschäftigte besonders groß ist. In der ambulanten Pflege in anderen Bundesländern sieht es ähnlich aus, auch dort suchen sich Pflegedienste längst nur noch die lukrativen Patienten aus.

Mut zum Systemwechsel erforderlich

Darum mein Appell an Bund und Länder: Habt Mut zu einem Systemwechsel! Hin zur steuerfinanzierten ambulanten Pflege, wohnortnah. Warum nicht zurück zur Gemeindeschwester, zur Stadtteilpflegekraft - das hat in den 1950er-Jahren in der alten Bundesrepublik funktioniert, auch in der DDR gab es ein ähnliches Modell. So oder so ähnlich könnte es gehen. Die Bibliotheken der Pflegewissenschaftler sind voll mit Vorschlägen. Nur eines geht nicht: weiter so.

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NDR Info | Kommentar | 18.03.2019 | 17:08 Uhr

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