Frühchenstationen in Mecklenburg-Vorpommern vor dem Aus?

Stand: 26.05.2021 06:29 Uhr

Die Versorgung von Frühgeborenen in Mecklenburg-Vorpommern könnte von 2024 an eingeschränkt werden. Grund dafür ist eine Entscheidung aus Berlin.

von Louisa Maria Carius, Redaktion Politik und Recherche

Die kleine Zoey liegt in ihrem Brutkasten, die Hände sind fast durchsichtig, eine Atemmaske verdeckt das winzige Gesicht. Zoey ist zwar schon zwei Monate alt, trotzdem braucht sie Hilfe beim Atmen und beim Essen. Ohne Hightech-Medizin hätte das Mädchen keine Chance. Denn Zoey ist bereits Mitte der 24. Schwangerschaftswoche auf die Welt gekommen - normal sind 40 Wochen. Bei ihrer Geburt wog sie 480 Gramm. Ein Extremfrühchen, aber eine Kämpfernatur, erzählt Mutter Stefanie. Die Kleine lache viel. "Ich merke, dass sie sich freut, unter uns zu sein."

Neue Mindestmengen

Zoey ist im März im Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg geboren. Es hat ein sogenanntes Perinatalzentrum Level 1. Hier können kranke Babys und Frühchen unabhängig von Größe, Alter und Gewicht behandelt werden - noch. Denn der gemeinsame Bundesausschuss, das höchste Beschlussgremium im deutschen Gesundheitswesen, hat entschieden, die Mindestanzahl für die Behandlung von Frühgeborenen unter 1.250 Gramm hochzusetzen. Von 14 Fällen pro Jahr auf 25. Das hätte für Mecklenburg-Vorpommern dramatische Folgen. Denn die neue Mindestmenge von 25 erreichen nur die Kliniken in Schwerin und Rostock. Greifswald und Neubrandenburg liegen darunter.

Kritik an starren Zahlen

Der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Neubrandenburg, Dr. Sven Armbrust, sieht die höhere Mindestmenge kritisch. "Stattdessen müssen wir sagen, welche Kriterien brauchen wir, um zu definieren, ob das eine gute oder eine schlechte Qualität ist. Und wenn man Kliniken hat, die schlechte Qualität liefern, dann müssen sie die verbessern oder es muss Konsequenzen haben." Stationen aber auf Basis von Mindestmengen zu schließen hält er für den falschen Weg. Unterstützung für die Mindestmenge von 25 kommt hingegen vom Verein "Das Frühgeborene Kind e.V.". Referentin Sabine Leitner meint, die Qualität jedes einzelnen Krankenhauses könne nicht betrachtet werden, weil es eine Regelung für ganz Deutschland sei. Die ein oder andere Station müsse diesem Gesamtheitsentschluss weichen. Auch wenn sie gute Arbeit leiste.

Studienergebnisse sprechen für Mindestmengen

Frau hat Frühgeborenes auf der Brust, eine Pflegerin hilft ihr.
Eine gute Betreuung für zu früh geborene Kinder ist wichtig - Moritz und seine Mutter haben sich gut aufgehoben gefühlt.

Die Studienlage sei eindeutig, sagt Sabine Leitner: "Umso mehr Frühgeborene in einem Krankenhaus im Jahr behandelt werden, desto besser ist deren Überlebenschance, und desto besser ist deren Überleben ohne schwere Erkrankung." Sabine Leitner favorisiert eine Zentralisierung der Frühchen-Behandlung. Risikoschwangere sollten ihrer Ansicht nach frühzeitig identifiziert und in der Nähe von Krankenhäusern - ähnlich wie in Schweden - in sogenannten Boardingzentren untergebracht werden. Frühgeburten seien fast immer planbar, so Leitner, deswegen gehe es nicht um eine wohnortnahe Versorgung. Kinderarzt Dr. Armbrust widerspricht, Frühgeburten seien eben nicht immer planbar und die Wege im Land könnten sehr lang werden, sollten Neubrandenburg und oder Greifswald von 2024 an keine kleinen Frühchen mehr versorgen dürfen.

Lange Wege statt Krankenhaus um die Ecke

"Wir sind ein großes Land. Wenn Sie eine Alarmierung haben, selbst wenn Sie das über den Rettungshubschrauber machen, dann sind Sie schnell 45 Minuten, eine Stunde, unterwegs." Wer zentralisieren wolle, müsse erst einmal andere Strukturen dafür schaffen. Es bestehe außerdem ein gewisses Restrisiko. "Das wird steigen für die Kinder, die dann ungeplant, zu früh, irgendwo in der Peripherie und Walachei auf die Welt kommen wollen." Und wer immer Schweden anführe, müsse auch sagen, dass es dort viel mehr Fälle gebe, in denen es Menschen wegen der langen Wege nicht mehr rechtzeitig in ein Krankenhaus schafften, so Armbrust. Das gehöre zur Wahrheit dazu.

Eltern entscheiden nach Fahrzeit

Zwei Zimmer neben Zoey liegt Merle auf der Neubrandenburger Frühchenstation. Einen Brutkasten braucht sie inzwischen nicht mehr. Sie ist schon sieben Wochen alt, gesund und entwickelt sich gut - ein medizinischer Erfolg und keine Selbstverständlichkeit. Merles eineiige Zwillingsschwester Nele ist in der 23. Woche gestorben. Die beiden teilten sich eine Plazenta, deswegen schwebte Merle nach Neles Tod in Lebensgefahr. Trotzdem schafften die Ärzte es, die Mädchen bis zur 30. Woche im Bauch der Mutter zu lassen. Nach dem Schock über den Tod des einen Zwillings fuhren Elisa Nickel und ihr Mann in die nächste Klinik nach Neubrandenburg. Mindestmengen oder "Outcomeparameter" seien ihnen in dieser Situation nicht wichtig gewesen: "Irgendwelche Zahlen, Daten, Fakten noch zu prüfen, in der Situation ist einem das völlig egal. Dann sucht man die nächstgelegene Klinik auf und ist froh, dass man nicht ganz so weit fahren muss."

Wohnortnähe ist familienfreundlich

Merles Familie stammt aus Prenzlau - 50 Kilometer von Neubrandenburg entfernt. Nach Greifswald sind es 120 Kilometer, nach Berlin 100. Wären Mutter und Tochter in einem weiter entfernten Krankenhaus, müsste es auch für den zweijährigen großen Bruder eine Lösung geben. Aber anders als Schweden gibt es diese Infrastruktur eben noch nicht. Familie Nickel ist deswegen glücklich und zufrieden, dass das Klinikum Neubrandenburg sie aufnehmen durfte. Merle geht es gut, Mama Elisa kann regelmäßig nach Hause fahren, um ihren Sohn zu sehen, und der Papa kann noch nach der Arbeit in der Klinik bei seiner kleinen Tochter vorbeischauen. Mindestmengen sollen Qualität garantieren - in einem dünn besiedelten Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern bedeuten Mindestmengen vor allem aber ein ausgedünntes Versorgungsnetz und lange Wege, warnt der Mediziner Armbrust.

Ausnahmeregelung für Neonatologien in MV?

Bislang kann die Krankenhaus-Planungsbehörde, und das ist das Land Mecklenburg-Vorpommern, die Mindestmengenregelung umgehen. Die Regierung müsste definieren, dass bei der Schließung oder eingeschränkten Tätigkeit mehrerer Frühchen-Stationen eine Gefährdung der flächendeckenden Versorgung der Bevölkerung vorläge. Dann könnte sie die Nichtanwendung der Mindestmengenregelung für diesen Bereich festlegen. Noch - denn Gesundheitsminister Spahn plant, diese Möglichkeit abzuschaffen. Die Versuche des Landes, eine Ausnahmeregelung für die Standorte Neubrandenburg und Greifswald zu finden, würden dann ins Leere laufen. Womöglich müssten die beiden Stationen zusammengelegt werden. Wie es weitergeht, ist unklar. Aber eine Lösung muss es geben, spätestens 2024 - wenn die neuen Mindestmengen für die Behandlung von Frühchen in Kraft treten.

Weitere Informationen
Detailaufnahme eines Frühchens im Brutkasten. © picture alliance / dpa Foto: Arno Burgi

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 25.05.2021 | 16:00 Uhr

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