Stand: 20.02.2019 08:33 Uhr

Schatzfund: Historische Prora-Pläne aufgetaucht

von Heiko Kreft

Bild vergrößern
Ein alter Überseekoffer und eine Holzkiste - in ihnen fanden die Erben von Adolf Leber Pläne des Statikers des KdF-Baus Prora auf Rügen.

Im Berliner Büro von Katja Lucke, der Chefin des Dokumentationszentrums Prora, stehen seit einigen Tagen ein riesiger alter Überseekoffer und eine große Holzkiste. Beide sehen aus wie Schatztruhen in einem Abenteuerfilm. Tatsächlich verbarg sich in ihnen ein echter Schatz. Kein Gold oder Diamanten, sondern tausende Seiten Papier zum Bau des KdF-Bads Prora.

Kisten im Kölner Keller

Seit Jahrzehnten lagen die Akten unentdeckt in einem Kölner Keller. Ursprünglich angefertigt hat sie Adolf Leber, der Chef-Statiker von Prora. Nach dem Ableben seines Sohns räumten Familienangehörige auf und stießen dabei zufällig auf die Unterlagen. "Sie haben die Kisten kurz aufgemacht und sich wahrscheinlich erschrocken, dass unter Briefen "Heil Hitler" als Abschlussformel stand. Dann haben sie die Kisten zugemacht und uns kontaktiert", erzählt Katja Lucke. Die Freude darüber ist ihr immer noch anzumerken.

Zwei Wissenschaftler knieen vor einer Holztruhe und holen alte Dokumente aus ihr heraus.

Pläne für Nazi-Bau Prora wieder aufgetaucht

Nordmagazin -

Jahrzehntelang hatten Pläne des Rügener KdF-Baus Prora in einem Kölner Keller geschlummert, nun wurden sie von den Enkeln des einstigen Chef-Statikers Adolf Leber gefunden.

3,83 bei 12 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Museum statt Ebay

Seit vielen Jahren ist das Team des Dokumentationszentrums auf der Suche nach Bauplänen von Prora. Doch die Unterlagen von Architekt Clemens Klotz gelten bis heute als verschollen. Für Historiker ist das eine empfindliche Lücke in den Quellen. Dass nun umfangreiche Papiere eines wichtigen Prora-Planers ins Doku-Zentrum kamen, erfreut Katja Lucke gleich doppelt. Die Familie von Adolf Leber schenkte der Forschungseinrichtung die Dokumente. Das sei nicht selbstverständlich. Häufig fänden sich solche Raritäten bei Ebay wieder, denn private Sammler würden hohe Summen dafür zahlen.

Prora: Aufbau, Verfall und Sanierung

Einzigartige Quellen zu historischem Bauvorhaben

Der Kölner Schatzfund besteht aus sehr unterschiedlichen Zeugnissen zur Baugeschichte von Prora. "Es sind vor allem Berechnungen eines Statikers zu verschiedenen Bauabschnitten", sagt Katja Lucke. "Solche, die umgesetzt wurden, und andere, zu denen man nicht mehr gekommen ist." Nach einer ersten Sichtung glaubt Lucke, dass die bisherige Prora-Forschung nicht komplett in Frage gestellt werden muss: "Wir brauchen kein neues Geschichtsbuch schreiben!" Zweifellos handele es sich aber um einzigartige Quellen zum historischen Bauvorhaben. Besonders die großformatigen Bauzeichnungen seien beeindruckend. So etwas habe man bisher noch nie gesehen.

Auch Akten zur Heeresversuchsanstalt Peenemünde

Bild vergrößern
In den Papieren finden sich auch Pläne zu weiteren Großprojekten der Nazis.

Eine Überraschung für die Forschung dürften noch andere Unterlagen sein, die in den Kölner Kisten gefunden wurden. Der Statiker Adolf Leber arbeitete offensichtlich an weiteren nationalsozialistischen Prestigebauten mit. So fanden sich Akten zur Heeresversuchsanstalt Peenemünde und den NS-Ordensburgen Vogelsang in der Eifel und Krössinsee in Pommern. Bei den NS-Ordensburgen handelte es sich um Ausbildungsstätten für den Nachwuchs der NSDAP. Prora-Architekt Clemens Klotz war dort ebenfalls federführend tätig. Dass die Kisten ausgerechnet in Köln gefunden wurden, ist übrigens kein Wunder: Klotz und Leber hatten beide ihre Büros in der Domstadt.

Neue Erkenntnis: Planungen endeten nicht 1939

Auch wenn die Geschichte Proras nicht gänzlich neu geschrieben werden muss: Im Detail stellt der Kölner Fund bisherige Annahmen durchaus in Frage. So gingen die meisten Historiker bisher davon aus, dass mit Kriegsbeginn 1939 alle Bau- und Planungsarbeiten endeten. Die neuen Quellen widersprechen dem, sagt Katja Lucke. "Wir können sehen, dass die Baupläne zu verschiedenen Bauabschnitten auch während des Krieges weiter optimiert wurden und offenbar sukzessive weiter gearbeitet wurde." Das beträfe beispielsweise die Größe der geplanten Schwimmhallen. Aus Briefen gehe auch hervor, dass wegen der Materialnot Umplanungen erfolgten. Die größenwahnsinnigen Pläne der Nationalsozialisten schrumpften während des Zweiten Weltkrieges schrittweise. In welchem Umfang genau, das wollen Katja Lucke und ihr Team in den nächsten Monaten herausfinden.

Weitere Informationen

Prora - Der "Koloss von Rügen"

Als "Seebad der 20.000" hatten die Nazis die riesige Anlage in Prora auf der Insel Rügen geplant. Lange Zeit verfielen die denkmalgeschützten Gebäude - heute sind sie wieder interessant. mehr

Akten sollen konserviert und digitalisiert werden

Bevor es aber mit voller Kraft an die inhaltliche Erschließung gehen kann, stehen erst einmal dringend konservatorische Arbeiten an. "Das Papier ist teilweise in einem sehr schlechten Zustand", berichtet Katja Lucke. "Da müssen wir jetzt so schnell wie möglich sehen, dass wir die Dinge digitalisieren." Im Berliner Büro werden die Briefe, Zeichnungen und Berechnungen deshalb in den nächsten Wochen abfotografiert und inhaltlich geordnet.

Große Präsentation im Herbst

Für den Herbst dieses Jahres plant das Dokumentationszentrum eine Sonderschau zu dem Kölner Fund. Vor Ort in Prora sind dann ganz sicher auch der Überseekoffer und die Holzkiste dabei, in denen die einmaligen Dokumente jahrzehntelang vergessen schlummerten.

Weitere Informationen

Prora: 200 neue Wohnungen in Block 5 geplant

14.01.2019 11:00 Uhr

In Block 5 der NS-Hinterlassenschaft in Prora auf Rügen sollen bis zu 200 neue Wohnungen entstehen. Rund 60 Millionen Euro werden in den letzten noch nicht komplett sanierten Block investiert. mehr

Dokumentationszentrum in Prora rückt näher

26.11.2018 13:00 Uhr

Das geplante Dokumentationszentrum in Prora auf Rügen hat eine wichtige Hürde genommen. Der Landkreis Vorpommern-Rügen will nun doch die Trägerschaft für die Sanierung übernehmen. mehr

Prora: Badeurlaub auf historischem Gelände

10.11.2018 18:00 Uhr

Als geplantes Ferienobjekt aus der Nazi-Zeit hat Prora Bekanntheit erlangt. Heute zieht der kleine Ort an der Ostküste Rügens mit seinem langen Strand immer mehr Urlauber an. mehr

Nach 80 Jahren: Der "Koloss von Rügen" erwacht

17.05.2016 21:00 Uhr

Jahrzehntelang schlummerte das von den Nationalsozialisten konzipierte KdF-Bad in Prora auf Rügen im Dornröschenschlaf. Doch nun wandelt sich das Bild des "Seebads der 20.000" im Express-Tempo. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 20.02.2019 | 19:05 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

02:56
Nordmagazin

Crivitz: Aufarbeitung nach Mobbing-Fällen

19.03.2019 19:30 Uhr
Nordmagazin
03:02
Nordmagazin

Schönberger Musiksommer feiert Jubiläum

19.03.2019 19:30 Uhr
Nordmagazin
00:53
Nordmagazin

Neptun-Werft: Flusskreuzfahrtschiffe übergeben

19.03.2019 19:30 Uhr
Nordmagazin