Naturschützer beklagen: Kaum eine Wolfstötung wird aufgeklärt

Stand: 02.10.2021 09:57 Uhr

Nach Angaben des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) sind in diesem Jahr in Deutschland schon elf Wölfe illegal getötet worden. Ein neuer Höchststand. Zuletzt waren drei Tiere in MV Straftaten zum Opfer gefallen.

2020 gab es nach NABU-Angaben acht illegale Tötungen, 2019 und 2018 jeweils neun. Insgesamt weise die Statistik seit Rückkehr der Wölfe nach Deutschland vor 21 Jahren 64 Fälle aus. Dazu komme eine vermutlich hohe Dunkelziffer. "Jede dieser Tötungen ist eine Straftat und muss strafrechtlich verfolgt werden", sagte NABU-Fachbereichsleiter Ralf Schulte. Dabei sehen die Naturschützer die Politik in der Verantwortung. Juristisch gesehen ist jede illegale Tötung eine Straftat. Diese Straftaten müssten verfolgt werden.

Forderung: mehr Strafverfolgung und besserer Herdenschutz

Bislang, so die Naturschützer, habe kaum einer der Fälle aufgeklärt werden können. Denn den Bundesländern fehle es an Fachstellen für Artenschutzkriminalität. Nicht nur Wölfe seien betroffen, auch Luchse würden immer wieder getötet aufgefunden, ebenso etliche Greifvögel. Auf der anderen Seite müsse die Politik mehr für die Sicherheit von Nutztieren tun und die Halter beim Schutz gegen Wolfsrisse besser unterstützen. Die Höhe der Fördermittel der Bundesländer für Herdenschutzmaßnahmen lag im vergangenen Jahr bei rund 9,5 Millionen Euro, die Höhe der Schadensausgleichzahlungen betrug rund 800.000 Euro.

Widerspruch: Schutzstatus muss gelockert werden

Derzeit ist der Wolf eine nach europäischem Recht streng geschützte Art. Langfristig aber müsse der Schutzstatus des Wolfes gelockert werden, sagte Prof. Klaus Hackländer von der Deutschen Wildtierstiftung bei NDR MV Live. In diesem Jahr gehen in Mecklenburg-Vorpommern bereits mehr als 40 Riss-Vorfälle auf das Konto von Wölfen. Mehr als 160 Schafe, Kälber und andere Nutz- und Weidetiere wurden dabei getötet oder verletzt. Die Zahl der Rudel steigt an - 15 sind es derzeit im Nordosten. Das Wolfsangriffe rufen immer wieder Nutztierhalter auf den Plan: Neben höheren Entschädigungen und der besseren Förderung von Schutzmaßnahmen wie Spezialzäunen wollen sie auch am Schutzsstatus des Wolfes rütteln. "Wir haben eine steigende Wolfspopulation - und die Konflikte nehmen entsprechend zu", stellte Prof. Hackländer bei NDR MV Live fest.

"Wird in Zukunft noch mehr solcher Vorfälle geben"

Hackländer verurteilte die jüngsten Tötungen von drei Wölfen in Mecklenburg-Vorpommern genauso wie Volker Böhning vom Landesjagdverband MV. "Das ist kein Kavaliersdelikt. Das ist ein Verbrechen, das geahndet werden muss", sagte Hackländer. Aber ihm sei auch klar, dass es "in Zukunft noch mehr solcher Vorfälle geben wird." Wer die Tiere erschossen habe, müssten nun die weiteren Ermittlungen klären. Allerdings dürften die betroffenen Nutztierhalter nicht alleine gelassen werden, damit "solche Fälle, wie sie jetzt passiert sind, nicht noch häufiger werden". Konkret gelte es, massiv in den Herdenschutz zu investieren, Landwirte zu unterstützen, sogenannte Problemwölfe zu entnehmen und "langfristig wird sicherlich kein Weg daran vorbei führen, eine entsprechende Quote zu haben, wo man sagt, der Wolf wird wie jedes andere Wildtier auch in Deutschland entsprechend gemanagt und da gehört auch die regelmäßige Entnahme dazu", so Hackländer.

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Experten: Auf das Wolfsmanagement kommt es an

Böhning und Hackländer betonten beide, dass es auf den richtigen Umgang mit dem Raubtier ankomme - also auch auf das Wolfsmanagement. Erst jüngst hat das Land den ersten Wolfsmanagementplan des Landes aus dem Jahr 2010 aktualisiert und an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst. Obwohl auch Landwirte, Jäger und Nutztierhalter in die Beratungen miteinbezogen wurden, geht einigen der neue Plan nicht weit genug. Denn der strenge Schutzstatus des Wolfes und das Jagdverbot bestehen weiterhin.

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Über den Schutzstatus entscheiden Berlin und Brüssel

Doch eine Aufhebung des Schutzes könne nicht Schwerin, sondern nur in Brüssel und Berlin in die Wege geleitet werden, wie Böning betonte. In der im EU-Recht verankerten FFH-Richtlinie werde der Wolf im Anhang 4 gelistet ist - er steht unter strengem Schutz. Eine Änderung dieses Status könne nur über die Feststellung des sogenannten günstigen Erhaltungszustands erfolgen, so Böhning. "Der günstige Erhaltungszustand ist das Zünglein an der Waage." Wenn dieser erreicht sei, könnte eine Änderung der FFH-Richtlinie beantragt werden. "Daran scheiden sich die Geister: Die einen sagen, er ist erreicht, die anderen sagen, er ist nicht erreicht." Deutschland müsste, um etwas zu ändern, über das Umweltministerium in Berlin einen entsprechenden Antrag auf Änderung stellen, erklärte Böhning. "Das ist bisher nicht geschehen. Und vom Hörensagen wird es in der nächsten Zeit auch wahrscheinlich nicht geschehen", glaubt er. Nach seinem Dafürhalten müsste der Wolf aber vom Anhang 4 in den Anhang 5 überführt werden.

Welche Kriterien werden zugrunde gelegt?

Der Wolfsberater des Landes MV, Norman Stier, verwies darauf, dass zu dieser Frage derzeit ein wissenschaftlicher Diskussionsprozess im Gange sei, bei dem es vor allem um die Kriterien gehe, auf Basis deren ein solcher günstiger Erhaltungszustand erklärt werden könne. Erst wenn dieser Prozess abgeschlossen sei, werde man alles weitere entscheiden können.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 30.09.2021 | 13:00 Uhr

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