Klimaschutz oder Nahrungsmittel? Bauern gegen Flächenstilllegung

Stand: 02.06.2022 15:32 Uhr

Rund zwölf Prozent des Weizens weltweit hat die Ukraine im vergangenen Jahr produziert; durch den Krieg fallen dieses Jahr tonnenweise Weizen- aber auch Öllieferungen aus Sonnenblumen aus, in Teilen Nordafrikas und Asiens drohen Hungersnöte. Landwirte in Deutschland könnten einen Teil der Lücke schließen, wenn sie ihre gesamten Ackerflächen bestellen dürften. Die EU-Kommission hat sich allerdings darauf verständigt, dass vier Prozent ihrer Flächen nicht mehr bewirtschaftet werden - zugunsten von Klima- und Umweltschutz.

In der Nähe von Stralsund bewirtschaftet Landwirt Aurel Hagen etwa 2.000 Hektar. Die Förderung der Landwirtschaft wird ab 2023 europaweit an neue Bedingungen geknüpft. So muss er unter anderem vier Prozent seiner Flächen brach liegen lassen, darf sie also nicht bewirtschaften. Für den Naturschutz macht der Landwirt das gern. Aber seit dem Ukrainekrieg würde er diese Flächen lieber bestellen. "Dass wir sagen, wir wollen die ökologischen Vorrangflächen, also die Stilllegungsflächen erhalten, und sind nicht bereit, der Hungersnot entgegen zu wirken - das Signal nach außen finde ich einfach richtig schlecht."

Backhaus: "Ich stehe zum Green Deal"

"Krieg gegen Lebensmittel", in diese Diskussion wolle er "jetzt nicht verfallen", erklärt Agrar- und Klimaschutzminister Till Backhaus (SPD) auf Nachfrage des NDR MV. Europa habe es sich zum Ziel gesetzt, bis spätestens 2050 CO2-neutral zu sein, um nachhaltig für die kommenden Generationen wirtschaften zu können. Dazu zähle auch die Landwirtschaft, so Backhaus. Momentan überschatte der Krieg in der Ukraine diese Themen. Aber "Klimaschutz, Artenschutz, sauberes Wasser, gesunde Ernährung" seien Themen, die trotz des Krieges in der Ukraine, der gerade alles überschatte, weiter im Blick behalten werden müssen. Er stehe zum Green Deal, den er auf europäischer Ebene mit verhandelt hat. Auf der anderen Seite müsse man "in dieser besonderen Situation auf Sicht fahren. Er habe sich beim Bundeslandwirtschaftsminister dafür eingesetzt, die Stilllegungsflächen für einen bestimmten Zeitraum weiter zu bewirtschaften, "aber sie müssen auch ökologische Leistungen mit erbringen," so Backhaus weiter.

Blühstreifen oder Brot für die Welt?

Bei Landwirt Hagen handelt es sich um 80 Hektar Stilllegungsfläche. Darauf könnten 750 Tonnen Weizen wachsen, aus denen anschließend etwa eine Million Brote gebacken werden könnten. Würde die Stilllegung in Deutschland ausgesetzt, könnten 1,5 Millionen Tonnen Getreide zusätzlich produziert werden, hat der Deutsche Bauernverband ausgerechnet.

Idee: Sonnenblumenöl durch Rapsöl ersetzen

Auch Raps ist gerade stark nachgefragt auf dem Weltmarkt, denn auch das Öl wird gerade knapp. Aurel Hagen könnte sich vorstellen, auf den Brachflächen auch Raps anzubauen. Daraus werde in der Ölmühle in Rostock, wo sein Raps verarbeitet wird, Öl produziert. "Öl wird in der Küche gebraucht, Öl wird für technische Zwecke gebraucht und ein Großteil des Öls kommt eben aus Sonnenblumen. Und das kommt fast zu 100 Prozent aus der Ukraine. Das fällt dieses Jahr aus", so Hagen. Seine Idee wäre, das fehlende Sonnenblumenöl durch Rapsöl zu ersetzen.

Klimaschutz vor Ernährung - ein "Wohlstandsproblem"?

Ob er im kommenden Jahr Flächen stilllegen oder bestellen darf, muss der Landwirt bald wissen. Saatgut muss rechtzeitig gekauft und die Äcker vorbereitet werden. Der Standort an der Küste sei perfekt, um Getreide und Raps zu produzieren, meint Hagen. "Das ist ein Wohlstandsproblem, dass wir nicht bereit sind zu helfen, wo Hilfe benötigt wird - nämlich bei den Nahrungsmitteln." Er hat das Gefühl, "der scheinbare ökologische Nutzen" werde "vor die Ernährung von Menschen gestellt." Seiner Ansicht nach bräuchten die Flächen, die zur Stilllegeung gedacht sind, nur für eine begrenzte Zeit für den Anbau von Weizen oder Raps genutzt werden, meint der Landwirt - "aber das entscheidet die Politik."

Backhaus: Stilllegungsflächen Thema für die Agrarministerkonferenz

Das Thema werde er erneut in der Agrarministerkonferenz diskutieren, sagt Backhaus im Gespräch mit NDR MV. Er wolle vorschlagen, angesichts der Situation "Anpassungen" vorzunehmen. Mecklenburg-Vorpommern sei in der Lage, bis zu 22.000 Hektar weiter zu bewirtschaften und damit etwa 1,2 Millionen Menschen ein Jahr lang mit Lebensmitteln zu versorgen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern | 02.06.2022 | 19:30 Uhr

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