Uniklinik Rostock: Ist die "schwarze Null" überhaupt zu schaffen?

Stand: 07.05.2021 11:39 Uhr

Die Rostocker Unimedizin hatte 2019 ein Jahres-Minus von mehr als 30 Millionen Euro. Wegen der Pandemie ist auch für 2020 und 2021 ein negatives Ergebnis zu erwarten. Die Konsequenzen des daraus resultierenden Spardrucks trägt vor allem das Klinikpersonal.

von Melanie Jaster


"Es ist eine Abwärtsspirale", beschreibt Lars Grabenkamp von der Ärztegewerkschaft Marburger Bund Mecklenburg-Vorpommern die personelle Situation der Universitätskliniken. Personalmangel bei Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten gebe es schon seit Jahren - aber durch den Sparzwang werde er schlimmer. "Das äußert sich zum Beispiel in befristeten Stellen, die nicht entfristet und nicht verlängert werden. Das äußert sich in Personalabbau insgesamt im ärztlichen Bereich, es äußert sich unter anderem auch in Tarifverhandlungen, die wir derzeit führen."

Bessere Arbeitsbedingungen eindringlich gefordert

Der Marburger Bund fordert eine Begrenzung von Bereitschaftsdiensten und der Arbeitsbelastung insgesamt. Momentan werde ein Teil der tatsächlichen Arbeitszeit gar nicht richtig erfasst - und daher auch nicht immer ausreichend vergütet. Die hohe personelle Belastung ist jedoch kein alleiniges Problem der Universitätskliniken in Mecklenburg-Vorpommern. "In einer im Ärzteblatt erschienen Umfrage im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wird gesagt, dass 31 Prozent des intensivmedizinischen Pflegepersonals auf internistischen Stationen mit dem Gedanken spielt, in den nächsten zwölf Monaten ihren Beruf aufzugeben", sagt Volker Steinhagen vom Marburger Bund. Im ärztlichen Bereich seien es 19 Prozent. "Die gleichen Beschäftigten aber sagen, dass sie eigentlich ihren Beruf interessant und gut finden." Dieses Umfrageergebnis sei alarmierend, so Steinhagen.

Vorstand der Rostocker Universitätsmedizin kennt die Probleme

Dem Vorstandsvorsitzenden der Rostocker Unimedizin, Prof. Dr. Christian Schmidt, sind die Probleme bekannt. Er räumt ein: Die Arbeitsbelastung wird auch in seinem Haus immer größer. "Man hat mit immer weniger Personal oder mit demselben Personal immer mehr Patienten in kürzerer Zeit", beschreibt er. "Das ist eine massive Arbeitsverdichtung, die auf der anderen Seite aber nicht durch ein Mehr an Personal kompensiert worden ist." Das Grundproblem für die aktuelle Lage sieht er jedoch im sogenannten DRG-Finanzierungssystem. Das wiederum ist kein landesweites, sondern ein bundesweites Thema.

Kritikpunkt: Das DRG-Fallpauschalensystem

DRG steht für Diagnosis Related Groups und beschreibt ein System von Fallpauschalen für die Patientenversorgung jedes Krankenhauses in Deutschland. Für die Behandlung jeder Krankheit steht in einer Datenbank eine festgelegte Summe, die das jeweilige Haus dann von der Krankenkasse bekommt. Laut Schmidt ist es ein System mit vielen Schwachstellen - besonders im Bereich der Universitätsmedizin. "Wir müssen eine andere Finanzierung schaffen. Also wenn man das mit Holland oder auch Österreich vergleicht oder auch der Schweiz, die auch alle vergleichbare Systeme haben, sind bestimmte Bereiche wie die Psychiatrie, die Kindermedizin oder die Intensivmedizin dort aus dem System rausgenommen worden, weil man da eine Sicherstellung auf jeden Fall gewährleisten möchte. Und das kann dann nicht irgendwelchen ökonomischen Überlegungen zum Opfer fallen." Denkbar wären laut Schmidt auch vermehrte Zuschüsse für freigehaltene Betten oder besonders aufwendige Behandlungsmethoden. Zwar bekommen die Universitätskliniken bereits Zuschüsse vom Land - doch das reiche in dieser Form nicht aus.

Großteil der deutschen Universitätskliniken schreibt bereits rote Zahlen

Für eine Reform des DRG-Systems setzt sich auch der Bundesverband der Universitätsklinika ein. Laut Vorstandsmitglied Gabriele Sonntag wird dieses pauschale Finanzierungsmodell den Unikliniken nicht gerecht. "Da liegt das Grundproblem: Weil es einfach nicht gelingen kann, über alle Krankenhäuser hinweg mit einem komplett einheitlichen System zu arbeiten, ohne dass es gesonderte Mechanismen gibt", so Sonntag. "Zum Beispiel hat eine Unimedizin in besonderem Maß - höher auch als andere Maximalversorger - Patienten, die man als sogenannte Extremkostenfälle bezeichnet. Das sind Patienten mit seltenen Erkrankungen, die man sehr aufwendig recherchieren muss, um zu einer Behandlung zu kommen." Die dadurch erhöhten Kosten seien durch das einheitliche System nicht abgebildet.

Zentralisierung der Krankenhauslandschaft gefordert

Das DRG-System verzerrt laut Sonntag außerdem den Markt. "Durch das Fallpauschalensystem darf rein theoretisch jedes Krankenhaus alles anbieten - ob es qualitativ dazu in der Lage ist oder nicht", sagt sie. "Das führt in die völlig falsche Richtung. Weil ein kleines Haus, das manche Eingriffe oder Behandlungen nur eine Hand voll Mal im Jahr macht - das kann die Qualität gar nicht bringen. Im Grunde genommen haben wir einen ziemlichen Wildwuchs, was die Krankenhauslandschaft angeht." Aktuell gebe es in Deutschland mehr als 2.000 Krankenhäuser - aber noch 32 Universitätskliniken. Eine Lösung könne nur sein, die Anzahl der Krankenhäuser in Deutschland zu reduzieren und das DRG-System zu reformieren. Nur so könnten auch Unikliniken ihren komplexen Aufgaben langfristig gerecht werden und nicht im finanziellen Minus versinken.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Der Tag | 07.05.2021 | 16:00 Uhr

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