Eine junge Frau spricht mit ihrem Psychiater. © picture alliance / dpa Foto: Mascha Brichta

Kinder-Psychotherapeuten fehlen - vor allem auf dem Land

Stand: 30.09.2020 10:10 Uhr

Fast jedes fünfte Kind in Mecklenburg-Vorpommern ist psychisch auffällig, die Corona-Pandemie soll diesen Trend noch verstärken. Doch gerade auf dem Land fehlen Therapeuten.

von Carolin Kock, NDR 1 Radio MV

Ärger mit den Mitschülern, Notendruck oder Probleme mit den Eltern - Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Laut Psychotherapeutenkammer ist fast jedes fünfte Kind psychisch auffällig. Studien zeigen, dass die Corona-Pandemie diesen Trend noch verstärkt. Doch in Mecklenburg-Vorpommern sind die Wege zum Psychotherapeuten für viele Kinder und Jugendliche zu lang - besonders auf dem Land.

Jeder Vierte bricht die Behandlung ab

Für eine Therapie fahren viele Kinder und Jugendliche nach der Schule noch mehr als eine Stunde lang, mehr als 30 Kilometer weit - zum Beispiel nach Demmin in die Praxis von Anette Williamson. Jeder vierte ihrer jungen Patienten muss die Behandlung deshalb abbrechen: "Das stimmt mich traurig und hilflos. Wenn man den therapeutischen Bedarf sieht und die Jugendlichen kommen wollen, aber dann sagen müssen 'Ich werd' nicht mehr gefahren'." Ein Bus fährt vielleicht nach der Schule zur Praxis, aber keiner mehr zurück. Viele Familien schaffen es zeitlich nicht, ihre Kinder zu fahren oder es fehlt am Ende des Monats das nötige Benzingeld.

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Bundesausschuss bestimmt Anzahl und Verteilung

Anette Williamson würde die Eltern gern entlasten, doch sie ist an ihre Praxis gebunden und darf keine Hausbesuche machen. Das geben die Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses vor. In diesem Ausschuss bestimmen Krankenkassen, Kassenärzte und Krankenhäuser auch gemeinsam, wie viele Psychotherapeuten wo gebraucht werden. Dieser Bedarf wird für jedes Bundesland und jeden Landkreis berechnet. Dabei wird vor allem einbezogen, welche Alters- und Bevölkerungsgruppen zu welchen Ärzten und Fachärzten gehen, welche also besonders in Anspruch genommen werden.

Errechneter Bedarf ist nicht die Realität

Doch diese Rechnung bilde nicht den tatsächlichen Bedarf ab, sagt Johannes Weisang von der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer. Denn auf dem Land leben vor allem ältere Menschen, die häufig zum Hausarzt gehen, aber weniger Psychotherapie in Anspruch nehmen: "Somit wird für die Psychotherapie ein geringerer Bedarf errechnet als tatsächlich vorliegt.", sagt Weisang. Dazu kommt: Kinder und Jugendliche haben keine eigene Bedarfsrechnung. Von allen Praxissitzen, die es im Land gibt, werden feste 20 Prozent an Kinder- und Jugendpsychotherapeuten vergeben.

Ländlicher Raum braucht Modellprojekte

Um die langen Wege auf dem Land zu überbrücken, brauche es individuelle Lösungen, sagt die Psychotherapeutenkammer. Videochats, Taxischeine oder Zweigstellen für Therapeuten seien denkbar, doch ist fraglich, wer das bezahlt. Die Krankenkassen und das Gesundheitsministerium müssten dafür an einen Tisch und Modellprojekte auf den Weg bringen. Auf Anfrage zeigen die sich für Gespräche offen, doch konkrete Projekte sind offenbar nicht geplant. Bis dahin drängt die Zeit, sagt Anette Williamson: "Ich mache mir da schon Sorgen, denn es gibt auch depressive Jugendliche, bei denen man sich Wochen danach fragt, ob das gut geht." Bis die Versorgung für junge Patienten auf dem Land besser ist, werde wohl noch viel therapeutische Arbeit liegen bleiben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 30.09.2020 | 16:10 Uhr

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