Stand: 09.01.2018 07:00 Uhr

Wegen Betriebsrat? Nordkurier entlässt Zusteller

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60 Zusteller der Nordkurier-Mediengruppe in Neubrandenburg sind entlassen worden. (Archivbild)

Die Nordkurier-Mediengruppe in Neubrandenburg hat überraschend rund 60 Zeitungs- und Postzusteller aus der Region Mecklenburgische Seenplatte entlassen. Die Mitarbeiter wollten nach Informationen von NDR 1 Radio MV erstmals einen Betriebsrat gründen. Ende Dezember bekamen sie ihre Kündigungen nach Hause geschickt. Schon Ende Januar sollen die vollzeitbeschäftigten Mitarbeiter ihren Job verlieren. Die meisten sind Frauen, einige sind mehr als 20 Jahre dabei, heißt es.

Ver.di vermutet Reaktion auf Betriebsrats-Gründung

Offiziell entlässt die Nordkurier-Mediengruppe die Zusteller, weil ihr Betrieb angeblich stillgelegt werden soll. Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di vermutet allerdings, dass die Kündigungen eine Reaktion auf die Gründung eines Betriebsrates sind. Die Zusteller klagen über teils schwierige Arbeitsbedingungen wie nicht bezahlte Überstunden. Der "Nordkurier" zahlt ihnen den Mindestlohn von 8,84 Euro, ihre Arbeitszeit beginnt in der Regel um 2 Uhr nachts und dauert auch mal bis mittags.

Gewerkschaft organisierte Betriebsversammlung

Anfang November organisierte Ver.di in Malchin eine Betriebsversammlung. Auf der wurden die Betriebsratswahlen vorbereitet und unter anderem ein Wahlvorschlag mit fünf Kandidaten und drei Ersatzmitgliedern bestimmt. Die Cheftetage schickt einen leitenden Angestellten als Beobachter. Ver.di beklagte schon da mangelnde Gesprächsbereitschaft des Unternehmens. Zusteller berichten dem NDR, es gehe nicht darum, gegen den "Nordkurier" zu arbeiten, sondern gemeinsam etwas zu verbessern. Die Gewerkschaft rät den "Nordkurier"-Zustellern jetzt, rechtlich gegen die Kündigung vorzugehen.

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Stellen über Zeitarbeitsfirma neu besetzt

Die Nordkurier-Mediengruppe fürchtet nach der Kündigungswelle offenbar Lücken in der Zustellung im Bereich Mecklenburgische Seenplatte. Über eine Zeitarbeitsfirma wurden die Stellen bereits neu angeboten. Es scheint Experten daher fraglich, ob die Begründung "Betriebsstilllegung" rechtlich haltbar ist. Die anderen Zustell-Vertriebe, in denen kein Betriebsrat geplant war, laufen offenbar weiter wie bisher. Nach NDR Informationen hat das Unternehmen die Postzustellung im Bereich Mecklenburgische Seenplatte mindestens zeitweise an den Konkurrenten, die Deutsche Post, abgegeben.

Fall beschäftigt Landtagsfraktionen

Der Vorgang beschäftigt bereits die Fraktionen im Landtag. Der Landtagsabgeordnete der Linken, Peter Ritter, hat sich gemeinsam mit dem Arbeitsmarktexperten seiner Fraktion, Henning Foerster, an den "Nordkurier" gewandt - bisher erfolgte keine Reaktion. Ver.di hat außerdem die SPD-Landtagsfraktion eingeschaltet, auch die Staatskanzlei in Schwerin ist informiert.

Keine Reaktion der Geschäftsführer

Die beiden Geschäftsführer der Nordkurier-Zustellgesellschaften, Rainer Rodewyk und Dana Krause, waren für den NDR telefonisch nicht zu erreichen. Auf eine E-Mail-Anfrage reagierten beide bisher nicht. Krause und Rodewyk hatten die Kündigungen unterschrieben. Der "Nordkurier" muss seit Jahren eine stark zurückgehende Auflage hinnehmen. Zuletzt lag sie nach Unternehmensangaben nur noch bei 67.000 Stück. Wirtschaftlich gilt die Mediengruppe dennoch als gesund. Der "Nordkurier" zählt laut zuletzt veröffentlichtem Geschäftsbericht rund 1.200 Mitarbeiter, davon sind mehr als 850 Zusteller.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 09.01.2018 | 07:00 Uhr

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