Ein Luftfiltergerät steht in einem Fachraum einer Schule in Oldenburg. © picture alliance/dpa/Hauke-Christian Dittrich Foto: Hauke-Christian Dittrich

Streit um Luftfiltereinsatz in Schulen in MV

Stand: 09.07.2021 12:08 Uhr

Der Landeselternrat hat Landkreise und Städte aufgefordert, ausreichend Luftfilter für die Schulen in Mecklenburg-Vorpommern anzuschaffen. Das könne den Corona-Schutz deutlich verbessern, sagte der Vorsitzende Kay Czerwinski. Ein Strömungsforscher sieht das ganz ähnlich.

Die Landkreise halten nichts von Luftfiltern. Deren Wirksamkeit bei der Corona-Vorbeugung sei nicht erwiesen. Stoßlüften in den Pausen bringe mehr, erklärte der Landkreistag. Als "Quatsch" bewertet der Städte- und Gemeindetag die mobilen Luftfilter. Die seien zum einen viel zu laut und sie würden die Raumluft nur aufwirbeln. "Die Aerosol-Belastung wird verstärkt", so Arp Fittschen vom Städte- und Gemeindetag. Die Anschaffung sei herausgeworfenes Geld. Bei Kosten zwischen 5.000 und 10.000 Euro pro Klassenraum müssten landesweit etwa 100 Millionen Euro investiert werden.

Städte- und Gemeindetag: Probeeinsätze in Greifswald erfolglos

"Das machen wir nicht", so Fittschen. Probeeinsätze an Schulen in Greifswald seien erfolglos gewesen, auch wegen der Lärmbelastung durch die Geräte. Fittschen verwies auf kritische Stellungnahmen des Umweltbundesamtes und des Robert Koch-Instituts (RKI). Beide warnen davor, Luftfilter als Allheilmittel anzusehen. Sie könnten höchstens eine Ergänzung der Schutzmaßnahmen sein. Wirksam, so Fittschen, seien stationäre Lüftungsanlagen, die fest eingebaut werden. Die würden auch Frischluft von außen ansaugen. Für den Einbau seien aber aufwändige Vorplanungen nötig, außerdem müssten Aufträge dafür langfristig ausgeschrieben werden.

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Strömungsforscher: Luftfilter "bewährte Technologie"

Für den Einsatz mobiler Luftfilter machte sich hingegen Professor Christian Kähler stark, Strömungsforscher an der Universität der Bundeswehr in München. Es handele sich bei diesen um eine "bewährte Technologie", die geeignet sei das Ansteckungsrisiko zu minimieren, sagte er in NDR MV Live. Die Argumentation von Kritikern, dass es durch die Geräte zu gefährlichen Luftverwirbelungen kommen könne, seien "an den Haaren herbeigezogen". Mobile Luftfilter seien geprüft und sorgten für eine gleichbleibend niedrige Virenlast. Auch Befürchtungen hinsichtlich einer möglichen Lärmbelästigung seien "Quatsch". Es gebe auch leise Geräte auf dem Markt.

Kähler ging zudem RKI und Bundesamt für ihre Aussagen gegen den Einsatz von Luftfiltern an. Das RKI habe keine Expertise in dem Bereich und es sei sehr schädlich gewesen, dass es sich der Auffassung des Umweltbundesamtes angeschlossen habe. "Jetzt gilt es zu handeln, dass wir die Klassenräume für die Winterzeit sicher bekommen." Ein mobiler Raumluftreiniger koste 2.000 Euro, die Technik gebe es seit 50 Jahren genau für diesen Einsatz. Ineffizient sei dagegen das Lüften. "Das bringt so gut wie überhaupt nichts." Man frage sich, warum man in Deutschland immer noch glaube, mit "mittelalterlichen Methoden" für Sicherheit sorgen zu können.

Czerwinski: Luftfilter senken Virenbelastung

Auch der Vorsitzende des Landeselternrats, Kay Czerwinski, kritisierte die Argumente des Städte und Gemeindetags. Gute Luftfilter in Klassenräumen könnten dazu beitragen, die Virenbelastung zu senken. Politik sage immer wieder, es müsse alles dafür getan werden, nach den Ferien normalen Präsenzunterricht hinzubekommen. Luftfilter an Schulen seien deshalb wichtig. Bayern plane die auch. Czerwinski sagte, Vergaberichtlinien für stationäre Anlagen dürften kein Hinderungsgrund sein, immerhin seien in Pandemie-Zeiten auch Grundrechte eingeschränkt worden.

Für Czerwinski sind die Filter auch langfristig wichtig: Sie könnten auch nach der Pandemie dauerhaft für besseres Raumklima in den Klassenräumen sorgen und damit auch für eine angenehmere Lernatmosphäre. Stoßlüften im Winter sei immer eine Belastung und erhöhe die Energiekosten. Für Luftfilter an den Schulen spricht sich auch die CDU in Hamburg aus, in Nordrhein-Westfalen fordert die oppositionelle SPD die Anschaffung.

Auch Schülerschaft will Luftfilter

Unterstützung erhielt Czerwinski vom Landeschülerrat. Dessen Sprecher Anton Fischer sagte NDR MV Live, die gegenwärtigen Konzepte würden "kein bisschen" reichen. "Die Luftqualität in einem Klassenzimmer ist nach einer 90-Minuten-Stunde nicht gerade die beste." Luftfilter trügen daher zu einer Verbesserung des Unterrichtsklimas bei.

Bildungsministerium stellt sich hinter Schulträger

Das SPD-geführte Bildungsministerium in Mecklenburg-Vorpommern stellt sich in der Frage hinter die Schulträger. Bildungsministerin Bettina Martin lässt auf kritische Stellungnahmen der wissenschaftlichen Berater der Landesregierung verweisen. Die hätten die Wirksamkeit von Luftfiltern in Zweifel gezogen. Und diese Sichtweise macht sich Martin offenbar zu eigen. Ihr Ministerium verwies dennoch auf ein schon bestehendes Förderprogramm für Schulen. 100 Millionen Euro aus dem schuldenfinanzierten MV-Schutzfonds stünden für den Pandemie-Schutz bereit - dazu zähle auch der Einbau von Lüftungsanlagen. Das Land wolle außerdem ein Förderprogramm auflegen. Schulträger könnten dann selbst entscheiden, ob sie Luftfilter oder Messgeräte für die Raumluft anschaffen wollten. Außerdem fördere der Bund den Einbau stationärer Lüftungsanlagen - 500 Millionen Euro stünden dafür bereit.

Behörde: Luftfilter sind nützlich, wenn Fachleute sie installieren

Unterdessen hat das Umweltbundesamt (UBA) seine Bewertung zu mobilen Luftfiltern konkretisiert: Geprüfte Geräte würden "natürlich" gegen Viren helfen, sagte Heinz-Jörn Moriske, Geschäftsführer der Innenraumlufthygiene-Kommission des UBA dem "Handelsblatt". Die Filter müssten allerdings von Fachleuten richtig im Klassenraum aufgestellt sein. Es bringe nichts, wenn Eltern ungeprüfte Geräte im Baumarkt kaufen würden. Moriske wies die Behauptung zurück, das UBA habe vom Einsatz mobiler Luftfilter abgeraten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 08.07.2021 | 04:30 Uhr

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