Am Mahnmal zum Gedenken an Mehmet Turgut werden Blumen abgelegt. © picture alliance / dpa Foto: Axel Heimken

Vor zehn Jahren - Selbstenttarnung des NSU

Stand: 04.11.2021 17:00 Uhr

Nach der Selbstenttarnung des NSU vor genau zehn Jahren planen SPD, Die Linke und Die Grünen die Arbeit des Untersuchungsausschusses fortzusetzen. Auch Geschehnisse im Zusammenhang mit dem rechtsextremen Prepper-Netzwerk Nordkreuz sollen aufgearbeitet werden.

von Matthes Klemme

Es scheint zunächst alles nach einem klassischen Banküberfall auszusehen. Zwei bewaffnete Männer rauben im thüringischen Eisenach Geld und wollen mit ihrem Wohnmobil flüchten. Die Polizei verfolgt die Männer. Im Wagen fallen Schüsse, das Wohnmobil brennt. Wenig später finden die Beamten darin die beiden Männer tot. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass sich mit der Selbsttötung von Uwe Böhnhardt und Uwe Mondlos der Nationalsozialistische Untergrund selbst enttarnt hatte und in der Folge eine der größten neonazistischen Mordserien aufgeklärt werden konnte. Zwischen 2000 und 2006 haben Mundlos und Böhnhardt neun Menschen erschossen, acht von ihnen sind türkischstämmig.

Mord an Mehmet Turgut

Böhnhardt und Mundlos morden in Nürnberg, Hamburg, München, Dortmund, Kassel und Rostock. Was genau am 25. Februar 2004 passiert ist, liegt noch immer im Dunkeln. Im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel arbeitet Mehmet Turgut in einem Döner-Imbiss. Erst wenige Wochen zuvor ist er an die Warnow gekommen. Böhnhardt und Mundlos schießen mit einer Ceska aus nächster Nähe auf Mehmet Turgut. Es ist der 5. Mord der beiden Rechtsextremisten. Nach der Selbstenttarnung des Trios um Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe wird die Waffe in der abgebrannten Wohnung in Zwickau entdeckt.

Banküberfälle in Stralsund

In Mecklenburg-Vorpommern ist der Mord an Mehmet Turgut nicht das einzige Verbrechen des Trios. Seitdem Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe im Untergrund leben, finanzieren sie ihren Unterhalt mit Banküberfällen. Anfang November 2006 und wenige Wochen später im Januar 2007 rauben Mundlos und Böhnhardt ein und dieselbe Sparkasse in der Kleinen Parower Straße in Stralsund aus und erbeuteten mehr als 250 Tausend Euro. Die Sparkasse liegt nicht in prominenter Lage, sondern ist eher versteckt. Ob das Trio Hilfe von lokalen Unterstützern bekommen hat, darüber gibt es nur Vermutungen. Vor einigen Jahren sind bereits Mitglieder des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses auf Verbindungen nach Mecklenburg-Vorpommern gestoßen.

Unterstützer auch in MV?

So soll im Sommer 2011 der Rechtsextremist Andre E. auf einer Feier zum 15. Geburtstag des Kameradschaftsbundes Anklam gewesen sein. E. wurde beim NSU Prozess in München wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Während der Prozesstage beherbergte ihn Martin W. - ein aus Anklam stammender Neonazi, der vor knapp 20 Jahren in der Bayerischen Landeshauptstadt einen Anschlag auf die Grundsteinlegung der neuen Synagoge geplant hatte. Kontakt hatte das NSU-Trio auch zum Neonazi-Blatt "Der weiße Wolf", das einst vom früheren NPD-Landtagsabgeordneten David Petereit herausgegeben wurde. In einer Ausgabe von 2002 heiß es: "Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen... Der Kampf geht weiter". Dem Fanzine hatte der NSU zuvor Geld gespendet. Das untergetauchte Terror-Trio war zudem mehrmals in Mecklenburg-Vorpommern im Urlaub, besuchte dabei Krakow am See, Usedom, Rügen und Poel. Auch dort könnten sie Unterstützer getroffen haben.

NSU-Untersuchungsausschuss

Julian Barlen von der SPD-Fraktion war bereits in der vergangenen Legislatur Mitglied des 2018 arbeitenden NSU Untersuchungsausschuss. Für ihn sind noch heute viele Fragen zum NSU offen, gerade zum Unterstützernetzwerk in Mecklenburg-Vorpommern. Auch hätten nicht alle Akten vorgelegen, viele seien geschwärzt gewesen. Zudem seien auch nicht alle Zeugen gehört worden, sagt Barlen. Deshalb könne kein Schlussstrich gezogen werden. Die SPD-Fraktion plant deshalb eine Neuauflage des NSU Untersuchungsausschusses und sie will ihn erweitern. Nach Angaben von Barlen sollen dabei die Geschehnisse im Zusammenhang mit dem rechtsextremen Prepper-Netzwerk Nordkreuz aufgearbeitet werden. Am möglichen Koalitionspartner – der Partei Die Linke dürfte die Neuauflage nicht scheitern. Sie war es, die bereits lange von 2018 einen Untersuchungsausschuss zum NSU gefordert hatte.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 04.11.2021 | 17:00 Uhr

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