Misshandlung in DDR-Psychiatrien: Hilfe für Betroffene

Stand: 24.11.2020 15:41 Uhr

Menschen, die zu DDR-Zeiten in psychiatrischen Einrichtungen gelitten haben, können bei der Stiftung "Anerkennung und Hilfe" Entschädigung beantragen. Die Frist dafür wurde bis Juni 2021 verlängert.

von Kathrin Matern

Wie viele Menschen in Heimen, Sonderschulen, psychiatrischen Einrichtungen in der DDR misshandelt worden sind oder gelitten haben, kann man auch heute, 30 Jahre nach der Deutschen Einheit, noch immer nicht sagen. Denn die wissenschaftliche Aufarbeitung dazu steht ganz am Anfang. René Lüdke aus Crivitz ist einer von vielen Betroffenen. Dass er heute in seinem eigenen Häuschen lebt, war lange unvorstellbar. René Lüdke wurde 1971 mit einer Gaumenspalte geboren und mit einer Fehlbildung der Nase. Statt Liebe bekam er oft Prügel. In der Öffentlichkeit durfte er sich nicht zeigen. Die Eltern versteckten ihn, schickten ihn in sein Zimmer, wenn es an der Tür klingelte. Schließlich brachten sie ihn ins Heim.

Fixiert auf Metallbett ohne Matratze

Ein altes Netzbett aus DDR-Zeiten steht im Keller des Stralsunder Hanseklinikums. © NDR
In solchen Netzbetten wurden viele Betroffene zu Unrecht fixiert.

René Lüdke pendelte zwischen der Schweriner Nervenklinik und deren Außenstelle im Kloster Dobbertin. Er lebte dort mit viel älteren Männern in einem Haus, wurde mit Medikamenten, Schlägen und Demütigungen "erzogen". In dem Haus gab es einen Raum, in dem ein Metallbett mit Metallfederkern stand - jedoch ohne Matratze. Darauf wurden Insassen des Heims dann fixiert, erinnert sich Lüdke. Solche Sachen werde er sein Leben lang nicht vergessen.

Wissenschaftler vermuten hohe Dunkelziffer

Rund 1.300 solcher Schicksale aus den drei ehemaligen Nordbezirken der DDR sind bislang bekannt. Die Dunkelziffer wird weitaus höher geschätzt. Betroffene aus DDR-Sonderschulen,   Internaten für Gehörlose, Körperbehinderte und Psychiatrien können Unterstützung bei der "Stiftung Anerkennung und Hilfe" finden, so die Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, Anne Drescher. Es habe durchgängig eine Minderversorgung materieller und personeller Art gegeben. Die bildete schließlich eine Grundlage oder war mit Ursache für strukturelle, für physische und psychische Gewalt, der die Betroffenen in diesen Einrichtungen ausgesetzt waren, so Drescher weiter.

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Mauerfall als Rettung

Für all jene war der Mauerfall die Rettung - auch für René Lüdke. Anfang der 90er Jahre wurde seine Nase gerichtet. Und René Lüdke machte eine Ausbildung zum Beikoch und heiratete. 2019 stellte er einen Antrag bei der Stiftung "Anerkennung und Hilfe". Die Frist dafür ist nun bis Ende Juni 2021 verlängert worden, sagt die Landesbeauftragte Anne Drescher. Viele wüssten davon noch überhaupt nichts, hätten das überhaupt noch nie gehört oder gelesen. Die Erreichbarkeit dieser besonderen Betroffenengruppe sei sehr schwierig, erklärt Drescher.

Frist für Anträge verlängert

René Lüdke hat in diesem Jahr 9.000 Euro Entschädigung für das in den DDR-Heimen erlittene Leid bekommen. Er muss sich nicht mehr verstecken. Betroffene können Anträge noch bis zum 30.Juni 2021 bei der Anlaufstelle der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Anne Drescher, gestellt werden.

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Anlauf- und Beratungsstellen der Stiftung "Anerkennung und Hilfe"

Niedersachsen
Niedersächsisches Landesamt für Soziales, Jugend und Familie
Anlauf- und Beratungsstellen in Hannover, Braunschweig und Oldenburg
E-Mail: Stiftung@ls.Niedersachsen.de
Tel. Hannover: (0511) 897 01-172
Tel. Braunschweig: (0531) 70 19-165
Tel. Oldenburg: (0441) 22 29-760 oder -761

Mecklenburg-Vorpommern
Anlauf- und Beratungsstelle bei der Landesbeauftragten für die Aufarbeitung der SED-Diktatur (Schwerin)
E-Mail: stiftung@lstu.mv-regierung.de
Tel: (0385) 55 15 69 01

Schleswig-Holstein
Anlauf- und Beratungsstelle beim Landesamt für Soziale Dienste in Schleswig-Holstein (Neumünster)
E-Mail: antje.christiansen@lasd.landsh.de und britta.toelch@lasd.landsh.de
Tel. (04321) 913 -753 oder -751

Hamburg
Anlauf- und Beratungsstelle beim Versorgungsamt Hamburg
E-Mail: stiftung-anerkennung-hilfe@basfi.hamburg.de
Tel. (040) 115

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NDR 1 Radio MV | Der Tag | 24.11.2020 | 17:15 Uhr

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